„Hillbilly Elegy“: Arm, drogenkrank, willensschwach – Trumps Vize und die Unterschicht
Düsseldorf. Es gibt viele Politiker, die sich als Buchautoren versuchen. Der langjährige britische Premierminister Winston Churchill erhielt für seine sechsbändige Geschichte des Zweiten Weltkriegs 1953 sogar den Literaturnobelpreis. In den USA indes dürfte es kaum einen Politiker geben, dessen Karriere sich so sehr mit einem Bucherfolg verbindet wie James David „J. D.“ Vance.
Der gerade mal 39-Jährige hat als „Running Mate“ von Donald Trump gute Chancen, der nächste Vizepräsident der USA zu werden – und Trump womöglich 2029 als US-Präsident zu beerben.
Vance war ein der breiten Öffentlichkeit unbekannter Jurist, bis er 2016 „Hillbilly Elegy“ veröffentlichte, eine Autobiografie über seine Jugend in der weißen Unterschicht der USA. Das Buch entwickelte sich rasch zum Bestseller, denn es lieferte Erklärungsansätze für den Erfolg von Trump in abgehängten Bevölkerungsschichten – und den Misserfolg Hillary Clintons. Heute lohnt sich die Lektüre gleich doppelt.
J. D. Vance: Hillbilly-Elegie.
Übersetzung: Gregor Hens.
Ullstein Verlag,
304 Seiten,
11 Euro.
- Zum einen, weil Vance darin unsentimental und zugleich anrührend über ein Milieu schreibt, das in der amerikanischen politischen Debatte eine große Rolle spielt. Vieles spricht dafür, dass es die perspektivlosen ehemaligen Industriearbeiter des amerikanischen „Rust Belts“ waren, die Trump seinen Wahlsieg 2016 ermöglichten. Der „Rust Belt“ im Nordosten ist eine der größten Industrieregionen der USA. Die Jobs dort lockten auch viele Zuwanderer aus ländlichen Regionen an, darunter jene Hillbillys, die dem Buch den Namen geben. Ab den 1970er-Jahren sorgte die Krise der US-Autoindustrie für der Niedergang der Region.
- Zum anderen, weil Vance uns in dem Buch viel über sein Wertesystem und seine Weltsicht verrät, was nun, nachdem er selbst überaus erfolgreich eine politische Karriere eingeschlagen hat, umso relevanter anmutet.
„Hillbilly Elegy“: Gewalt, Drogen, Fremdenhass
Vance wuchs in Middletown im US-Bundesstaat Ohio auf. Doch seine Familie stammt aus Kentucky, und es ist die dortige Hillbilly-Subkultur, die er in seinem Buch vor allem beschreibt. Zu deren typischen Eigenschaften zählt er latente Gewaltbereitschaft, Bildungsarmut, selbstzerstörerischen Drogen- und Alkoholkonsum sowie eine Abneigung gegen alles Fremde und alle Fremden. Die Loyalität gehört vor allem der eigenen Familie. Das bedeutet aber nicht, dass man sich nicht auch gegenüber ihr brutal und verantwortungslos verhält.
Staatliche Fürsorge wird in dieser Erzählung zu einem Negativfaktor, weil er die Neigung der Hillbillys verstärkt, keine Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen und die Schuld für das eigene Scheitern bei anderen zu suchen. Was dem Milieu laut Vance fehlt, sind feste Jobs und klare Strukturen.
Das alles klingt erst einmal nach dem üblichen konservativen Blick auf die Unterschicht. So ähnlich haben schon viele Jahrzehnte zuvor russische Großgrundbesitzer über ihre Leibeigenen gedacht und geschrieben. Wirklich besonders wird das Buch erst dadurch, dass Vance selbst Teil dieses sogenannten „White Trash“ war, also des „weißen Abschaums“, und im Verlauf des Buchs mehr als einmal Gefahr läuft, in Richtung Drogen und Selbstzerstörung abzudriften – so wie manche seiner Jugendfreunde.
Es sind vor allem die Schilderungen solcher Kinderschicksale, die das Buch anrührend machen. So anrührend, dass Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) einmal bekannte, ihm seien beim Lesen von „Hillbilly Elegy“ die Tränen gekommen.
Gerettet durch Drill und Struktur
Die Rettung kommt für Vance durch das US-Militär: Übergewichtig und unsportlich meldet er sich freiwillig beim für seinen harten Drill berüchtigten US Marine Corps, der amerikanischen Marineinfanterie. Hier findet er die klaren Strukturen, die ihm bislang gefehlt hatten. Hier erfährt er die Selbstwirksamkeit, die ihn später motiviert, sein Studium an der Universität von Ohio und später in Yale durchzuziehen.
Es war seine dortige Professorin Amy Chua, bekannt geworden als Autorin von „Battle Hymn of the Tiger Mother“, die ihn überhaupt erst davon überzeugte, in jungen Jahren seine Autobiografie zu schreiben.
Faszinierend am heutigen Senator Vance: Er kritisiert sein Herkunftsmilieu einerseits für dessen angebliche Antriebsschwäche und Verantwortungslosigkeit, die laut ihm durch staatliche Fürsorge nur noch schlimmer gemacht wird.
Doch andererseits unterstützt er zumindest öffentlich viele der reaktionären gesellschaftlichen Ansichten der Hillbillys, zum Beispiel in Bezug auf Zuwanderer oder sexuelle Minderheiten. Wie viel davon seiner wirklichen Überzeugung entspringt und wie viel politisches Kalkül dahintersteckt, bleibt vorerst das Geheimnis von J. D. Vance. Vielleicht lüftet er es ja irgendwann in einem zweiten Band seiner Memoiren.