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Arbeitsmarkt Joe Biden: „Die US-Wirtschaft kommt zum Stillstand“

Die Pandemie hinterlässt in den USA tiefe Spuren am Arbeitsmarkt, die Zahl der Insolvenzen steigt. Die künftige US-Finanzministerin Yellen warnt vor einer „amerikanischen Tragödie“.
04.12.2020 Update: 04.12.2020 - 22:21 Uhr Kommentieren
Biden sieht die USA „in einer der schlimmsten Wirtschafts- und Arbeitsmarktkrisen der modernen Geschichte“. Quelle: AP
Zukünftiger US-Präsident Joe Biden

Biden sieht die USA „in einer der schlimmsten Wirtschafts- und Arbeitsmarktkrisen der modernen Geschichte“.

(Foto: AP)

Denver Schon seit Monaten prägen Zeltstädte das Bild in Denvers Innenstadt. Mal ist es nur eine kleine Ansammlung an einer Straßenecke. Mal sind es Dutzende Zelte, die zu einem Magnet für die zunehmende Zahl an Obdachlosen in der Stadt werden.

Am Mittwoch entschied sich Bürgermeister Michael Hancock zu einem ungewöhnlichen Schritt. Er lässt „sichere Außenräume“ schaffen, die beaufsichtigt werden, Handwasch-Stationen bieten, Toiletten und medizinische Versorgung. Gerade jetzt in den Wintermonaten soll das das Schlimmste verhindern, auch mit Blick auf die Covid-Infektionen, die seit dem Sommer drastisch angestiegen sind.

Denver ist längst nicht die einzige Stadt in den USA, die mit einem steigenden Problem der Obdachlosigkeit zu kämpfen hat. Auch in der Hauptstadt Washington, in Charlotte, in Los Angeles, San Francisco und San José mehren sich die Zelte im Straßenbild.

Und da Ende des Jahres sowohl Hilfen für Langzeitarbeitslose auslaufen als auch ein Moratorium, das es Vermietern bisher untersagt hat, säumige Mieter vor die Tür zu setzen, wird sich die Lage in den kommenden Monaten vermutlich noch verschlimmern.

Die Aktienmärkte sind in Rekordstimmung, aber die Erholung der US-Wirtschaft hat im November an Schwung verloren. Das zeigen die jüngsten Arbeitsmarktdaten. Demnach entstanden im November 245.000 neue Stellen. Das ist weniger als erwartet. Es ist auch der fünfte Monat in Folge, in dem das Stellenwachstum abnimmt. Im Oktober wurden noch 610.000 neue Stellen geschaffen.

Eine Arbeitslosenquote von 6,7 Prozent beschönigt die Lage

Die Arbeitslosenquote fiel leicht auf 6,7 Prozent, was jedoch vor allem damit zu tun hat, dass viele Amerikaner gar nicht mehr auf Jobsuche gehen. Das betrifft gerade Frauen, die sich verstärkt um die Betreuung ihrer Kinder kümmern.

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„Das sind düstere Zahlen. Sie zeigen, dass die US-Wirtschaft zum Stillstand kommt. Das bestätigt, dass wir uns in einer der schlimmsten Wirtschafts- und Arbeitsmarktkrisen der modernen Geschichte befinden“, sagte der künftige US-Präsident Joe Biden und verwies vor allem auf den Anstieg der langfristigen Arbeitslosigkeit, die so hoch sei wie noch nie.

Biden betonte außerdem, dass sich die Lage im Land in den vergangenen Wochen noch einmal deutlich verschlechtert habe. „Amerikaner brauchen Hilfe, und zwar jetzt“, stellte Biden klar und forderte den Kongress dringend zum Handeln auf. „Wenn wir jetzt handeln, und ich meine jetzt, dann können wir Schwung zurückgewinnen. Wenn wir nicht handeln, dann wird die Zukunft sehr düster sein.“

Die Zahl der Covid-Infektionen hat sich im November verdoppelt. Am Mittwoch starben 3100 Amerikaner, es war der Tag mit den höchsten Todesfällen seit Beginn der Pandemie. Auch haben Bundesstaaten eine Reihe von neuen Restriktionen angeordnet. Kalifornien verkündete am Donnerstag weitere, regionale Lockdowns, weil die Krankenhäuser an ihre Kapazitätsgrenzen stoßen.

Die schlechte Lage am Arbeitsmarkt hat in den vergangenen Tagen auch die Politiker in Washington dazu bewegt, erneut einen Kompromiss für ein Konjunkturpaket zu finden. Eigentlich sollten schon im Sommer zusätzliche Hilfen für die Wirtschaft verabschiedet werden, doch die Parteien konnten sich im tief zerstrittenen Washington nicht einigen.

Nun jedoch mehren sich die Signale auf beiden Seiten, zu Zugeständnissen bereit zu sein. „Wir müssen das Arbeitslosengeld aufstocken. Wir müssen kleinen Unternehmen wie Restaurants helfen. Die Airlines brauchen weitere Unterstützung und Schulen ebenfalls“, räumte Larry Kudlow, der Wirtschaftsberater von US-Präsident Donald Trump, am Freitag ein. „Die Unternehmen und die Schulen müssen allerdings offen bleiben“, sagte er im US-Börsensender CNBC.

Die künftige Finanzministerin beschreibt eine düstere Lage

Janet Yellen, die unter Trumps Nachfolger Biden Finanzministerin werden soll, warnte vor langfristigen Schäden für die Wirtschaft. Die Pandemie habe die Schwächsten besonders stark getroffen. Viele Mittelständler „kämpfen ums Überleben oder haben bereits aufgegeben“, beschrieb Yellen die Lage.

Die frühere Fed-Chefin soll unter dem künftigen US-Präsidenten Finanzministerin werden. Quelle: AP
Janet Yellen und Joe Biden

Die frühere Fed-Chefin soll unter dem künftigen US-Präsidenten Finanzministerin werden.

(Foto: AP)

„Es gibt so viele Amerikaner, die nicht wissen, wie sie Essen, ihre Rechnungen und die Miete bezahlen sollen. Das ist eine amerikanische Tragödie“, sagte Yellen in dieser Woche und rief dringend zu neuen Konjunkturhilfen auf. Sollten die Konjunkturhilfen ausbleiben, könnte das einen Abschwung hervorrufen, der „sich selbst verstärkt“, warnte die ehemalige Notenbankchefin.

Die Qualität der Arbeitsplätze hat in den vergangenen Monaten ebenfalls abgenommen, wie der Job Quality Index zeigt. Im November verloren vor allem Mitarbeiter in Restaurants, im Einzelhandel und in Schulen ihre Stellen. „Sie wurden ersetzt durch Kurierdienste und Lagermitarbeiter, was vermutlich nur temporäre Jobs sind“, gibt Peter Atwater vom Analysehaus Financial Insyghts zu bedenken.

Selbst wenn es in den kommenden Wochen noch zu einem Durchbruch in Washington kommen sollte, sieht Biden dies lediglich als einen ersten Schritt. Er hat sein Kabinett mit Experten besetzt, die vor allem das Wohl der Normal- und Geringverdiener im Blick haben.

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Bidens oberste Wirtschaftsberaterin soll die Arbeitsmarktökonomin Cecilia Rouse werden. Sie ist derzeit Dekanin der School of Public and International Affairs an der Elite-Universität Princeton. Im April sprach sie sich für ein Gesetz aus, das Lohnfortzahlung im Arbeitsfall garantiert. Die Pandemie sei eine verheerende Krise, aber auch eine „Chance, um eine bessere Wirtschaft aufzubauen, eine, die für alle funktioniert, die erfüllende Jobmöglichkeiten bereithält und in der niemand durchs Raster fällt“, sagte sie am Dienstag bei ihrer Nominierung.

Die Zahl der Insolvenzen steigt um 46 Prozent

Arbeitsmarktexperten zufolge brauchen nicht nur Privatpersonen Überbrückungsgelder vom Staat, sondern auch Unternehmen. Die Zahl der Insolvenzen nach dem Verfahren Chapter 11 lag im November um knapp 46 Prozent über dem Vorjahr. Das Verfahren erlaubt es den Unternehmen, Schulden abzubauen und sich unter Gläubigerschutz zu restrukturieren. Oft ist dieser Prozess mit einem massiven Stellenabbau verbunden.

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Gleichzeitig ist die Zahl der sogenannten Zombie-Unternehmen deutlich gestiegen, der Finanznachrichtenagentur Bloomberg zufolge von rund 300 auf mehr als 500. Als Zombie-Unternehmen werden all jene Firmen bezeichnet, die ihre Zinskosten nicht decken können. Viele börsennotierte Unternehmen haben sich am Kapitalmarkt frisches Geld besorgt und damit ihre Schulden deutlich nach oben getrieben. Dazu gehören Boeing, Carnival, Delta, Exxon und Macy’s.

Die Zombie-Unternehmen haben Bloomberg zufolge einen Schuldenberg von insgesamt 1,4 Billionen Dollar angehäuft. Das ist fast dreimal so viel wie nach der Finanzkrise 2008. Branchenkenner fürchten, dass eine Reihe hochverschuldeter Unternehmen in den kommenden Monaten in die Pleite rutschen könnte.

Eine solche Pleitewelle wäre fatal, glaubt Daniel Alpert, Partner bei der Investmentbank Westwood Capital, der auch an der Cornell Law School in Ithaca, New York, lehrt. Die Regierung müsse verhindern, dass es genau dann eine neue Pleitewelle gibt, wenn sich die Wirtschaft dank eines Impfstoffs eigentlich wieder stabilisieren könnte. Unternehmen bräuchten daher dringend staatliche Hilfe, „damit sie im Aufschwung schnell wieder Mitarbeiter einstellen können“.

Mehr: Biden will den Kapitalismus zähmen – ein Kommentar

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