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GazakriegUS-Eliteunis in der Krise – Rücktritt nach Antisemitismus-Vorwürfen

Die Präsidentin einer der bekanntesten Universitäten musste nach einer heftigen Kontroverse um Israel zurücktreten. Der Fall wirft ein Schlaglicht auf Proteste an US-Hochschulen, die Kreise bis zur Wall Street ziehen.Annett Meiritz 10.12.2023 - 14:59 Uhr
Liz Magill trat als Präsidentin der University of Pennsylvania zurück. Foto: AP

Washington. Der Gazakrieg polarisiert in den USA enorm – und im Mittelpunkt stehen die international bekannten amerikanischen Spitzenuniversitäten. Jetzt hat die Debatte erstmals personelle Konsequenzen für eine Ivy-League-Hochschule: Am Samstag trat die Präsidentin der University of Pennsylvania, Liz Magill, nach Antisemitismusvorwürfen zurück.

Magill sowie zwei weiteren Präsidentinnen von Topuniversitäten war zuvor von jüdischen Studenten eine antisemitische Haltung vorgeworfen worden, weil sie auf dem Campus israelfeindliche Äußerungen von propalästinensischen Demonstranten toleriert haben sollen.

Die University of Pennsylvania, die oft mit „Penn“ abgekürzt wird, sowie Harvard und das Massachusetts Institute of Technology (MIT) gehören zu den besten und begehrtesten Universitäten der Welt. Doch im Zuge des Gazakriegs und dem damit verbundenen Campus-Aktivismus geraten Amerikas Elitehochschulen unter Druck.

Propalästinensische und proisraelische Proteste vor dem Hörsaal sind an der Tagesordnung. Die US-Regierung hat zuletzt nach Beschwerden über Antisemitismus und Islamfeindlichkeit Ermittlungen gegen mehrere Unis eingeleitet, darunter Columbia, Cornell und Harvard.

Magill hatte gemeinsam mit Claudine Gay, Präsidentin der Harvard University, und Sally Kornbluth, Präsidentin des MIT, in der vergangenen Woche vor einem Ausschuss des US-Repräsentantenhauses aussagen müssen. Der Auftritt der drei Präsidentinnen wird in den USA noch immer diskutiert, Auszüge werden hunderttausendfach im Internet geteilt.

In dem von den US-Republikanern geführten Bildungsausschuss waren Magill und die anderen Präsidentinnen unter anderem zu antisemitischen Protesten unter Studenten gefragt worden. Konkret wollte die US-Republikanerin Elise Stefanik wissen, ob es gegen Richtlinien zu Mobbing und Belästigung verstoße, wenn Studenten einen „Aufruf zum Völkermord an den Juden“ unterstützen. Keine der Frauen beantwortete die Frage mit einem klaren „Ja“.

Harvard-Präsidentin Claudine Gay (l) spricht während einer Anhörung des Bildungsausschusses – Liz Magill, Präsidentin der University of Pennsylvania, hört zu. Foto: dpa

Penn-Präsidentin Magill erklärte gegenüber den Abgeordneten: „Das ist eine kontextabhängige Entscheidung“, und trat damit einen Sturm der Entrüstung los. Im Nachhinein korrigierte sie sich auf der Plattform X und stellte klar, „dass ein Aufruf zum Völkermord an jüdischen Menschen ein Aufruf zu einer der schrecklichsten Gewalttaten ist“.

„Einer der abscheulichsten Momente in der Geschichte der US-Akademie“

Der CEO von Pfizer, Albert Bourla, erklärte auf X, er sei „beschämt“ über die Anhörung und nannte sie „einen der abscheulichsten Momente in der Geschichte der US-Akademie“. Auch das Weiße Haus schaltete sich ein und betonte, jegliche Aufrufe zum Völkermord an Universitäten seien „inakzeptabel“.

Der Private-Equity-Milliardär Marc Rowan schrieb laut des TV-Senders CNN eine Nachricht an die Penn-Treuhänder, in der er beschrieb, wie Hunderte von Alumni, Eltern und Führungskräften schockiert von der Anhörung gewesen seien. „Die Universität erleidet einen enormen Imageschaden“, schrieb Rowan.

Der Hedgefonds-Milliardär Bill Ackman, ein Harvard-Absolvent, forderte gleich alle drei Präsidentinnen auf, „in Schande zurückzutreten“ und warf ihnen „einen moralischen Bankrott“ vor. Wenn sich ein CEO eines Unternehmens ähnlich verhalten hätte, „wäre er oder sie innerhalb einer Stunde erledigt“. Der Milliardär Elon Musk hatte vergangene Woche einen Exodus von Werbekunden provoziert, indem er eine antisemitische Verschwörungstheorie auf seiner Plattform X unterstützte.

Der Streit um die Äußerungen der Uni-Präsidentinnen berührt grundsätzliche Fragen der in den USA heiß umkämpften „free speech“. In den USA herrscht ein viel weitergehendes, in den Grundrechten verankertes Ideal von Meinungsfreiheit als in Europa. Was etwa in Deutschland als justiziable Hass-Sprache gilt, kann und darf in den USA straffrei gesagt werden – aus einem libertären Verständnis heraus, dass nicht der Staat oder Gerichte über Wahrheiten entscheiden, sondern der Wettbewerb der Argumente.

Uni-Präsident mit deutschen Wurzeln: „Harvard und Co. haben ein Problem“

Die amerikanischen Topuniversitäten stehen wegen ihrer vielen Nationalitäten auf dem Campus und der offenen Debattenkultur besonders im Fokus der Nahost-Debatte. So hatten Dutzende Harvard-Studentengruppen kurz nach den Anschlägen der Hamas auf Israel vor zwei Monaten eine Erklärung abgegeben, in der sie die israelische Regierung „voll verantwortlich“ für die Gewalt machten. Die Universität versäumte es, sofort mit einer offiziellen Erklärung zu reagieren und sah sich mit einer Revolte von Großspendern konfrontiert.

Die University of Pennsylvania wiederum hatte wenige Wochen vor dem Anschlag auf Israel ein Literaturfestival mit dem Titel „Palestine Writes“ organisiert. Kritiker werfen der Universität vor, dass dies Rednern mit antisemitischer Vorgeschichte eine Plattform gegeben habe.

Laut des Präsidenten der renommierten Vanderbilt Universität in Nashville, eine der 20 besten Hochschulen der USA, tragen Harvard und andere Top-Unis eine Mitschuld daran, dass sie aktuell im Feuer stehen. „Das Problem, das Harvard, MIT, Penn oder Columbia jetzt haben, ist, dass sie das wichtige Prinzip der institutionellen Neutralität im Grunde nie eingehalten haben“, sagte Daniel Diermeier dem Handelsblatt.

Viele Spitzenunis würden sich regelmäßig von höchster Stelle zu Kontroversen positionieren, wie Abtreibung, Klimawandel oder Transgenderrechten. „Wenn man dann, wie im Fall nach den Angriffen der Hamas, etwas länger wartet, wirft das natürlich Fragen auf.“

Diermeier ist gebürtiger Deutscher und lebt seit den 1980er-Jahren in den USA. Im vergangenen Jahr hatte er in akademischen Kreisen für Aufsehen gesorgt, weil er in einem Meinungsbeitrag argumentierte: „Hochschulpräsidenten sollten sich nicht zu politischen Themen äußern, damit sie die Meinungsfreiheit und den Auftrag ihrer Einrichtungen schützen können.“

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Im Handelsblatt bekräftigte er diesen Ansatz. „Spitzenuniversitäten sollten sich nicht reinziehen lassen in politische und kontroverse Debatten, sondern sich nur dann positionieren, wenn etwas die Hochschule direkt betrifft“, so Diermeier. „Eine Universität ist nicht der Richter, der entscheidet, sondern die Plattform für Diskurs. Das gilt umso mehr in Zeiten politischer Polarisierung, wo Grabenkämpfe überall stattfinden.“

Die Hamas-Attacke vom 7. Oktober habe seine Universität klar verurteilt, „aber was wir zum Beispiel nicht machen, ist uns offiziell zur Zweistaatenlösung zu positionieren“. Auch habe er als einer der wenigen Universitätspräsidenten keine Stellungnahme herausgegeben, als 2022 das bundesweite Recht auf Abtreibung gekippt wurde. Stattdessen unterstützt Vanderbilt Frauen finanziell, die Schwangerschaftsabbrüche vornehmen lassen wollen. Nashville ist die Hauptstadt von Tennessee, ein Bundesstaat mit einem der restriktivsten Abtreibungsgesetze.

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