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EnergiekriseNeue Konkurrenz für „Putins Pipeline“: Südosteuropa will unabhängiger vom russischen Gas werden

Bisher dominiert der Lieferant Gazprom die Region. Doch nun schmieden die Balkanländer Pläne für einen gemeinsamen Gasmarkt – mit neuen Pipelines und LNG-Anlandestellen.Gerd Höhler 21.02.2022 - 11:09 Uhr Artikel anhören

Flüssiggas und eigene LNG-Terminals sollen Südosteuropa aus der Abhängigkeit von Russland lösen.

Foto: Reuters

Athen. Peter Livanos, 64, betreibt mit 39 Schiffen eine der größten Flüssiggas-Tankerflotten Europas. Jetzt lässt der griechische Tycoon einen seiner Tanker bei der Spezialwerft Keppel Offshore & Marine in Singapur zu einer schwimmenden Speicher- und Regasifizierungsanlage (Floating Storage and Regasification Unit, FSRU) umbauen.

Sie soll 17,6 Kilometer südwestlich der nordgriechischen Hafenstadt Alexandroupoli verankert werden. Wenn das Terminal im nächsten Jahr in Betrieb geht, wird ihm eine Schlüsselrolle in der Gasversorgung Südosteuropas zukommen.

Vier Staaten der Region – Griechenland, Bulgarien, Serbien und Nordmazedonien – arbeiten an einer Vernetzung ihrer Gasversorgung. Weitere Länder könnten sich anschließen.

„Wir haben ein großes Potenzial, einen gemeinsamen Gasmarkt aufzubauen“, sagte der bulgarische Premierminister Kiril Petkow kürzlich bei einem Besuch in der serbischen Hauptstadt Belgrad. „Wir müssen unsere Kräfte bündeln, um ein Maximum an Diversifizierung, bessere Preise und mehr Unabhängigkeit zu erreichen“, so Petkow.

Das Thema nahm auch bei einem Besuch des griechischen Premiers Kyriakos Mitsotakis in Belgrad vergangene Woche breiten Raum ein. Er sehe „sehr vielversprechende Möglichkeiten“ der Zusammenarbeit bei der Energieversorgung, sagte Mitsotakis. Griechenland wolle „ein zuverlässiger Energieknotenpunkt“ für Südosteuropa werden.

Hier kommt das geplante LNG-Terminal bei Alexandroupoli ins Spiel. Die Anlage soll das in Tankern angelieferte Flüssiggas verdampfen und in die Netze Griechenlands sowie Bulgariens, Serbiens und Nordmazedoniens einspeisen. Die Kapazität liegt bei 5,5 Milliarden Kubikmeter Gas pro Jahr. Öffentliche Fördergelder, vor allem der EU, von 166,7 Millionen Euro fließen in das Projekt.

Bereits seit 1999 importiert Griechenland über ein LNG-Terminal auf der Insel Revithoussa bei Athen Flüssiggas aus Algerien, Katar und Ägypten, inzwischen auch aus den USA. Eine dritte Anlandestelle für Flüssiggastanker plant der griechische Raffineriebetreiber Motor Oil bei Korinth.

Vor der nordgriechischen Insel Thasos soll außerdem ein ausgebeutetes Gasfeld unter dem Meeresboden als Gasspeicher genutzt werden. Mit dieser Infrastruktur ist Griechenland als Knotenpunkt für die Gasdiversifizierung Südosteuropas prädestiniert.

Wichtigstes Instrument für Gazprom ist Gasleitung Balkan Stream

Bisher dominiert der russische Staatskonzern Gazprom die Region. Serbien, Nordmazedonien und Bosnien-Herzegowina beziehen fast ihr gesamtes Erdgas aus Russland. Ungarn ist zu über 80 Prozent von Gazprom abhängig, Bulgarien zu 76 Prozent. Griechenland hat von allen Ländern der Region seine Gasversorgung bereits am stärksten diversifiziert und bezieht weniger als 45 Prozent seines Bedarfs aus Russland.

Wichtigstes Instrument für Gazprom in Südosteuropa ist die Anfang 2021 in Betrieb genommene Leitung Balkan Stream. Durch sie fließt russisches Gas aus der Turkstream-Pipeline von der Türkei über Bulgarien nach Serbien und weiter nach Ungarn und Kroatien.

Aber nun kriegt „Putins Pipeline“, wie Kritiker Balkan Stream auch nennen, Konkurrenz: Seit Februar bauen Serbien und Bulgarien eine zweite, von Turkstream und russischem Gas unabhängige Pipeline.

Sie soll im Oktober 2023 in Betrieb gehen. Damit bekommt Serbien Anschluss an den sogenannten Südlichen Gaskorridor. Er bringt Gas aus Aserbaidschan über Georgien und die Türkei nach Griechenland, Albanien und Italien. Das von der EU politisch und finanziell geförderte Projekt soll Europas Gasversorgung diversifizieren.

Serbien bekommt dank der neuen Vernetzung mit Bulgarien auch eine Verbindung ans griechische Gasnetz und damit das LNG-Terminal in Revithoussa sowie die geplante neue Anlandestelle bei Alexandroupoli.

Die EU fördert den sogenannten Bulgaria-Serbia Interconnector als Vorhaben von gemeinsamem Interesse (PCI) mit Zuschüssen von 49,6 Millionen Euro. Die Europäische Investitionsbank beteiligt sich mit einem Kredit von 25 Millionen Euro. Über eine geplante Ionian-Adriatic-Pipeline könnten auch Montenegro und Bosnien-Herzegowina an den Südlichen Gaskorridor angeschlossen und unabhängiger von Russland werden.

Das griechische LNG-Terminal Alexandroupoli soll Ende 2023 in Betrieb gehen

Die neuen Pipelines und LNG-Anlandestellen reduzieren Russlands Dominanz im Gasmarkt Südosteuropas. Auch Kroatien nabelt sich von Gazprom ab: Anfang 2021 nahm das Land auf der Adriainsel Krk sein erstes Terminal für den Import von Flüssiggas in Betrieb. Die EU bezuschusste den Bau der Anlage, die auch Ungarn mit Gas versorgen kann, mit 124 Millionen Euro.

Das LNG-Terminal Alexandroupoli soll gegen Ende 2023 in Betrieb gehen. Gebaut und betrieben wird es vom Konsortium Gastrade S.A. Aktionäre sind mit jeweils 20-prozentigem Anteil der staatliche griechische Gasversorger Depa, der Netzbetreiber Desfa, die staatliche bulgarische Bulgartransgaz, die griechische Copelouzos Group und der Reeder Peter Livanos.

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Jetzt sucht auch Nordmazedonien Anschluss an das Terminal: Vergangene Woche autorisierte die Regierung in Skopje den staatlichen Stromversorger ESM, mit dem Gastrade-Konsortium Lieferverträge abzuschließen. Bereits im vergangenen Juli unterzeichneten Griechenland und Nordmazedonien eine Vereinbarung über den Bau einer 123 Kilometer langen Pipeline. Sie soll die Gasnetze beider Länder verbinden. Der nordmazedonische Pipelinebetreiber NER plant außerdem eine Beteiligung an Gastrade. Das Unternehmen bekäme damit einen sechsten Anteilseigner.

Mit dem Einstieg weiterer Investoren und dem Ausbau des Gasleitungsnetzes in Südosteuropa gewinnt das LNG-Terminal von Alexandroupoli immer mehr an Bedeutung für die Energiediversifizierung der Region. Das Betreiberkonsortium sieht große Möglichkeiten weit über den Balkan hinaus: Von Alexandroupoli könne man sogar die Republik Moldau und die Ukraine mit Gas beliefern, heißt es bei Gastrade.

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