Sankt Petersburger Wirtschaftsforum: Deutsche Energiekonzerne werben für eine Wasserstoff-Partnerschaft mit Russland
Deutsche und russische Politiker, Experten und Wirtschaftsvertreter nehmen an einer Veranstaltung bei dem Internationalen Wirtschaftsforum in Sankt Petersburg (SPIEF) teil.
Foto: dpaBerlin. Der Streit über die Ostseepipeline Nord Stream 2, neue Sanktionen wegen russischer Hackerangriffe oder Moskaus Unterstützung für das Regime in Weißrussland: Die globale Großwetterlage ist für deutsche Unternehmen im Russlandgeschäft momentan extrem schwierig.
Der bilaterale Handel zwischen Deutschland und dem weltgrößten Energieexporteur sinkt seit Jahren. Der Warenaustausch mit Russland hinkt inzwischen klar hinter dem deutschen Handel mit deutlich kleineren Ländern wie Polen, Tschechien und Ungarn her.
Nun wollen die vor allem im Energiegeschäft starken deutschen Unternehmen ihre enge Zusammenarbeit mit Russland erhalten und vertiefen: Man dürfe es nicht der Politik überlassen, wie die künftigen Beziehungen zu Russland gestaltet und die Gasimporte aus dem Riesenreich gestaltet würden.
Es müsse mehr Einfluss genommen werden im Dialog „mit Medien und Influencern, um nicht das gleiche Schicksal wie vor einigen Jahren die Atomkraft zu erleiden“, sagte Klaus Mangold, einst langjähriger Vorsitzender des Ost-Ausschusses der deutschen Wirtschaft und heute Unternehmensberater und Aufsichtsratschef bei Knorr-Bremse, auf dem Sankt Petersburger Wirtschaftsforum am Freitag.
Dabei kämpft die deutsche Wirtschaft bisher allein. In den Diskussionsrunden mit Wirtschaftsvertretern aus jeweils einem großen Industrieland auf dem von Russlands Präsident Wladimir Putin gegründeten Wirtschaftsforum sind meist auch Minister aus den Regierungen der jeweiligen Staaten zugeschaltet.
Am Nachmittag wird zum Hauptevent mit Kremlchef Putin Österreichs Kanzler Sebastian Kurz per Video erwartet. Aus Deutschland nimmt dagegen nicht einmal online ein Regierungsmitglied teil. Ranghöchster Vertreter der deutschen Politik beim Forum an der Newa ist Linken-Politiker Klaus Ernst, Vorsitzender des Wirtschaftsausschusses des Bundestags.
Die Chefs deutscher Konzerne wie Siemens Energy, Uniper, Wintershall-Dea diskutierten so mit russischen Oligarchen wie Stahlmagnat und Tui-Großinvestor Alexej Mordaschow und Öl- und Maschinenbauinvestor Wiktor Wekselberg quasi unter sich über Wege zu mehr Zusammenarbeit – vor allem auf den Gebieten grüner Energien und Digitalisierung.
Das Thema Wasserstoff steht im Mittelpunkt
Dabei geht es vor allem um Zusammenarbeit im Bereich der Wasserstoffwirtschaft. Dazu schlug der Präsident der deutsch-russischen Auslandshandelskammer (AHK), der scheidende Vorstandschef des österreichischen Ölkonzerns OMV, Rainer Seele, eine deutsch-russische Wasserstoff-Partnerschaft vor.
Allerdings gibt es dabei ein großes Problem: Russland verfügt bisher kaum über erneuerbare Energien. Es gibt so gut wie keine großen Windparks oder Solarfarmen. Bis 2030 will das Land auf einen Erneuerbaren-Anteil von vergleichsweise geringen 4,9 Prozent im russischen Energiemix kommen. Und deshalb will der größte Flächenstaat der Welt auf den globalen Trend aufspringen – mit Wasserstoff, der mit Erdgas oder Atomstrom gewonnen wird.
Beim Bemühen um die Deutungshoheit über die künftige Wasserstoffstrategie sprangen die deutschen Industrievertreter, die für stark in Russland engagierte Konzerne arbeiten, dem Kreml zur Seite: „Wir brauchen offene technologische Lösungen und nicht politische Vorgaben für grünen Wasserstoff“, sagte Seele. „Egal woher er kommt, egal ob grün oder blau: Wasserstoff ist Wasserstoff, er ist farblos.“ Als blauer Wasserstoff wird jener bezeichnet, der aus Erdgas erzeugt wird, als grüner solcher, der mithilfe von Wind- oder Solarstrom gewonnen wird.
Seeles Haltung schlossen sich auch Mario Mehren von Wintershall-Dea, Klaus-Dieter Maubach von Uniper und Christian Bruch von Siemens Energy an. „Wir müssen jetzt schnell konkrete Wasserstoffprojekte umsetzen“, sagte Bruch. Denn: „Wenn wir das nicht schaffen, überlassen wir es der Politik“, auf welchen Wasserstoff gesetzt werde.
Unternehmensvertreter sprechen sich für Fertigstellung von Nord Stream 2 aus
Das Problem dabei sowohl für russische Erdgaskonzerne wie Gazprom oder Nowatek wie auch für deutsche Versorger: Die deutsche Politik steht von Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) bis hin zum Koalitionspartner SPD wie auch den Grünen klar für eine Strategie mit grünem Wasserstoff.
Ebenso klar sprachen sich die deutschen Unternehmensvertreter für die Fertigstellung der umstrittenen Ostsee-Gaspipeline Nord Stream 2 aus. Uniper und Wintershall-Dea sind wie OMV enge Partner des vom Kreml kontrollierten Gaskonzerns Gazprom. Tatsächlich macht die Pipeline nach Worten von Putin Fortschritte. Der erste von zwei Strängen der Ostseepipeline sei fertig. Der russische Gaskonzern Gazprom sei bereit, die Leitung zu befüllen, sagte Putin. Auf russischer Seite sei die Pipeline startklar. Russland sei bereit, weiterhin solche internationalen Projekte wie Nord Stream 2 umzusetzen, betonte Putin.
Die AHK Moskau gab derweil bekannt, dass die deutschen Investitionen in Russland im ersten Quartal erstmals seit Längerem wieder angestiegen sind: auf 1,1 Milliarden Euro.