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EUWie Polen zur wirtschaftlichen Erfolgsgeschichte Europas wurde

Polen hat stark von der Integration in die Europäische Union profitiert. Doch wie hat es das angestellt? Ein Besuch in Posen (Poznan), der wirtschaftlichen Boom-Region des Landes.Volker Pabst 07.08.2025 - 11:00 Uhr Artikel anhören
Blick auf Posens Freiheitsbrunnen: Die gelungene Modernisierung ist ein Sinnbild für Polens Aufschwung. Foto: IMAGO/Hanna Wagner

Zürich. Das Umland von Poznan (Posen) wirkt wie ein einziger Gewerbepark. Egal, in welcher Himmelsrichtung man aus dem Zentrum der westpolnischen Metropole ins Umland fährt: Industrieanlagen, Lagerhallen und Bürogebäude säumen kilometerlang die Ausfallstraßen der Stadt. Im Wachstumsland Polen ist Poznan eine der großen Boom-Regionen.

Dort verbergen sich einige Hidden Champions – Orte, deren Namen nur wenigen bekannt sind, die aber über einen eindrücklichen Leistungsausweis verfügen. Tarnowo Podgorne etwa ist ein solcher Ort. Die 20 Kilometer nordwestlich gelegene Gemeinde, die zu preußischer Zeit Schlehen hieß, hat 33.000 Einwohner und 7557 Betriebe. Auf vier Einwohner kommt also eine Firma.

Dazu zählen zwar, wie überall in Polen, viele Kleinstunternehmen, die oftmals nur aus steuerlichen Gründen ins Leben gerufen werden oder ein Konstrukt für Scheinselbständigkeit sind. Aber auch eine beträchtliche Zahl kleinerer und mittlerer Unternehmen (KMU) sowie mehrere Großfirmen sind dort ansässig, etwa die polnischen Niederlassungen des britischen Tabakkonzerns Imperial Tobacco und des Lebensmitteldiscounters Lidl. Letzterer ist der wichtigste Steuerzahler im Ort.

Insgesamt wird Tarnowo Podgorne in diesem Jahr voraussichtlich mehr als 400 Millionen Zloty, etwa 96 Millionen Euro, an Steuern einnehmen. In Polen, wo nur fünf Prozent der Firmensteuern an die Standortgemeinde fließen, eine beträchtliche Summe.

Den Preis für das lieblichste Ortsbild Polens wird die stark von Industrie und Gewerbe geprägte Gemeinde vermutlich nie gewinnen. Den Wohlstand sieht man Tarnowo Podgorne aber durchaus aus. Die Gemeinde leistet sich mit dem „Zentrum für Demokratie und Integration der Bevölkerung“ eine sehr große, sehr moderne Mehrzweckhalle, die auch architektonische Akzente setzt. Die Straßen sind in einwandfreiem Zustand. Am Ortsrand steht eine neue Sekundarschule mit technischem Fokus. Die vor zehn Jahren eröffnete Therme gegenüber ist die größte des Landkreises.

Investitionen in die Standortqualität

Tadeusz Czajka hat den Wandel seines Heimatortes vom landwirtschaftlich geprägten Dorf mit sozialistischen Produktionsgenossenschaften zum boomenden Wirtschaftsstandort miterlebt. Seit 31 Jahren arbeitet Czajka für die Gemeinde Tarnowo Podgorne, die vergangenen zwei Jahrzehnte davon als Bürgermeister.

Modernes Bürogebäude in Posen: Viele internationale Firmen haben sich dort niedergelassen. Foto: IMAGO/depositphotos

„Wir hatten schon früh einen Entwicklungsplan für unsere Gemeinde“, sagt Czajka in seinem Büro im Rathaus. So sei man bereit gewesen, als die ersten internationalen Firmen in den 1990er-Jahren in die Region gekommen seien. „Zuerst kam ein israelischer Kaffeeröster, dann ein deutscher Schokoladenhersteller. Danach sprach sich herum, dass es hier gut ist.“

Bis heute bemüht sich Tarnowo Podgorne, Firmen anzulocken. Für die ersten drei Jahre gibt es für neue Firmen im Ort Steuererleichterungen. Die besten Unternehmen werden jedes Jahr an einer Gala geehrt. Bei der Gestaltung des Lehrplans für die neue Sekundarschule wurde das lokale Gewerbe mit einbezogen, damit die Absolventen auch über die geforderten Qualifikationen verfügen.

Und natürlich sei die Lage ein Vorteil, sagt Czajka. In der Nähe der Großstadt Posen gibt es viele gut ausgebildete Arbeitskräfte. Und über die Autobahn ist man in weniger als zwei Stunden an der deutschen Grenze.

Was sich in Tarnowo Podgorne im Kleinen betrachten lässt, gilt in vieler Hinsicht für das Land als Ganzes. „Kein ehemals sozialistischer Staat hat die Transformation so gut gemeistert wie Polen“, erklärt Marcin Piatkowski. Der Wirtschaftsprofessor an der privaten Kozminski-Universität in Warschau forscht zur wirtschaftlichen Entwicklung Polens nach dem Systemwechsel und hat ein Buch über „Europas Wachstums-Champion“ geschrieben.

„Polens Wirtschaftsleistung ist dreieinhalbmal so hoch wie vor 35 Jahren“, sagt Piatkowski. Laut dem Internationalen Währungsfonds werde das Land bis Ende des Jahres beim kaufkraftbereinigten Pro-Kopf-Einkommen Japan überflügeln. „Das ist eine unglaubliche Erfolgsgeschichte.“

Lebendiges Posen: Kleinkünstler treten auf dem Altstadt-Markt auf. Eine Szene, wie es sie überall in Europa sehen gibt. Foto: NurPhoto via Getty Images

Piatkowski nennt fünf Faktoren, die den erfolgreichen Strukturwandel begünstigt haben. Nach dem Anfangsbuchstaben der englischen Begriffe spricht er von seiner „Theorie der fünf E“: Neben der guten Ausbildung (education) der Bevölkerung und der soliden Wirtschaftspolitik (elites) betont der Ökonom das Unternehmertum (enterpreneurship), das auch in sozialistischer Zeit fortbestand. Immerhin 20 Prozent der Wirtschaftsleistung wurden damals durch den Privatsektor erbracht.

Zudem betont Piatkowski die egalitäre Gesellschaft nach der Zäsur von 1989, welche die alten Eliten entmachtete und soziale Mobilität ermöglichte, und den Einfluss der EU. Dabei seien die institutionellen Reformen vor dem Beitritt jedoch wichtiger gewesen als die Gelder aus dem EU-Haushalt danach.

Boom-Region Poznan

Obwohl ganz Polen als Erfolgsmodell gilt, ist die Entwicklung nicht überall gleich eindrucksvoll vonstattengegangen. „Die 350 Milliarden an ausländischen Direktinvestitionen seit 1990 wurden mehrheitlich in Regionen westlich von Warschau getätigt. Die Absorptionsfähigkeit ist dort einfach größer“, sagt der Wirtschaftsprofessor Piatkowski.

Die Nähe zu den großen Märkten, vor allem zu Deutschland, sei ein Grund. Das höhere Ausbildungsniveau der Bevölkerung ein anderer. Der Westen Polens liegt traditionell in allen Entwicklungsindikatoren weit vor den östlichen Gebieten des Landes.

Besonders stark profitiert hat die Region um Poznan. Der Erfolg Tarnowo Podgornes ist dort kein Einzelfall. Suchy Las, ein anderer Vorort der westpolnischen Metropole, schnitt im Vorjahr auf der Rangliste der wirtschaftlich erfolgreichsten Gemeinden Polens sogar noch besser ab. Auch in Swarzedz im Osten haben sich zahlreiche Großbetriebe angesiedelt.

Erfolgreiche Integration in globale Märkte

Wegen des großen VW-Werks, das bereits in den 1990er-Jahren in Poznan gegründet wurde, spielt die Zuliefererbranche für die Autoindustrie eine große Rolle. Zu einem Klumpenrisiko wie etwa in Tschechien, wo man das Formtief der deutschen Autohersteller direkt spürt, wurde diese aber nie.

VW-Werk in Posen: Die Fabrik ist für den deutschen Konzern zu einem wichtigen Standort für die Produktion von Nutzfahrzeugen geworden. Foto: dpa

Die Wirtschaftsstruktur ist durchmischt. Neben dem produzierenden Gewerbe gehört hierzu auch die Logistikbranche, die nicht zuletzt wegen des Online-Handels boomt. Die erfolgreiche Integration in globale Wertschöpfungsketten und Märkte, vor allem in Deutschland, ist für alle Sektoren zentral.

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In Robakowo südöstlich der Stadt hat der deutsche Konzern DHL vor einem Jahr auf der grünen Wiese, aber unweit der Autobahn Berlin–Warschau das modernste Logistikzentrum des Landes eröffnet. „Viele Menschen, die in Deutschland online etwas bestellen, würden nicht erwarten, dass ihr Paket oftmals aus Polen kommt“, sagt der Standortleiter Piotr Mierzwicki.

„Die Hersteller produzieren hier und haben hier auch ihre Lagerhallen. Und wir sorgen dafür, dass die Ware am nächsten Tag beim Kunden ist.“ Mierzwicki kalkuliert für sein Zentrum mit einem Wachstum von 20 Prozent pro Jahr.

Die Region Poznan zeigt eindrücklich, wie stark Polen von der Integration in Europa profitiert hat. Abschottungstendenzen, wie sie im Rahmen der immer hitziger geführten polnischen Migrationsdebatte zutage treten, werden hier deshalb auch mit besonderer Sorge betrachtet.

„30 Prozent aller polnischen Exporte gehen nach Deutschland. Bei unseren Firmen liegt der Wert wahrscheinlich sogar bei 50 Prozent“, sagt Tadeusz Czajka, der Bürgermeister von Tarnowo Podgorne. Polen führt seit kurzem wieder Kontrollen an der Grenze zu Deutschland durch. Auf deutscher Seite gibt es bereits seit zwei Monaten Grenzkontrollen. „Staus kosten Geld“, sagt Czajka.

Demografische Probleme

Wirtschaftsprofessor Piatkowski fasst das Problem weiter. „Migration ist zum Unwort geworden“, sagt der Ökonom. Eine unvoreingenommene Diskussion über die demografischen Herausforderungen in Polen sei zurzeit fast nicht möglich. Dabei sei dies dringend nötig.

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Tatsächlich ist die Bevölkerung in absoluten Zahlen im vergangenen Jahr in keinem EU-Land stärker zurückgegangen als in Polen. Die Geburtenrate gehört zu den niedrigsten des Kontinents. Die Überalterung der Gesellschaft schreitet in Polen besonders schnell voran. Das spürt auch die Wirtschaft. In Boom-Regionen wie Poznan gehört der Arbeitskräftemangel zu den größten Sorgen der Unternehmer.

„Schon jetzt bringen unsere Firmenbusse Angestellte aus einer Entfernung von bis zu 70 Kilometern in den Betrieb“, sagt der DHL-Manager Mierzwicki. Bei einer Arbeitslosenquote von ein bis zwei Prozent kann man im Großraum Poznan von Vollbeschäftigung sprechen.

„Polen muss offenes Land bleiben“

Das Auswandererland Polen ist somit zunehmend auf Einwanderung angewiesen. Tatsächlich sind im vergangenen Jahr erstmals mehr Menschen aus Deutschland nach Polen gezogen als in die andere Richtung. Viele Polinnen und Polen, die einst auf der Suche nach besseren Verdienstmöglichkeiten ins Ausland gegangen sind, kehren nun in die alte Heimat zurück.

Die größte Ausländergruppe im Land stellen die Ukrainerinnen und Ukrainer. Dieses Potenzial an zusätzlichen Arbeitskräften ist jedoch bereits fast ausgeschöpft, trotz des Zustroms von allein einer Million Flüchtlingen seit Kriegsbeginn. 80 Prozent der Ukrainer in Polen arbeiten, ein Spitzenwert in Europa.

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An einer gesteuerten Zuwanderung auch aus anderen Staaten führe kein Weg vorbei, sagt Ökonom Piatkowski. „Polen muss ein offenes Land bleiben. Sonst gefährden wir unseren Erfolg.“

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