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GroßbritannienBritische Inflationsrate bleibt hoch – Regierung gerät unter Druck

Die Preise im Vereinigten Königreich sind im Mai erneut um fast neun Prozent gestiegen. Anleger und Politiker reagieren geschockt. Die Anleger an den Finanzmärkten preisen weitere Zinserhöhungen ein.Torsten Riecke 21.06.2023 - 10:51 Uhr aktualisiert Artikel anhören

Der Einkauf wird immer teurer.

Foto: Bloomberg/Getty Images

London. Die unerwartet hohe Inflation in Großbritannien hat Politiker und Ökonomen geschockt und die Hoffnungen auf eine Zinspause der Bank of England (BoE) zunichtegemacht. Anders als von Ökonomen erwartet gingen die Verbraucherpreise im Mai nicht zurück, sondern verharrten auf dem hohen Niveau des Vormonats von 8,7 Prozent.

Die Kerninflation, die stark schwankende Energie- und Lebensmittelpreise ausklammert, stieg sogar von 6,8 auf 7,1 Prozent und erreichte damit den höchsten Stand seit 31 Jahren. Großbritannien verliert damit den Anschluss an den rückläufigen Trend in den USA und in der EU, wo die Inflationsraten zuletzt auf vier und sechs Prozent gesunken waren. 

Die Finanzmärkte reagierten prompt auf den neuerlichen Inflationsschock: Der Aktienhandel in London startete schwächer, die Zinsen für britische Staatsanleihen stiegen. Die Rendite für zweijährige Staatsanleihen sprang um 15 Basispunkte auf fast 5,1 Prozent nach oben. Die Anleger sehen jetzt eine Wahrscheinlichkeit von 50 Prozent, dass die britische Notenbank am Donnerstag die Leitzinsen um einen halben Prozentpunkt auf dann fünf Prozent erhöhen wird. Bis zum Jahresende könnten sie demnach auf sechs Prozent steigen.

„Insbesondere bei den Dienstleistungen erweist sich die Inflation als hartnäckig“, sagte Grant Fitzner, Chefökonom der staatlichen Statistikbehörde ONS. Der Volkswirt führte das auch auf die Lohnentwicklung zurück.

Die Löhne in Großbritannien waren in den drei Monaten bis April um 7,2 Prozent gestiegen, das ist der schnellste Anstieg seit 20 Jahren. Die britischen Gewerkschaften versuchen seit Monaten erfolglos, mit Streiks Reallohnverluste der Arbeitnehmer zu verhindern.

Geldpolitik bleibt bislang ohne Erfolg

Die hartnäckig hohe Inflation bringt die britischen Notenbanker immer stärker in Erklärungsnöte. Nach zwölf Zinssteigerungen in Folge haben die Währungshüter kaum Fortschritte gemacht, ihrem Inflationsziel von zwei Prozent näher zu kommen. „Die Bank of England hat geglaubt, die Inflation wird vor allem von internationalen Faktoren verursacht. Das ist jedoch das falsche Narrativ“, sagte Karen Ward, Chefstrategin bei der JP Morgan Asset Management in London. Tatsächlich sei der Preisanstieg hausgemacht und es drohe die Gefahr einer Lohn-Preis-Spirale.

Unter enormen Druck kommt aber auch die konservative Regierung von Premierminister Rishi Sunak. Hohe Inflationsraten und steigende Zinsen haben den Aufschlag für zweijährige Hypothekenkredite bereits auf über sechs Prozent getrieben und bringen viele Hausbesitzer in Schwierigkeiten, die ihre Darlehen in den nächsten Monaten teuer refinanzieren müssen.

Nach einer Untersuchung der Denkfabrik Resolution Foundation brauchen rund 800.000 Briten im kommenden Jahr eine Anschlussfinanzierung und müssen damit rechnen, dass sie dafür im Durchschnitt etwa 2900 Pfund (etwa 3400 Euro) mehr bezahlen werden.

„Dies ist eine Katastrophe für die Inflation und die Regierung und garantiert eine Erhöhung des Leitzinses um 0,5 Prozentpunkte in dieser Woche“, sagte Justin Moy, Gründer des Hypothekenmaklers EHF Mortgages, nach Bekanntgabe der Preisentwicklung. Weitere Leitzinserhöhungen würden bedeuten, dass auch die Hypothekenzinsen weiter steigen.

Viele Hausbesitzer gehören zur Kernwählerschaft der seit 13 Jahren regierenden Tories, die in den Meinungsumfragen ohnehin rund 14 Prozentpunkte hinter der Labour-Opposition zurückliegen. Konservative Abgeordnete fürchten um ihre Parlamentssitze bei den voraussichtlich im nächsten Jahr stattfindenden Parlamentswahlen und fordern staatliche Hilfen für notleidende Hypothekennehmer und Preisdeckel für Lebensmittel.

Finanzminister Hunt unter Druck

Finanzminister Jeremy Hunt hat bislang beides abgelehnt, weil damit die Inflation weiter angefacht werde. Die Regierung werde „nicht zögern, die Bank von England in ihrem Bemühen zu unterstützen, die Inflation aus unserer Wirtschaft zu verdrängen und gleichzeitig gezielte Unterstützung bei den Lebenshaltungskosten zu leisten“, versprach der Tory-Minister. Die Regierung werde „nichts tun, was dazu führt, dass die hohe Inflation länger anhält“.

Premier Sunak hatte Anfang des Jahres versprochen, die Inflationsrate von damals rund zehn Prozent zu halbieren.

Der britische Finanzminister wehrt sich bislang gegen Rufe aus seiner Partei nach massiven Eingriffen in die Wirtschaft.

Foto: Reuters
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Die Handlungsmöglichkeiten der Regierung sind aber auch deshalb begrenzt, weil die Staatsverschuldung Großbritanniens erstmals seit den 1960er-Jahren höher ist als das Bruttoinlandsprodukt (BIP). „Das sind keine guten Nachrichten für den Finanzminister“, sagte Ökonomin Ward.

Es sei kontraproduktiv, mit Staatshilfen die Auswirkungen der Inflation zu bekämpfen. Die Notenbanker müssten die Wirtschaft derart bremsen, dass Unternehmen und Arbeitnehmer nicht mehr sicher sein könnten, dass sie mit ihren Preis- und Lohnforderungen durchkommen würden.  „Die BoE muss dafür auch eine Rezession riskieren“, sagte Ökonomin Ward.

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