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Global RiskWarum die Wirtschaft in Spanien gerade so gut läuft

Starkes Wachstum, niedrige Inflation und ein Beschäftigungsrekord: Spanien scheint glänzend dazustehen. Doch strukturelle Probleme bremsen das Land.Sandra Louven 20.07.2023 - 10:18 Uhr Artikel anhören

Während Deutschland im ersten Quartal in eine Rezession rutschte, wuchs Spanien um 0,6 Prozent im Vergleich zum Vorquartal.

Foto: Moment/Getty Images

Madrid. Sonne, Wind und ausreichend Fläche: Spanien hat alles, was es braucht, um in der Zukunft zu einem der wichtigsten Produzenten von grünem Wasserstoff zu werden. „Die Aussicht auf ausreichend billige und erneuerbare Energie ist ein wichtiger Standortfaktor“, sagt Miguel Cardoso, Chefökonom für Spanien bei der Großbank BBVA. „Spanien hat hier einen großen Wettbewerbsvorteil.“

Im Vergleich zu Chile oder Australien hat Spanien außerdem den Vorteil, dass es perspektivisch seinen Wasserstoff per Pipeline in die europäischen Industriezentren schicken kann. Geplant ist dafür eine neue Pipeline zwischen Barcelona und Marseille.

Das sind gute Aussichten. Und bei den aktuellen Wachstumsprognosen könnte man meinen, der Boom würde schon bald beginnen. Während Deutschland im ersten Quartal in eine Rezession rutschte, wuchs Spanien um 0,6 Prozent im Vergleich zum Vorquartal. Reihenweise hoben Institute in den vergangenen Wochen ihre Vorhersagen an. 

Für das gesamte Jahr rechnet die EU-Kommission mit einem Plus von 1,9 Prozent, für das kommende Jahr von zwei Prozent. Das ist deutlich mehr, als sie für die übrigen großen EU-Nationen veranschlagt.

Im Mai erreichte die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Spanien mit 20,8 Millionen einen Rekord. Die Inflation lag im Juni harmonisiert bei 1,6 Prozent, im Rest der Euro-Zone bei 5,5 Prozent.

Wirtschaft nicht überall so gut, wie es scheint

„Die Wirtschaft läuft wie geschmiert“, versichert Spaniens Ministerpräsident Pedro Sánchez. Die Chefin der amerikanischen Citibank, Jane Fraser, sagte Anfang Juli der Wirtschaftszeitung „Expansión“: „Ich bin optimistischer für Spanien als für andere europäische Volkswirtschaften.“

Den spanischen Wählern reicht das offenbar nicht. Sánchez hat sie verärgert, weil er den katalanischen Separatisten weitreichende Zugeständnisse gemacht hat. Diese hatten Spanien 2017 mit einem verbotenen Unabhängigkeitsreferendum in eine tiefe konstitutionelle Krise gestürzt. Auch mit der Partei EH Bildu paktierte Sánchez, die als Nachfolgeorganisation des politischen Arms der baskischen Terrororganisation ETA gilt.

Nach der Amtszeit Pedro Sanchez ist die Wirtschaft Spaniens zwar besser als zuvor – Probleme gibt es trotzdem.

Foto: dpa

Im Mai verloren die Parteien der sozialistisch-linkspopulistischen Regierung derart viele Stimmen bei den Regional- und Kommunalwahlen, dass Sánchez die Parlamentswahl auf den 23. Juli vorzog. Der reguläre Termin wäre Ende des Jahres gewesen.

Zwar steht die Wirtschaft nach Sánchez Amtszeit tatsächlich besser da als vorher, im Detail aber nicht ganz so gut, wie die jüngsten Daten suggerieren. Zudem bremsen strukturelle Probleme wie die hohen Schulden, die niedrige Produktivität und die langfristige Rentenfinanzierung das Wachstumspotenzial des Landes.

Mit 164 Milliarden Euro aus dem europäischen Wiederaufbaufonds sollte Spanien strukturelle Schwächen angehen. Experten halten die dafür angestoßenen Reformen aber für zu wenig ambitioniert.

Wie gut oder schlecht steht Spaniens Wirtschaft tatsächlich da? Ein Blick auf die wichtigsten Kennzahlen.

Wachstum: Vor allem Nachholeffekte

Spanien ist im vergangenen Jahr um 5,5 Prozent gewachsen, also außerordentlich stark. Allerdings war das vor allem eine Aufholjagd: Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) hat erst im zweiten Quartal dieses Jahres wieder sein Niveau aus dem Jahr 2019 erreicht – als letztes Land der EU.

Denn in der Pandemie war die Wirtschaftsleistung stärker eingebrochen als in allen anderen großen Industrienationen – um 11,3 Prozent.

Im langfristigen Vergleich ist Spaniens Wachstum daher eher niedrig: Vom ersten Quartal 2019 bis zum ersten Quartal 2023 lag es nach Berechnungen der spanischen Denkfabrik Fedea insgesamt nur bei einem Prozent. Das ist der vorletzte Platz im EU-Ranking, nur Deutschland wuchs noch weniger.

Exporte: Spaniens Unternehmen werden wettbewerbsfähiger

Der Langfristvergleich liefert allerdings zugleich eine wichtige positive Botschaft: Der Tourismus, der rund zwölf Prozent der spanischen Wirtschaftsleistung ausmacht und dieses Jahr vor einem Umsatzrekord steht, ist nicht das einzige Zugpferd des Wachstums.

Auch die Exporte von nicht touristischen Dienstleistungen wie etwa technische Studien von Ingenieuren sind seit Ende 2019 um 30 Prozent gestiegen und machen fast neun Prozent der Wirtschaftsleistung aus. Der Export von Gütern stieg in der Zeit um fünf Prozent. Für die stark vom Tourismus abhängige spanische Wirtschaft bedeutet das eine gesunde Diversifizierung.

Als Grund nennen Ökonomen die verbesserte Wettbewerbsfähigkeit spanischer Konzerne. Der Rückgang der Inflation, „der viel stärker und schneller als im übrigen Europa ausfiel, zusammen mit einem geringeren Lohnanstieg, hat zweifelsohne den Anstieg der Exporte begünstigt“, schreibt Manuel Hidalgo von der Business-School Esade. Spanien konnte deshalb trotz der Energiekrise sein Leistungsbilanzplus aufrechterhalten.

Inflation: Im Kern nicht außergewöhnlich

Die Inflation in Spanien ist zwar niedrig, allerdings liegt das vor allem an den gesunkenen Energiepreisen. Die Kerninflation, bei der Energie und frische Lebensmittel ausgeklammert sind, liegt mit 5,9 Prozent ähnlich hoch wie im Rest der EU.

Rund 40 Prozent der spanischen Haushalte haben einen Stromtarif, bei dem der Preis an den Kurs im Großhandel gekoppelt ist. Was private Verbraucher zahlen müssen, schwankt also deutlich stärker als in den meisten anderen europäischen Ländern. Die gefallenen Gaspreise spüren die Spanier darum direkt, wobei sie im vergangenen Jahr auch der starke Anstieg besonders schmerzte, bis der Staat eingriff.

Arbeitsmarkt: „Ein Drama“

Die hohe Arbeitslosigkeit – mit 13,3 Prozent aktuell die höchste in der EU – ist seit Jahren schon das wohl größte Problem der spanischen Wirtschaft. Zwar liegt sie im historischen Vergleich aktuell niedrig, und auch die Beschäftigtenzahl hat in den vergangenen Monaten positiv überrascht. Doch auf den zweiten Blick liefern die Daten ein gemischtes Bild.

So hat die Zahl der versicherungspflichtig Beschäftigten im Mai zwar einen neuen Rekord erreicht. Die Zahl der gearbeiteten Stunden liegt aber immer noch unter der des Jahres 2019. Das heißt: Zwar sind mehr Spanier in Lohn und Brot, sie arbeiten aber zum Teil nicht in Vollzeit.

„Die offiziellen Beschäftigungszahlen sind nicht verlässlich, wir gucken deshalb nur noch auf die Zahl der gearbeiteten Stunden“, sagt Manuel Pérez-Sala Gozalo, Präsident des Unternehmerverbands Circulo de Empresarios.

Ein weiteres Problem gibt es mit der Statistik: Wer auf Basis eines Saisonvertrags arbeitet, zählt nicht zu den Arbeitslosen, obwohl diese Menschen oft monatelang nicht arbeiten. Die Zahl dieser unbefristeten Saisonverträge ist deutlich gestiegen, nachdem die Regierung Ende 2021 mit einer Arbeitsmarktreform die reinen Zeitverträge erschwerte.

Zeitverträge machten zuletzt 30 Prozent aller Arbeitsverträge aus. Sie sind meist schlecht bezahlt, bieten Arbeitnehmern keinerlei Jobsicherheit und Arbeitgebern keine Anreize, in die Weiterbildung ihrer Mitarbeiter zu investieren und darüber die Produktivität zu steigern. Die Arbeitsmarktreform gilt daher als Erfolg.

Experten geht sie aber noch nicht weit genug. „Das ganze System braucht eine noch viel größere Reform, der Arbeitsmarkt ist ein Drama in Spanien“, sagt BBVA-Ökonom Cardoso. „Obwohl wir bis zu dreimal so viele Arbeitslose haben wir andere Länder, geben wir genauso viel Geld für die Ausbildung der Arbeitslosen aus – das muss sich ändern.“

Universitäten müssten mehr Studiengänge für Fachrichtungen anbieten, die Unternehmen tatsächlich brauchten. Auch die Arbeitslosen selbst sollten stärker in die Pflicht genommen werden. „Es gibt bislang kein Limit, wie viele angebotene Jobs sie ablehnen dürfen“, kritisiert Cardoso.

Schulden: Zwang zum Sparen

Die Staatsschulden haben eine Höhe von 113 Prozent des BIP. Das macht den Schuldendienst teuer, insbesondere bei steigenden Zinsen.

Ab dem kommenden Jahr soll der zuletzt ausgesetzte Fiskalpakt der EU wieder greifen. Dann wird Spanien um Sparmaßnahmen nicht umhinkommen.

Produktivität: Zu wenig für eine eigene Wohnung

Nach Angaben der spanischen Zentralbank liegt die Produktivität der Unternehmen 14 Prozent unter dem Schnitt der Euro-Zone. Die Gründe dafür sind das starke Gewicht von Dienstleistungen wie dem Tourismus, die geringe Größe spanischer Unternehmen, die niedrigen Ausgaben für Forschung und Entwicklung und das vergleichsweise niedrige Ausbildungsniveau. 

Das bremst nicht nur das Wachstum, sondern deckelt auch die Gehälter. Zentralbankchef Pablo Hernández de Cos beklagte jüngst, dass das Pro-Kopf-Einkommen Spaniens 17 Prozent unter dem Schnitt der Euro-Zone liegt.

Viele Spanier können sich von ihrem Gehalt keine eigene Wohnung leisten – nicht zur Miete und schon gar nicht als Eigentum. Entsprechend groß ist ihr Unmut.

Renten: Nicht nachhaltiger Anstieg

Mit den Milliarden aus dem europäischen Corona-Wiederaufbaufonds hat Spanien zwar die einmalige Chance, seine Strukturprobleme anzugehen. Experten monieren jedoch, dass die im Gegenzug angestoßenen Reformen nicht weit genug gehen.

„Spanien hat ein Riesenproblem in der Rentenversicherung, da die geburtenstarken Jahrgänge jetzt in Rente gehen und sehr geburtenschwache Jahrgänge folgen“, sagt Walther von Plettenberg, Geschäftsführer der deutsch-spanischen Handelskammer in Madrid.

Die Regierung hat in ihrer Rentenreform zwar steigende Beiträge der Arbeitgeber festgelegt, um die Renten zu finanzieren. Gleichzeitig hat sie jedoch die Rentenhöhe an die Inflation gekoppelt und die Renten in diesem Jahr um 8,5 Prozent erhöht – in etwa doppelt so hoch wie die von Arbeitgeberverbänden und Gewerkschaften anvisierte Erhöhung der Gehälter für 2023.

Spanien hat ähnlich wie Deutschland große Probleme die Renten zu finanzieren.

Foto: dapd

„Das ist nicht nachhaltig“, urteilt von Plettenberg. Spanien könne sich diese Art Rentenerhöhungen vermutlich nur leisten, weil es für andere Ausgaben die Milliarden aus dem Wiederaufbaufonds verwenden könne.

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Auch Unternehmerverbandspräsident Pérez-Sala fordert deutlich drastischere Schritte in der Rentenreform. „Wir müssen das Rentenalter auf 68 Jahre anheben und ein System von Sanktionen und Anreizen zwischen 68 und 72 Jahren einführen“, sagt er. „Anders lassen sich die Kosten der steigenden Lebenserwartung nicht finanzieren.“

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