Standortfaktor Deutschland: Wenn das ostdeutsche Image gefragte Experten aus dem Ausland vergrätzt
Berlin. Selbstverständlich kam der Ministerpräsident zum 125-jährigen Firmenjubiläum von Koenig und Bauer. Denn der Druckmaschinenhersteller mit 1800 Mitarbeitern am Standort in Sachsen ist der größte Maschinenbauer des Freistaats. Und doch musste Michael Kretschmer (CDU) Ende August des vergangenen Jahres vom Vorstand Ralf Sammeck eine unangenehme Nachricht erfahren: Ein belgischer Ingenieur würde gern für das Unternehmen arbeiten, seine Frau aber wolle mit den Kindern auf gar keinen Fall nach Ostdeutschland ziehen.
In Radebeul, da wo Weinberge und alte herrschaftliche Residenzen das Landschaftsbild prägen, entwickeln, konstruieren und montieren die Experten von Koenig und Bauer Anlagen für Druckerzeugnisse und Verpackungen. Das Unternehmen sucht stetig Experten, um seine Kunden in rund 200 Ländern weltweit zu beliefern. Das nahe gelegene Dresden bietet allerlei Kultur. Und doch fällt es selbst einem Traditionsunternehmen schwer, Fachkräfte anzulocken.
Ministerpräsident Kretschmer weiß, dass das Image Ostdeutschlands in der Welt ramponiert ist: fremdenfeindliche Übergriffe in den Schlagzeilen, rechte Gruppen marschieren seit Jahren zu Demos auf, der Aufstieg der AfD.
Der Ministerpräsident bot dem Unternehmer an: Seine Frau helfe gern, die Skepsis bei einem „Look & See“-Trip zu zerstreuen. Drei Tage lang begleitete sie das belgische Ehepaar durch Dresden, besichtigte mögliche Wohnviertel, Kindergärten, die internationale Schule. „Mit großem Erfolg“, berichtet Vorstand Sammeck. „Der Ingenieur hat seine Arbeit bei uns bereits aufgenommen.“
Tausende Fachkräfte werden gesucht
Beispiele wie in Dresden gibt es viele. Sie nähren den Verdacht, der Aufstieg der Rechtspopulisten werde die wirtschaftliche Entwicklung im Osten der Republik weiter schwächen. Wie soll es erst nach der Landtagswahl in diesem Jahr werden? Die AfD liegt überall in den Umfragen auf Platz eins – in Sachsen, in Thüringen, sogar in Brandenburg. Und dann ist da noch die Europawahl im Sommer.
Bereits jetzt fragen sich Unternehmer, ob das Image des Wirtschaftsstandorts weiter Schaden nimmt, ausländische Fachkräfte flüchten oder neue gar nicht mehr kommen wollen. Womöglich bleiben auch Investitionen aus. Was dann?
Gerade in Ostdeutschland suchen Unternehmen händeringend Fachkräfte. Allein beim US-Chiphersteller Intel sollen bis zum Produktionsstart des neuen Werks in Magdeburg 3000 Arbeitsplätze entstehen. Das Unternehmen will 30 Milliarden Euro investieren.
In Sachsen, wo der taiwanesische Chiphersteller TSMC ein Werk für zehn Milliarden Euro bauen will, sollen 2000 Menschen arbeiten. Hinzu kommen noch etliche Jobs rund um die Halbleiterbranche. So rechnet Sachsens Wirtschaftsminister Martin Dulig (SPD) mit Investitionen von insgesamt 30 Milliarden Euro in den nächsten Jahren.
Und doch: 2021 zog es nur 910 der insgesamt 70.000 ausländischen Fachkräfte mit einer Blue Card nach Dresden, 410 waren es in Leipzig, 210 in Chemnitz und gerade einmal 205 in Magdeburg.
Was also tun? Erst kürzlich hatte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (SPD) Arbeitgeber und Gewerkschaften ins Schloss Bellevue eingeladen, um dafür zu werben, sich gegen Extremisten zu stellen. Nationalistische Abschottung, das Gerede der Extremisten vom Austritt aus der EU, Hass auf Menschen mit Migrationsgeschichte seien Gift für Arbeitsplätze und den Wohlstand, hatte Steinmeier erklärt.
Der Chef der Deutschen Bank, Christian Sewing, erklärte, die Konzepte der AfD förderten einen wirtschaftlichen Niedergang Deutschlands. Die AfD lehne Zuwanderung ab, obwohl Fachkräfte fehlten. Sie sei für eine Abschottung, obwohl der wirtschaftliche Erfolg Deutschlands auf der Globalisierung fuße.
Inwieweit der Vormarsch der Extremisten dem Wirtschaftsstandort schadet, ist indes statistisch schwer zu belegen. Die Datenlage ist schlecht, heißt es etwa beim Institut für Wirtschaftsforschung in Halle. Auch das Statistische Bundesamt hat kaum Datenmaterial.
„Das Image einer Region ist nur ein Faktor von vielen für eine Investitionsentscheidung“, sagt Joachim Ragnitz, Vize-Chef beim Ifo-Institut in Dresden, dem Handelsblatt. Derzeit seien vor allem die Energiekosten und die Bürokratie ein Standortproblem.
Indes stehe für Ragnitz fest: „Vor allem für ausländische Fachkräfte spielt das Image und die Sorge vor Anfeindungen eine große Rolle.“ Insofern könne es für ein Unternehmen nach der grundsätzlichen Standortentscheidung für Deutschland durchaus eine Rolle spielen, wie stark die Ausländerfeindlichkeit, repräsentiert durch Rechtspopulisten, in einer Region ist.
„Ohne Forschung und Entwicklung kann ein Bundesland wie Sachsen nicht erfolgreich sein“, sagt der Vizechef des Ifo. Gerade diese Felder seien in der Wirtschaft sehr international geprägt. Allein aus diesen Gründen sei es wichtig, „dass Unternehmen nach außen Stellung gegen Rechtspopulisten beziehen“.
Unternehmen werben für Vielfalt
Die Wirtschaft spricht diese Themen verstärkt an, doch das allein hilft nicht. „Die Wahlerfolge der AfD – und die internationale Berichterstattung darüber – senden kein positives Bild ins Ausland“, sagt Nils Aldag, Gründer und Chef von Sunfire. Sein Team hilft anderen Unternehmen, fossile Energien in der Produktion durch Wasserstoff, den Sunfire mit eigenen Elektrolyseuren produziert, zu ersetzen.
Dazu braucht Sunfire mehr und mehr Fachkräfte aus dem Ausland: 15 Prozent der Mitarbeiter an den Standorten in Deutschland haben laut Unternehmen keine deutsche Staatsangehörigkeit. Teilweise sind sie nach Deutschland umgezogen, teilweise arbeiten sie remote im Ausland.
„Beide Varianten funktionieren sowohl für uns als auch die Mitarbeitenden gut“, berichtet das Unternehmen. Ein Ausweg, um nicht nur dem Image, sondern auch der Bürokratie zu entgehen: Oft dauere es „zu lange, bis Abschlüsse anerkannt werden. Insgesamt muss man leider sagen, dass der Standort Deutschland attraktiver für ausländische Fachkräfte sein könnte“, sagt Aldag.
Das Institut der Deutschen Wirtschaft kann das mit einem ernüchternden Befund untermauern. Demnach verließen 2022 mehr Ausländer die fünf ostdeutschen Bundesländer als neue hinzukamen.
Spitzenreiter war Sachsen mit einem negativen Wanderungssaldo bei Ausländern von 4196 Personen, Sachsen-Anhalt und Thüringen verloren jeweils knapp 2200 Personen, gefolgt von Mecklenburg-Vorpommern (1949) und Brandenburg (1465). Der Anteil von Ausländern an der Bevölkerung ist in Ostdeutschland deutlich geringer (7,63 Prozent) als in Westdeutschland (17,68 Prozent).
Viele, die die Wahl haben, ziehen lieber in Deutschlands Westen. In den ostdeutschen Bundesländern liegt der Anteil der ausländischen Einwohner mit unbefristetem Aufenthaltstitel – zum Beispiel EU-Bürger – an allen ausländischen Einwohnern laut IW bei durchschnittlich 37 Prozent. Damit sei er eineinhalbmal niedriger als in den westdeutschen Ländern.
Maschinenbauer Ralf Sammeck und sein Team werben indes weiter für ein weltoffenes Sachsen: Die insgesamt 5400 Mitarbeiter bei Koenig und Bauer stammen aus 55 Nationen, verteilt auf elf Produktionsstandorte. Jeden Monat präsentiert ein Standort Besonderheiten aus seinem Land im Konzern.
Und die Kantinen bieten dann Gerichte aus der Region an, Landesflagge inklusive. „Engagement für Weltoffenheit ist keine Frage des Geldes, sondern bedarf kreativer Ideen und eines langen Atems, um Wirkung zu zeigen“, sagt Sammeck.