Jan Marsalek: Britische Ermittler decken russisches Geldwäschenetzwerk auf
London, Düsseldorf. Die britische Kriminalpolizeibehörde National Crime Agency (NCA) hat ein mutmaßliches Geldwäschenetzwerk aufgedeckt, das Gelder in Milliardenhöhe aus Drogenhandel und anderen Verbrechen in Kryptowährungen umgewandelt haben soll, um den russischen Staat zu unterstützen. Das teilte die Behörde am Freitag in einer Pressemitteilung mit.
Teil des im Rahmen der „Operation Destabilise“ aufgedeckten Netzwerks soll auch der Österreicher Jan Marsalek sein, der frühere Vorstand des deutschen Zahlungsdienstleisters Wirecard. Er ist 2020 nach dem Zusammenbruch des Unternehmens untergetaucht und wird in Russland vermutet.
Erst kürzlich hatte das Handelsblatt über die mögliche Verstrickung Marsaleks in ein System von Kreditkartenbetrügern berichtet. Sein Anwalt wollte auf Anfrage nicht Stellung zu den neuen Vorwürfen nehmen.
Russische Kunden konnten Sanktionen umgehen
Konkret sollen der NCA zufolge „Personen, die in Verbindung mit russischen Geheimdiensten stehen“, versucht haben, über das System Agenten in Europa zu unterstützen. Darunter sei auch eine Gruppe bulgarischer Personen, die im Auftrag Marsaleks für Russland spioniert und Operationen durchgeführt haben sollen. Sie planten Anschläge, Entführungen und überwachten unter anderem einen Standort des Verteidigungsbündnisses Nato in Deutschland.
Kern der Struktur sind demnach die beiden Netzwerke TGR und Smart. Sie sollen unter anderem für das irische Kinahan-Kartell Geld gewaschen haben, eine der gewalttätigsten Drogenbanden Europas.
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Außerdem sollen TGR und Smart russischen Kunden dabei geholfen haben, Sanktionen illegal zu umgehen, die infolge des russischen Angriffskriegs in der Ukraine von westlichen Staaten verhängt worden waren. Die Köpfe hinter TGR sollen dafür über die Luxemburger Holdinggesellschaft Altair eine Bank in Kirgisistan erworben haben. Sie sollte als Drehscheibe dienen, um geltende Gesetze zu umgehen und so Zahlungen zugunsten russischer Militäreinrichtungen zu ermöglichen.
Geldwäscheabteilung riet von Zusammenarbeit ab
E-Mails, die dem Handelsblatt vorliegen, dokumentieren, dass TGR sich auch an Wirecard wandte. „Wir suchen einen Partner, der ein breites Spektrum an Zahlungsdiensten auf White-Label-Basis anbieten kann“, schrieb ein TGR-Vertreter am 21. August 2017. White Label bedeutet, dass ein Unternehmen Produkte eines anderen Anbieters unter eigenem Markennamen nutzen und vermarkten kann.
Der gesamte Zahlungsumsatz der aktuellen Kunden liege jährlich zwischen zehn und 20 Millionen britischen Pfund, schrieb der TGR-Mann zwei Tage später, umgerechnet 11,3 bis 22,7 Millionen Euro. Aber er erwarte, dass dieser Wert auf mehr als 50 Millionen Pfund steigen werde. „Zur Orientierung, welche Art von Kunden wir betreuen: mittelständische und große Unternehmen aus Mittel- und Osteuropa sowie dem Vereinigten Königreich“, schrieb er. Diese seien „überwiegend im internationalen Handel und Transport tätig“.
Wirecard zeigte sich daran interessiert: Ein Mitarbeiter der Wirecard Bank leitete am 18. September 2017 die TGR-Anfrage weiter und fragte in der internen Abteilung für Geldwäschebekämpfung nach: TGR wolle für seine Kunden Konten eröffnen, zu 60 Prozent würden diese aus der EU kommen und zu 40 Prozent aus Russland und der Ukraine. „Ist es denkbar, dass wir für dieses Anliegen grundsätzlich Partnerbank sein könnten?“
Einen Tag später kam die Rückmeldung: „Partnerbank ist ein weiter Begriff“, schrieb ein Mitarbeiter der Anti-Geldwäscheabteilung. „Ausgewählte Dienstleistungen können wir der Bank vermutlich nach sorgfältiger Prüfung anbieten.“ Aber den Zahlungsverkehr von TGR abwickeln solle Wirecard lieber nicht. „Das ist ein Hochrisikogeschäft.“
128 Personen festgenommen
Ob das Geschäft trotzdem zustande kam, ist unklar. Heute ist TGR ein Fall für die Behörden. Das Netzwerk soll in mindestens 28 britischen Städten und Gemeinden aktiv sein, teilten die britischen Behörden mit. Die NCA und Partnerbehörden in den USA, Frankreich, Spanien und Irland hätten bereits 128 Personen festgenommen.
Smart-Chefin Ekaterina Zhdanova sitzt in Frankreich in Untersuchungshaft. TGR-Leiter George Rossi und weitere Führungskräfte wurden von den USA sanktioniert.
Allein in Großbritannien seien demnach mehr als 25 Millionen Pfund in Bargeld und Kryptowährungen beschlagnahmt worden. Internationale Partner hätten weitere 24 Millionen US-Dollar und 2,6 Millionen Euro sichergestellt.
Die NCA hat nun eine ungewöhnliche Kampagne gegen Geldwäsche gestartet. An Raststätten hat sie Plakate und Botschaften in Englisch und Russisch aufgehängt, auf denen sie auf die Risiken für die Beteiligten und die drohenden jahrelangen Haftstrafen hinweist. Die Botschaft an Täter sei: „Schnelles Geld führt zu harter Zeit“, erklärt der NCA-Direktor Sal Melki.