Krieg gegen Russland: Ausländer in Fremdenlegion der Ukraine: „Der Familie habe ich nichts erzählt – die würden durchdrehen“
Jetzt werden auch Ausländer zu den Waffen gerufen.
Foto: imago/EST&OSTBerlin. Im Kampf gegen den russischen Angriff setzt die Ukraine jetzt auch auf freiwillige Kämpfer aus dem Ausland: eine Fremdenlegion. Denn obwohl die russischen Streitkräfte bislang daran scheitern, den Widerstand der Ukrainer zu brechen, sind sie der ukrainischen Armee zahlenmäßig weit überlegen.
Russlands Streitkräfte sind laut dem Londoner International Institute for Strategic Studies mit 900.000 Soldaten und zwei Millionen Reservisten die größten in Europa. Sie haben damit deutlich mehr Soldaten als die Ukraine mit ihren 196.000 Soldaten und 900.000 Reservisten.
Nachdem Präsident Wolodimir Selenski am Donnerstag Freiwillige in der ganzen Ukraine aufforderte, das Land zu verteidigen, und Abertausende automatische Waffen ausgeben ließ, verkündete der ukrainische Außenminister Dmitro Kuleba am Sonntag auf Twitter: „Ausländer, die bereit sind, die Ukraine und die Weltordnung als Teil der internationalen Legion zu verteidigen, lade ich ein, sich an die diplomatischen Vertretungen der Ukraine in ihren jeweiligen Ländern zu wenden. Gemeinsam haben wir Hitler besiegt, und wir werden auch Putin besiegen.“ Zigtausende Menschen kommentieren und teilen die Nachricht seither, nicht wenige mit der Frage: „Wann kann’s losgehen?“
Britische Außenministerin unterstützt die Bewegung
Die Antwort mancher Staaten: sofort. So unterstützt die britische Außenministerin Liz Truss Landsleute, die den Ukrainern beim bewaffneten Widerstand gegen die russische Armee helfen wollen. Am Sonntag in der BBC auf den Plan der Fremdenlegion angesprochen, antwortete sie: „Das unterstütze ich. Es ist etwas, über das die Menschen persönlich entscheiden.“ Und fügte hinzu: „Das ukrainische Volk kämpft für Freiheit und Demokratie, nicht nur für die Ukraine, sondern für ganz Europa.“
Die Deutsch-Britin Esther schrieb sich fast unmittelbar nach dem Aufruf in die „International Legion of Territorial Defense of Ukraine“ ein. Die 26-jährige Juristin lebt derzeit in Jerusalem und berichtet: „Hier in Israel wird sehr viel dafür geworben, die Ukraine auch als Teil der Fremdenlegion zu unterstützen.“
Ihr Flug soll noch diese Woche starten – wann genau und wohin, das weiß sie noch nicht. „Wahrscheinlich geht es nach Polen und dann mit dem Auto in die Ukraine.“ Angst habe sie nicht – eher Respekt. Denn ganz unvorbereitet sei sie nicht. „Ich hatte während meines Studiums in Großbritannien eine Art Grundausbildung für Reservistinnen und Reservisten. Man lernt Erste Hilfe, wie man ein Gewehr benutzt, wie man sich versorgt, wenn Wasser und Strom weg sind. Ein Programm, um die Bevölkerung auf Krisen vorzubereiten“, erzählt sie.
Nachdem sie sich bei der ukrainischen Botschaft angemeldet hatte, stellten Mitarbeiter ihr Fragen, um ihre Eignung zu prüfen. Zum Beispiel nach psychischer und physischer Gesundheit. Sie bestand. Seitdem gehe sie viel joggen, um sich körperlich vorzubereiten.
„Meiner Familie habe ich nichts erzählt – die würden durchdrehen“, sagt sie. Deshalb will sie kein Foto von sich in der Zeitung sehen. „Meine Frau und mein Freundeskreis haben alle Angst um mich, aber sie befürworten, dass ich der Ukraine helfe.“
Warum setzt sie ihr Leben aufs Spiel in einem Krieg, der meilenweit von ihr entfernt ist? „Ich habe Freunde in der Ukraine, von denen ich höre, wie schlimm die Lage ist. Das macht mir den Ernst der Lage vielleicht noch mal bewusster als Menschen, die das nur aus den Medien mitbekommen.“
In früheren Fällen Ausreise verhindert
Außerdem sei sie der Meinung, dass die Ukraine in die Nato und die EU gehöre, dafür, dass das hinausgezögert werde, schäme sie sich. „Als Deutsche, deren Land Öl und Gas aus Russland bezieht und damit auch die Raketen finanziert, reicht es in meinen Augen nicht, nur zu demonstrieren. Ich fühle mich mitverantwortlich.“
Ukrainisch oder Russisch spricht Esther nicht. Ob sie in der Fremdenlegion auf Freunde und Bekannte trifft oder an ganz anderen Orten eingesetzt wird, erfährt sie wohl erst in der Ukraine.
Die britische Botschaft will sie über ihren Einsatz informieren. Die deutsche nicht – denn sie bangt um die deutsche Staatsbürgerschaft.
Die Sorge ist nicht ganz unberechtigt. In der Vergangenheit, etwa bei den Kriegen in Syrien und im Irak, hatten deutsche Behörden zumindest die Ausreise deutscher Freiwilliger verhindert. Wird bekannt, dass deutsche Staatsbürger zu Kämpfen in ein anderes Land ausreisen, kann die Polizei ihnen vorübergehend die Pässe entziehen, wenn es eine entsprechende Anweisung gibt. Ob es im Fall der Ukraine eine Anweisung des Bundesinnenministeriums gibt oder geben soll, konnte ein Sprecher bis Redaktionsschluss dieses Artikels noch nicht beantworten. Wie viele Deutsche sich bisher überhaupt gemeldet haben, ist ebenfalls unklar. Die ukrainische Botschaft war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.
Derweil machen sich weitere Freiwillige auf den Weg. Nach Informationen von „Buzzfeed News“ sind darunter auch ehemalige Mitglieder von Spezialeinheiten mit Kriegserfahrung. Demnach bereiten sechs US-Amerikaner, drei Briten und ein Deutscher sich an der polnischen Grenze auf die Einreise in die Ukraine vor.
Dieser Text ist zuerst im „Tagesspiegel“ erschienen.
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