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Jacinda ArdernNeuseelands Premierministerin tritt überraschend ab

Als jüngste Regierungschefin der Welt schrieb Jacinda Ardern in Neuseeland Geschichte. Ihre Rücktrittserklärung passt zu ihrem besonderen Stil: Sie zeigt zum Abschied Schwäche.Mathias Peer 19.01.2023 - 10:20 Uhr Artikel anhören

Wegen ihrer empathischen Art und ihres erfolgreichen Krisenmanagements hatte sie sich schnell auch international einen Namen gemacht.

Foto: AP

Bangkok. Mit brüchiger Stimme beendet Jacinda Ardern eine außergewöhnliche politische Karriere – mit einer für Spitzenpolitiker ebenso ungewöhnlichen Begründung. Sie habe als Neuseelands Premierministerin ihr Bestes gegeben, aber das Amt habe ihr auch viel abverlangt, sagte die Sozialdemokratin, die bei ihrer Wahl 2017 im Alter von 37 Jahren zur damals jüngsten Regierungschefin der Welt wurde.

„Ich weiß, was dieser Job erfordert, und ich weiß, dass ich nicht länger genug im Tank habe, um dem gerecht zu werden“, sagte sie hörbar den Tränen nahe. Bis Anfang Februar wolle sie deshalb die Amtsgeschäfte an einen Nachfolger oder eine Nachfolgerin übergeben.

Ihr Eingeständnis, keine Kraft mehr für die Arbeit an der Regierungsspitze zu haben, kam für politische Beobachter in Neuseeland völlig überraschend. Die Bereitschaft, persönliche Schwächen in aller Öffentlichkeit einzugestehen, passt aber zu der Ausnahmepolitikerin, die mit ihrem empathischen Politikstil international Anerkennung fand.

Australiens Premier Anthony Albanese lobte Ardern nach der Rücktrittsankündigung für ihren Intellekt und ihre Stärke. Kanadas Regierungschef Justin Trudeau dankte ihr für „einfühlsame, starke und beständige Führung“.

Ardern war die erste Regierungschefin seit Jahrzehnten, die während ihrer Amtszeit ein Kind zur Welt brachte. Drei Monate nach der Geburt nahm sie ihr Baby mit zur Vollversammlung der Vereinten Nationen. Nach dem Attentat eines Rechtsextremisten, der in Christchurch 51 Muslime erschoss, fand sie die richtigen Worte und Symbole. Das Land sei in Trauer vereint, sagte sie. Zu Treffen mit Angehörigen trug die Politikerin, die sich selbst als unreligiös bezeichnet, die im Islam traditionelle Kopfbedeckung Hijab.

Jacinda Ardern will Vorbild sein: „Eine, die weiß, wann es Zeit ist zu gehen“

Wie wichtig ihr diese nahbare Art von Politik war, betonte Ardern auch bei ihrer Pressekonferenz zum Abschied. Sie hoffe, dass sie den Neuseeländern gezeigt habe, „dass man freundlich, aber stark, einfühlsam, aber entschlossen, optimistisch, aber fokussiert sein kann“, sagte sie. Sie wolle auch ein Beispiel dafür liefern, eine andere Art von Führungskraft zu sein: „Eine, die weiß, wann es Zeit ist zu gehen.“

In ihrer emotionalen Rede zeigte sie sich ausgebrannt: „Ich bin ein Mensch, Politiker sind Menschen. Wir geben alles, was wir können – solange wir können“, sagte sie. Für sie sei es nun Zeit, einen Schlussstrich zu ziehen.

Sie habe keine Kraft mehr, Neuseeland weiterhin zu führen, erklärte Premierministerin Ardern überraschend am Donnerstag. Die 42-Jährige kündigte an, ihr Amt am 7. Februar aufzugeben und nicht erneut für die regierende Labour-Partei zu kandidieren.

Arderns fünfeinhalbjährige Amtszeit war geprägt von einem beinahe ununterbrochenen Krisenmodus. Dabei war die Coronavirus-Pandemie die mit Abstand größte Herausforderung. Unter Ardern wählte Neuseeland den Sonderweg einer strikten Null-Covid-Politik, zu der sich ansonsten nur wenige andere Länder wie Australien und China durchgerungen hatten. Sie schottete den fünf Millionen Einwohner großen Inselstaat über zwei Jahre fast vollständig ab. Ihr gelang es damit, die Infektions- und Todeszahlen über lange Zeit sehr niedrig zu halten – auch heute noch verzeichnet das Land in Relation zur Bevölkerungsgröße seit Pandemiebeginn um 60 Prozent weniger Corona-Todesopfer als Deutschland.

Doch für den Eindämmungserfolg war Ardern bereit, extreme Mittel einzusetzen: Im August 2021 verhängte sie nach dem Bekanntwerden eines einzigen Covidfalls einen mehrtägigen landesweiten Lockdown.

Anfangs war Arderns Corona-Krisenmanagement beliebt: Im Oktober 2020 erreichte sie einen historischen Wahlsieg. Ihre Labour-Partei erhielt zum ersten Mal seit Jahrzehnten eine absolute Mehrheit. Anschließend gingen Arderns Beliebtheitswerte aber zurück. Dies sei der Preis dafür, dass sie das Land vor Covid-19 geschützt habe, sagte die Regierungschefin, die immer wieder auch Ziel von frauenfeindlichen Anfeindungen wurde, vergangenes Jahr in einem Interview.

Oppositionelle Konservative liegen in Umfragen inzwischen vorn

Unter Druck setzten sie aber auch stark steigende Lebenshaltungskosten und Vorwürfe, ihre Kriminalitätsbekämpfung sei zu lasch. Aktuelle Umfragen sehen die konservative Opposition vor der für den 14. Oktober geplanten Parlamentswahl vorn. Ardern betonte aber, ihr Rücktritt solle nicht bedeuten, dass sie die Wahl schon als verloren ansehe. „Ich gehe nicht, weil ich glaube, dass wir die Wahl nicht gewinnen können, sondern weil ich glaube, dass Labour sie gewinnen kann und wird“, sagte sie. Es seien aber „frische Schultern“ nötig, um die Herausforderungen zu tragen.

„Man kann und sollte den Job nur machen, wenn man einen vollen Tank hat.“

Foto: Getty Images

Wer bis zur Wahl die Partei – und damit auch das Land – anführen wird, soll in den kommenden Tagen entschieden werden. Eine erste Abstimmung in der Parteispitze ist für Sonntag geplant. Sollte dabei kein Kandidat oder keine Kandidatin eine Zweidrittelmehrheit erhalten, wird die Parteibasis entscheiden – ein Verfahren, das spätestens am 7. Februar abgeschlossen sein soll. Zu den Favoriten zählen Chris Hipkins, der in Arderns Kabinett die Umsetzung der Coronamaßnahmen verantwortete, und Justizministerin Kiri Allan.

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Zu ihren eigenen beruflichen Zukunftsplänen äußerte sich Ardern nicht. Sie kündigte aber an, mehr Zeit mit ihrer Familie verbringen zu wollen – diese hätte wohl am meisten unter ihrem Amt gelitten. Die wegen der Coronapandemie geplante Hochzeit mit ihrem Lebensgefährten wolle sie nun endlich nachholen.

Erstpublikation am 19.01.23, um 01:29 Uhr.

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