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Corona-Diplomatie Was die türkischen Hilfen an andere Staaten über Erdogans Außenpolitik verraten

Neben China und Russland hilft auch die Türkei in der Coronakrise anderen Staaten, obwohl sie selbst schwer unter der Pandemie leidet. Die Aktionen sind Teil eines großen Plans.
02.04.2020 - 13:16 Uhr Kommentieren
Der türkische Präsident will das internationale Image der Türkei in der Coronakrise aufpolieren. Quelle: AFP
Recep Tayyip Erdogan

Der türkische Präsident will das internationale Image der Türkei in der Coronakrise aufpolieren.

(Foto: AFP)

Istanbul Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan hatte gerade erst seine Landsleute aufgerufen, im Kampf gegen die Coronakrise zu spenden, da veröffentlichte sein Präsidialamt einen Tag später Fotos mit Hilfslieferungen. Die gingen aber nicht an die heimische Bevölkerung, sondern nach Spanien und Italien.

Zwei türkische Militärmaschinen versorgten die beiden EU-Mitgliedsstaaten in dieser Woche mit Hilfsgütern, und die Regierungen in Madrid und Rom bedankten sich für die Geste. „Je stärker die Türkei ist, desto häufiger reichen wir unseren Freunden eine helfende Hand“, sagte Erdogan.

Das ist kein Einzelfall: Auch China, Bulgarien, Ungarn, Palästina und sogar die Philippinen sind bisher in den Genuss türkischer Hilfsbereitschaft gekommen. Dass ein Schwellenland wie die Türkei mitten in der Coronakrise anderen Nationen hilft, überrascht – und ist Teil einer größeren Strategie.

Während Europa über Euro-Bonds und Solidarhilfen für andere Mitgliedsstaaten diskutiert, haben Länder wie Russland und China längst ihren diplomatischen Fühler ausgestreckt und einzelne Länder mit Hilfsgütern versorgt. Aber nicht nur die Großmächte nutzen die Gunst der Stunde. Auch kleine Nationen wollen in Krisenzeiten ihr Image aufpolieren.

Dass die Türkei in der Coronakrise zu Hilfsaktionen in der Lage ist, war nicht unbedingt zu erwarten. Mit Stand vom Donnerstagmorgen waren 15.679 Menschen in der Türkei mit dem neuartigen Virus Sars-Cov-2 infiziert. 277 Menschen sind nach Angaben des Gesundheitsministeriums in Ankara an der Erkrankung Covid-19 gestorben.

Die Regierung hat ein Rettungspaket aufgelegt, die Zentralbank will direkt am Finanzmarkt eingreifen. Die Exporte sind im März bereits um 17 Prozent eingebrochen. Der Tourismus ist quasi zum Stillstand gekommen.

Die Türkei braucht Verbündete

Gleichzeitig, und das ist in diesem Zusammenhang ausschlaggebend, hat die Türkei zuletzt einige internationale Partner verloren. Die Öffnung der Grenzen für Migranten, die nach Griechenland wollen, war nur der Tiefpunkt einer Reihe diplomatischer Eskalationen mit der EU. Mit Russland läuft es wegen unterschiedlicher Positionen in Syrien nicht rund, ebenso wie mit den USA.

Die vielen diplomatischen Krisen mit alten Freunden haben eine konkrete Folge: Die Türkei braucht Verbündete – auch in Krisenzeiten wie während einer Pandemie, die das gesamte gesellschaftliche und wirtschaftliche System eines Landes bedroht.

Dass die Türkei jetzt Spanien hilft, kann als Dank verstanden werden. Nachdem mehrere Nato-Partner ihre Luftabwehrraketen zum Schutz der türkisch-syrischen Grenze abgezogen haben, ist inzwischen nur noch eine spanische Batterie vom Typ Patriot in der Region stationiert.

Die Hilfen an Italien sind getrieben von einem strategischem Ziel. Denn zwischen Rom und Ankara gab es zuletzt Streit. Vergangenes Jahr entschied das Parlament in Rom, die Massentötungen von Armeniern im Osmanischen Reich als Völkermord anzuerkennen. Aus Sicht Ankaras ist das ein No-Go. Als im Oktober 2019 das türkische Militär erneut in Syrien einmarschierte, verfügte die italienische Regierung ein Waffenembargo gegen den Nato-Partner.

Das Image der Türkei hat in Italien seitdem gelitten. Gleichzeitig übersteigt das Handelsvolumen der beiden Ländern 20 Milliarden US-Dollar pro Jahr. Das ist ein guter Wert – und sicher Anlass für Ankara, die diplomatischen Kanäle nach Rom aufrechtzuerhalten.

Im Februar schickte die Türkei Medizin, Masken und Plastikhandschuhe nach China. Noch im vergangenen Jahr hatte Ankara die Regierung in Peking heftig dafür kritisiert, muslimische Uiguren in Lager einzusperren. Wenige Tage später evakuierte Ankara türkische Staatsbürger aus China. Aber auch Menschen aus Aserbaidschan, Georgien und Mazedonien durften mit türkischen Flugzeugen in die Heimat zurückfliegen.

Anfang März wurde bekannt, dass Bulgarien und später auch Ungarn Hilfe aus der Türkei erhielten. Am 17. März, als auch in der Türkei schon die ersten Fälle gemeldet worden waren, lieferte Ankara Material in den besonderes betroffenen Iran.

Vier Tage später sicherte Staatschef Erdogan dem Palästinenserführer Mahmut Abbas die Hilfe seines Landes zu. Kurze Zeit später erhielt auch Kolumbien Hilfsgüter aus Ankara, genauso wie der Kosovo. Am 29. März half die türkisch-islamische Hilfsorganisation IHH einem Dorf auf den Philippinen, in dem das Virus ausgebrochen war. Auch Tunesien soll Berichten zufolge Ankara um Hilfslieferungen gebeten haben.

Imagegewinn im Ausland

Die Coronakrise sagt viel über das Verständnis der türkischen Führung über die eigene Außenpolitik aus. Die Türkei will sich als „Soft-Power“-Staat etablieren. Der Begriff wird für Länder verwendet, die über „weiche Faktoren“ politische Macht ausüben und ihren eigenen Einfluss in der Welt ausweiten wollen, ohne Militär oder wirtschaftliche Macht einzusetzen.

Die Türkei wird bisher selten als „Soft Power“ wahrgenommen. Dabei gäbe es für diese Sichtweise gute Beispiele. In Afrika engagiert sich Ankara seit Jahren und hilft Ländern wie Somalia, die nicht unbedingt auf der Karte der großen westlichen Hilfsorganisationen vermerkt sind. Auf dem Balkan baut die Türkei Moscheen, während die EU um Einfluss ringt. In China wirbt die Türkei massiv um Touristen, und in Südamerika hält Staatschef Erdogan tapfer Kontakt zu Amtskollegen, die von den USA teils boykottiert werden.

Für Erdogan ist ausschlaggebend, ob Hilfen das Image der Türkei im Ausland verbessern, ohne dass er im Inland Wählerstimmen einbüßt. Ein Gegenbeispiel ist die Flüchtlingskrise. Als sich die Opposition und zunehmend auch die eigene Wählerschaft über die vielen Migranten im Land beschwerte, war die Führung in Ankara zum Handeln gezwungen. Erdogan musste handeln. Die Folge: mehrere Militärinterventionen in Syrien, viele tote Soldaten und Ende Februar die Öffnung der Grenzen nach Griechenland. Das Verhältnis zu Brüssel blieb auf der Strecke.

Nun scheint Erdogan Hilfen an Corona-betroffene Länder als neues Mittel der Wahl auserkoren zu haben. In oppositionellen türkischen Medien wurden die Hilfslieferungen mit dem Hinweis kritisiert, dass lieber der heimischen Bevölkerung geholfen werden solle.

Doch solange Erdogans Wählerschaft nicht meckert, dürften ihn die Rufe seiner Gegner kaum kümmern. Der Imagezuwachs im Ausland ist wichtiger.

Mehr: Warum Türken gut auf „Social Distancing“ eingestellt sind.

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