Joseph Stiglitz: „Weltwirtschaft erlebt schwierigste Phase seit 1930er-Jahren“
New York. Wer den Lebenslauf von Joseph Stiglitz ansehen will, der braucht Zeit. 56 Ehrendoktortitel, Ökonomie-Nobelpreis, Berater von US-Präsident Bill Clinton, Chefvolkswirt der Weltbank – und das sind nur einige Stationen seines Lebens. Stiglitz mischt sich regelmäßig wortmächtig in politische Debatten ein. Zu Beginn der deutschen Legislaturperiode sorgte er mit einer undiplomatischen Beschimpfung des deutschen Finanzministers für Aufsehen.
Herr Stiglitz, Sie haben den deutschen Finanzminister wegen seines Beharrens auf der Schuldenbremse als den „gefährlichsten Mann Europas“ bezeichnet. Tatsächlich befindet sich Deutschland in einer extrem schwierigen Lage. Fühlen Sie sich bestätigt?
Auf jeden Fall. Die USA haben eine sehr aktive Fiskalpolitik betrieben, um die negativen Effekte der hohen Leitzinsen abzufedern. Die Regierung hat Initiativen wie das Infrastruktur- und das Chips-Paket auf den Weg gebracht, sowie den Inflation Reduction Act. Aber in Deutschland ist das nicht möglich, weil die Schuldenbremse das verhindert. Daher schrumpft die Wirtschaft. Ich halte die Schuldenbremse für eine Katastrophe.
Sind tatsächlich die mangelnden Investitionen des Staats das Problem? Oder liegt es nicht vielmehr, daran, dass Deutschland an den Folgen der Energie- und Exportabhängigkeit viel stärker zu leiden hat als andere?
Die negativen Auswirkungen des Kriegs, die Europa viel stärker treffen als die USA, kommen natürlich noch dazu. Deutschland hat bei der Preisgestaltung für Strom aber auch Fehler gemacht hat, die den Inflationsdruck verschärft haben. Spanien und Portugal etwa haben die Energiekrise viel besser gemeistert. Und natürlich ist auch die Abhängigkeit der deutschen Wirtschaft von China sehr problematisch. Zum einen, weil China nicht so stark wächst, wie man es sich erhofft hatte. Zum anderen beobachten wir eine zunehmende Spaltung zwischen China und den USA. Europa und vor allem Deutschland stehen dazwischen – und werden leiden.