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Ukraine-KriegEntwarnung für Ferienflieger: Berliner Flughafen erwartet keine Probleme bei Ölembargo

Deutschlands Nordosten ist stark vom russischen Öl abhängig. Brandenburgs Wirtschaftsminister warnt vor den Folgen eines Embargos für den Hauptstadtflughafen. Der Airport reagiert gelassen.Daniel Delhaes, Jens Koenen, Dietmar Neuerer 04.05.2022 - 15:48 Uhr Artikel anhören

Der Flugbetrieb ist nicht in Gefahr.

Foto: dpa

Berlin. Der Hauptstadtflughafen Berlin Brandenburg (BER) sieht ein Lieferembargo für russisches Öl eher gelassen. Der Flughafen müsse sich keine Sorgen machen, sei durch die Fluggesellschaften aber letztlich dennoch indirekt betroffen, sagte Flughafenchefin Aletta von Massenbach. Die Airlines hätten wegen des Kerosins eigene Lieferverträge mit Mineralölgesellschaften.

Der BER habe Anzeichen dafür, dass die Mineralölfirmen „ihren Lieferverpflichtungen nachkommen können“, betonte von Massenbach. Der Flughafen stelle zwar die Infrastruktur für die Lagerung des Kerosins, erläuterte die Flughafenchefin, die Lieferverträge seien aber Sache der Fluggesellschaften mit den Ölkonzernen.

Brandenburgs Wirtschafts- und Energieminister Jörg Steinbach (SPD) sieht die Lage hingegen weniger gelassen. Hintergrund ist, dass der Großraum Berlin-Brandenburg zu 95 Prozent mit Benzin, Diesel und Heizöl aus der PCK-Raffinerie im brandenburgischen Schwedt versorgt wird. Auch der Hauptstadtflughafen ist vom Kerosin der Raffinerie abhängig, die mehrheitlich dem russischen Staatskonzern Rosneft gehört.

Laut Steinbach wäre die Raffinerie in Schwedt von einem Ölembargo „entscheidend betroffen“. „Sie ist Teil der unbedingt zu schützenden kritischen Infrastruktur. Von dort werden Nordostdeutschland, der Flughafen BER und Regionen im westlichen Polen mit Diesel, Benzin und Kerosin versorgt. Ohne PCK wäre dort weitgehend Stillstand“, sagte Steinbach der „Rheinischen Post“.

Die EU-Kommission hatte am Vormittag ein Ölembargo gegen Russland vorgeschlagen. Dann dürften europäische Firmen kein Öl mehr aus dem Land importieren.

Man wolle russische Rohöllieferungen innerhalb von sechs Monaten und den Import raffinierter Erzeugnisse bis Ende des Jahres auslaufen lassen, erklärte Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen vor dem Europäischen Parlament. „Auf diese Weise maximieren wir den Druck auf Russland und halten gleichzeitig Kollateralschäden für uns und unsere Partner weltweit möglichst gering.“

Luftfahrt-Manager halten Embargo für verkraftbar

Ausnahmeregelungen sind wohl nur für Ungarn und die Slowakei geplant. Die beiden Länder sehen sich wegen eines fehlenden Meereszugangs nicht in der Lage, schnell alternative Lieferquellen zu erschließen.

Im vergangenen Jahr stammten nach Angaben des Bundeswirtschaftsministeriums 35 Prozent des in Deutschland verbrauchten Erdöls aus Russland. Ein Drittel davon erreichte Deutschland auf dem Seeweg, zwei Drittel über die Pipeline „Druschba“ („Freundschaft“). Das Pipelineöl wird unter anderem in der PCK-Raffinerie in Schwedt verarbeitet.

Die Flughafengesellschaft Berlin-Brandenburg (FBB) betonte indes, dass der BER nicht nur von Schwedt abhängig sei, sondern schon jetzt auch aus Rostock und von einer Raffinerie im niedersächsischen Bramsche beliefert werde. „Die Airlines am BER sind nicht von der Frage abhängig, ob die Raffinerie in Schwedt weiter Rohöl bekommt“, sagte Airport-Sprecher Hannes Hönemann dem „Tagesspiegel“.

Was Demonstranten seit Längerem fordern, kommt jetzt: ein Embargo auf russisches Öl.

Foto: dpa

Luftfahrt-Manager glauben denn auch, dass ein Ausfall russischer Öllieferungen für die Branche insgesamt zu verkraften sein wird. Das meiste Öl, das als Kerosin den Weg in die Flugzeuge findet, kommt über die Nordseehäfen ins Land. Größere Ausfälle werde es deshalb wohl nicht geben.

„Nach Stand der Dinge rechnen wir damit, dass sich bei einem russischen Ölembargo die Versorgung mit ausreichend Kerosin an deutschen Flughäfen weitgehend sichern lässt“, sagte der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL), Matthias von Randow, dem Handelsblatt. Nach Auskunft des Wirtschaftsverbands Fuels und Energie (en2s) sei dies aber „nicht trivial – insbesondere die logistischen Anforderungen für alternative Transport- und Lieferwege“.

Eine „besondere Situation“ bestehe jedoch beim Berliner Flughafen, sagte von Randow weiter. „Der BER hängt hinsichtlich der Kerosinversorgung zu einem sehr maßgeblichen Teil von den Zulieferungen der Raffinerie Schwedt ab, die derzeit auf russisches Öl angewiesen ist“, erläuterte er. Um den Betrieb sicherzustellen, bedürfe es hier in jedem Fall alternativer Lieferungen. „Nach unseren Informationen arbeiten die Mineralölgesellschaften hieran“, so von Randow.

Lufthansa gibt Entwarnung

Entwarnung gibt die Lufthansa Group, die mit ihren Fluggesellschaften Lufthansa, Swiss, Austrian, Brussels und Eurowings den BER anfliegt. „Wir sind in der Lage, unseren Treibstoffbedarf ohne Kerosin aus russischem Rohöl zu decken“, sagte eine Konzernsprecherin dem Handelsblatt.

Die größte Airline in der Hauptstadtregion ist Easyjet, die vom BER aus rund 70 Verbindungen anbietet. Ryanair ist die zweitgrößte Airline in der Region und bedient von hier aus 49 Strecken.

Laut dem BER kaufen die Airlines Kerosin selbst bei einem der zahlreichen Anbieter. Sie tanken „bedarfsgerecht an verschiedenen Standorten überall auf der Welt“, erläuterte der Flughafensprecher. Der Flugbetrieb ist somit nicht in Gefahr.

Auch beim Flughafenverband ADV ist man zuversichtlich, dass eine solche Situation zu bewältigen ist. „Ein Öl-Embargo hätte für die deutschen Flughäfen und den gesamten deutschen Luftverkehr gravierende Folgen, sofern es nicht gelingt, die ausgefallenen Liefermengen zu kompensieren“, warnt ADV-Hauptgeschäftsführer Ralph Beisel zwar. Allerdings gehe der ADV „nach Gesprächen mit der Bundesregierung davon aus, dass wegfallende Rohöllieferungen aus Russland durch andere Lieferungen ersetzt werden.“

Wie fehlende Lieferungen aus Russland aufgefangen werden können, ist aktuell allerdings noch offen, heißt es in der Branche. Ebenso die Frage, ob dazu eventuell auch Reservevorräte des Bundes und der EU genutzt werden könnten. „Sollte es dennoch zu Versorgungsengpässen bei Kerosin kommen, müsste eine Verteilung analog zum Notfallplan Gas erfolgen“, sagte Beisel weiter. Entsprechende Regelungen zur Verteilung von Rohöl müsste in Fall der Bund veranlassen.

Habeck setzt bei Alternativen auf polnische Hilfe

Der Verbraucherzentrale Bundesverband (VZBV) forderte von der Bundesregierung, sicherzustellen, dass überall in Deutschland ausreichend Kraftstoff für die alltäglich notwendige Mobilität verfügbar sei. „Sollten Flüge aufgrund von Kraftstoffmangel ausfallen, dann dürfen sich die Airlines nicht auf höhere Gewalt berufen, sondern müssen die Fluggastrechte einhalten“, sagte die Mobilitätsexpertin des VZBV, Marion Jungbluth.

Die PCK-Raffinerie in Schwedt spielt eine Schlüsselrolle für die Versorgung im Osten Deutschlands. Deswegen lehnt Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck auch ein abruptes Ende der Öleinfuhren ab.

Ein sofortiger Einfuhrstopp würde Preissprünge oder auch Engpässe bei der Versorgung auslösen können, gerade in Ostdeutschland, sagte er. „Dort wird es rumpelig werden, wenn es jetzt stattfinden würde.“ Bei seinem Besuch in Warschau hatte der Minister am vergangenen Dienstag davon gesprochen, er suche hier nach Alternativen für die Belieferung der Raffinerie und hoffe, diese in Tagen finden zu können.

Der russische Energiekonzern Rosneft hatte im vergangenen Jahr einen Großteil der Erdölraffinerie PCK in Schwedt übernommen.

Foto: dpa

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Das Szenario könnte so aussehen: Über den Hafen in Danzig könnte Öl per Schiff angelandet werden, das über eine bestehende Pipeline nach Schwedt geliefert werden könnte. Auch vom deutschen Ostseehafen Rostock aus könnte Schwedt über eine Pipeline versorgt werden.

Doch Brandenburgs Wirtschaftsminister Steinbach sieht das skeptisch. „Die Schiffsanlandung von Rohöl über die Häfen von Rostock und Danzig ist möglich, würde den Betrieb der Raffinerie aber erheblich beeinträchtigen. Das liegt an den begrenzten Kapazitäten der Häfen“, sagte der SPD-Politiker. Versorgungsengpässe und steigende Preise im Osten Deutschlands könnten die Folge sein.

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