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Arrow 3Das kann Deutschlands neue Raketenabwehr

Abwehr von Hyperschallwaffen, bis zum Weltall: Für Milliarden Euro sollen Arrow-3-Systeme den deutschen Luftraum schützen. Eine der Anlagen ist bereits scharf gestellt.Kai Thomas 16.01.2026 - 14:11 Uhr Artikel anhören
Arrow 3 der Luftwaffe: Das System schießt feindliche Raketen bereits oberhalb der Erdatmosphäre ab. Foto: AFP

Düsseldorf. Das stumme Schwarz-Weiß-Video einer Überwachungskamera war kurz, aber für Militärs aufschlussreich: Sechs riesige, grelle Feuerbälle durchdrangen die Dunkelheit über der ukrainischen Stadt Dnipro und schlugen extrem schnell auf dem Boden auf.

Nur wenige Stunden nach dem Angriff am 21. November 2024 prahlte Russlands Präsident Wladimir Putin bereits mit der neuartigen Hyperschallwaffe im Fernsehen. Er warnte, dass die nächste „Oreschnik“ gegen die Nato-Verbündeten der Ukraine gerichtet sein könnte, die Kiew erlaubt hatten, mit Raketen tief innerhalb Russlands anzugreifen. Anfang des Jahres hat Russland die Ukraine zum zweiten Mal mit der Waffe angegriffen.

Europa rüstet seine Luftabwehr massiv auf – allen voran Deutschland. Ein Baustein: Arrow 3 aus Israel, eines der modernsten Systeme zur Abwehr von Langstreckenraketen. Die erste von drei Abschussbatterien dieser Art hat die Luftwaffe Anfang Dezember 2025 in Betrieb genommen.

Was macht den „Pfeil“ so besonders? Wo genau wird die Luftabwehr stationiert, wann ist sie voll einsatzbereit? Wie teuer ist sie? Das Handelsblatt beantwortet die wichtigsten Fragen.

Was kann Arrow 3 leisten?

Arrow 3 ist ein Waffensystem zur Bekämpfung von Mittel- und Langstreckenraketen. Dazu zählen unter anderem Atom- und Hyperschallraketen. Das System wurde gemeinsam von Israel und den USA entwickelt. Die Bundeswehr nennt es offiziell AWS-G (Arrow Weapon System for Germany).

Arrow 3 bildet die oberste Schicht einer Luftverteidigung. Es kann feindliche Raketen in bis zu 100 Kilometer Höhe, also schon im beginnenden Weltraum, und bis zu 2400 Kilometer entfernt abfangen. Es schützt so vor Angriffen, die die etablierten Luftabwehrsysteme der Nato wie Patriot und IRIS-T SLM nicht mehr abdecken. Arrow 3 besitzt eine sehr kurze Reaktionszeit, seine Flugkörper erreichen mehrfache Schallgeschwindigkeit.

Das System arbeitet nach dem „Hit-to-Kill“-Prinzip. Dabei wird die anfliegende Rakete nicht durch eine Explosion von Sprengsätzen in der Umgebung, sondern durch einen direkten Beschuss in großer Höhe zerstört. Der Lenkflugkörper besteht dazu aus zwei Antriebsstufen und einem kinetischen Projektil, das sich abtrennt und das Ziel auf letzter Distanz selbstständig sucht und attackiert. Schädliche Kampfstoffe sollen laut Hersteller so möglichst gefahrlos zerstäubt werden.

Das komplette Arrow-System besteht aus dem elektronischen Gefechtsstand, Radarsensoren, Startgeräten mit Lenkflugkörpern und weiteren Peripherie-Geräten.

Kann Arrow 3 Hyperschallraketen abfangen?

Die Bundeswehr will mit Arrow 3 eigenen Angaben zufolge vor allem russische Angriffe mit der Hyperschallrakete Oreschnik abwehren können. Das System ist demnach auch für Angriffe mit hochfliegenden Raketen ausgelegt, die mit nur wenigen Minuten Vorwarnzeit und in hoher Geschwindigkeit erfolgen.

Die Oreschnik (deutsch: Haselstrauch) ist eine russische Mittelstreckenrakete, die bis zu sechs Gefechtsköpfe tragen kann. Sie erreicht Geschwindigkeiten von bis zu 12.300 Kilometern pro Stunde. Weil die Rakete bis kurz vor dem Einschlag beim Angriffsziel in der oberen Atmosphäre fliegt, gilt sie als schwer abzuwehren.

Ihre Existenz bestätigte erstmals der Kriegseinsatz im November 2024. Der russische Angriff verursachte nach Angaben der ukrainischen Regierung nur begrenzten Schaden, da die Waffe offenbar nicht mit Sprengstoff bestückt war.

Wo wird Arrow 3 in Deutschland stationiert?

Für Arrow 3 sind in Deutschland insgesamt drei Standorte vorgesehen. Die erste Batterie wurde Anfang Dezember 2025 auf dem Luftwaffenstützpunkt Schönewalde/Holzdorf in Brandenburg an der Landesgrenze von Sachsen-Anhalt stationiert. Zwei weitere Arrow 3 sind für Stützpunkte in Nord- und Süddeutschland geplant.

Die Luftwaffe erklärte mit der Stationierung der ersten Arrow-Einheit die sogenannte Erstbefähigung. Dieser Schritt bedeutet, dass erste Systemanteile in Betrieb genommen werden: Radar, Startgeräte und geschulte Soldaten sind verfügbar, um das System begrenzt zu nutzen.

Bis 2030 soll die Raketenabwehr laut Bundesverteidigungsministerium voll einsatzbereit sein.

Wer baut Arrow 3?

Das Rüstungsprojekt Arrow 3 wird gemeinsam von der Israel Missile Defense Organization (IMDO) und der United States Missile Defense Agency (MDA) gemanagt und finanziert.

Das staatliche Unternehmen Israel Aerospace Industries (IAI) ist der Hauptproduzent und -lieferant von Arrow 3. Es entwickelt und baut dem israelischen Verteidigungsministerium zufolge das Radar, die Abfangrakete selbst und die Erkennungssysteme. Zudem sind Rafael Advanced Defense Systems und Tomer – ebenfalls im Besitz der israelischen Regierung – an der eigentlichen Rakete beteiligt. Das Kommando- und Kontrollsystem stammt vom israelischen Rüstungskonzern Elbit Systems.

Boeing entwickelt Arrow 3 nach eigenen Angaben seit 2008 gemeinsam mit IAI. Der US-amerikanische Konzern produziert und liefert unter anderem Motorgehäuse, Sicherungs- und Zündvorrichtungen, Batterien und Trägheitsnavigationsgeräte sowie mehrere Avionikpakete.

Was kostet Arrow 3?

Die Bundeswehr investiert insgesamt 3,6 Milliarden Euro in Arrow-3-Systeme. Finanziert wird die Raketenabwehr aus dem Sondervermögen der Bundeswehr. Die israelischen Streitkräfte sprechen vom größten Rüstungsgeschäft in der Geschichte des Landes. Beauftragt wurde der Kauf im Jahr 2023 unter der Regierung von Kanzler Olaf Scholz (SPD).

Die genauen Kosten für eine Systemeinheit und einzelne Abfangraketen sind nicht bekannt. Nach Angaben der Missile Defense Advocacy Alliance, einem US-Thinktank, kostete das gesamte Vorgängersystem Arrow 2 im Jahr 2003 etwa 170 Millionen, ein einziger Schuss damit drei Millionen US-Dollar.

Welche Rolle spielt Arrow 3 für die Flugabwehr?

Arrow 3 schließt eine Schutzlücke in der europäischen Luftverteidigung gegen ballistische Langstreckenraketen. Das System ist Teil des neuen Luftverteidigungssystems European Sky Shield Initiative (ESSI). Dem von Deutschland ins Leben gerufenen Projekt haben sich inzwischen 23 Partnerstaaten angeschlossen.

ESSI deckt künftig mit vier Systemtypen verschiedene Luftabwehrreichweiten zwischen acht und mehr als 100 Kilometern ab. Zusammen bilden sie eine mehrschichtige Raketenabwehr nach dem Zwiebelprinzip. Der Fokus von ESSI liegt auf der Luftabwehr bis 35 Kilometer und einer Flughöhe von sechs Kilometern mit dem System Iris-T SLM von Diehl Defence. Arrow 3 soll Angriffe darüber hinaus, schon aus Entfernungen ab 100 Kilometern, abwehren.

Warum kauft Deutschland Arrow 3?

Europäische Staaten haben die Verteidigung militärischer und ziviler Ziele gegen Angriffe aus der Luft nach Ende des Kalten Krieges heruntergefahren. In Nato-Planungskreisen hieß es, die Verteidigungsfähigkeiten gegen Luftangriffe müssten insgesamt wohl um 400 Prozent erhöht werden.

Luftwaffeninspekteur Holger Neumann erklärte anlässlich der ersten Arrow-Stationierung, der Krieg Russlands gegen die Ukraine und die Einführung neuer russischer Raketen machten deutlich, „wie real die bislang abstrakte Bedrohung geworden ist und wie dringend wir in der Lage sein müssen, weitreichende ballistische Flugkörper abzuwehren“.

„Wir erlangen damit erstmals die Möglichkeit zur Frühwarnung und zum Schutz unserer Bevölkerung vor weitreichenden ballistischen Raketen“, sagte Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD). Mit dem im Kreis europäischer Partner einmaligen Arrow-System sichere man die zentrale Rolle im Herzen Europas. „Damit schützen wir also nicht nur uns, sondern auch unsere Partner.“

Wo kam Arrow 3 bereits zum Einsatz?

Das Arrow-3-System kam in Israel seit 2024 mehrfach zur Abwehr iranischer Raketen zum Einsatz. Die „Jerusalem Post“ schreibt, am 13. und 14. April 2024 sei Arrow entscheidend gewesen, um die „große Mehrzahl“ von 120 abgefeuerten ballistischen Raketen Irans zu zerstören.

Am 1. Oktober 2024 habe der Iran 180 Raketen auf Israel gefeuert und ein prozentual geringerer Teil sei zerstört worden. Allerdings – so die Zeitung – habe es Hinweise darauf gegeben, dass die israelischen Streitkräfte Angriffe auf bereits geräumte, eigene Militäranlagen nicht bekämpft hätten.

Im Juni 2025 flog Israel folgenschwere Angriffe auf iranische Atomanlagen. In dem zwölf Tage dauernden Krieg feuerte Iran nach israelischen Angaben etwa 550 ballistische Raketen ab. Nach unterschiedlichen Angaben durchdrangen 20 bis mehr als 40 Raketen den Hightech-Schutzschirm. 28 Israelis wurden getötet und mehrere verletzt. Einen hermetischen Schutz gebe es durch Arrow 3 nicht, stellt die Zeitung fest.

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Mit Agenturmaterial.

Dieser Artikel erschien bereits am 19.12.2025. Der Artikel wurde am 16.1.2026 erneut geprüft und mit leichten Anpassungen aktualisiert.

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