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GeopolitikWas Deutschland von Japan im Umgang mit China lernen kann

Die diplomatische Krise zwischen China und Japan eskaliert, doch Tokio ist vorbereitet. Der ehemalige Spitzendiplomat Yamagami erklärt die Strategie und hat eine Botschaft an Deutschland.Martin Kölling, Dana Heide 03.12.2025 - 13:23 Uhr Artikel anhören
Sanae Takaichi: Heftige Reaktionen aus China provoziert. Foto: REUTERS

Tokio, Berlin. China setzt Japan wirtschaftlich und diplomatisch massiv unter Druck, seit Regierungschefin Sanae Takaichi einen Angriff auf Taiwan als existenzielle Bedrohung für ihr Land bezeichnet hat – doch Japan ist in Konflikten mit der Volksrepublik erprobt.

China bestrafte Japan ab 2010 als erste Nation mit einem Exportverbot von seltenen Erden, die für Hightech-Produkte wie Batterien wichtig sind. Tokio reagierte mit einer Strategie, die sicherheitspolitische Abschreckung und wirtschaftliches Engagement kombiniert, und minimierte Risiken und Abhängigkeiten von China.

Global nimmt das Land daher eine Vorreiterrolle ein, und auch in Berlin werden Japans Erfahrungen und Strategien genau analysiert. Außenminister Johann Wadephul (CDU) sagte jüngst: „Japan hat diesen Weg der wirtschaftlichen Sicherheit schon eine Dekade vor uns begonnen.“

Wie dieser Weg für Deutschland aussehen könnte, erklärt Shingo Yamagami im Gespräch mit dem Handelsblatt. Der ehemalige japanische Botschafter in Australien gilt als Kenner der chinesischen Machtpolitik und sagt: „Ich möchte betonen, dass China nicht mehr das China ist, das wir früher kannten.“ Das Land stelle seine Großmachtambitionen nicht mehr zurück und akzeptiere nur Stärke.

Die USA seien der Hauptgegner und Gesprächspartner, „andere Länder wie Deutschland und Japan gelten wenig“, sagt Yamagami. Er rät zu festen Allianzen – und im Äußersten zu radikalen Maßnahmen.

Den jüngsten Konflikt löste Takaichi mit einem Tabubruch aus. Bisher hatten nur Politiker ohne Amt die japanische Sicherheitsdoktrin zur Taiwan-Frage offen formuliert. Ihre Aussage, ein Angriff auf Taiwan bedrohe Japan existenziell, lässt sich als Signal verstehen: Im Ernstfall könnte Tokio militärische Unterstützung leisten.

Ein Angriff auf Taiwan würde wohl auch japanisches Territorium oder US-Basen auf den Inseln treffen. Zudem fürchtet Tokio, dass China nach einer Übernahme der Insel wichtige Seeverbindungen nach Südostasien, die ölreichen Golfstaaten und nach Europa unterbrechen könnte.

Die Reaktion aus Peking folgte prompt. Die Regierung warnte vor Reisen nach Japan, stellte den Import von Meeresfrüchten ein. Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping beschwerte sich persönlich bei US-Präsident Donald Trump über Takaichi.

Noch drastischer wurde der chinesische Generalkonsul in Osaka, Xue Jian: Auf der Plattform X drohte er, der „dreckige Kopf“ dessen, der sich in die Taiwanfrage einmische, würde „abgeschlagen“.

Yamagami überraschten die heftigen Reaktionen nicht. Die chinesische Führung betrachte die Welt strikt hierarchisch. „Das Konzept gleichberechtigter Partner, wie es im G7-Kreis zwischen Deutschland, Japan oder Frankreich gepflegt wird, ist Peking fremd“, sagt er. Sobald China sich wirtschaftlich überlegen fühle, erwarte es Unterwerfung.

Shingo Yamagami: Allianzen aufbauen und Mut zeigen. Foto: REUTERS

Dies zeige sich auch symbolisch: Als Japan kürzlich einen Diplomaten zum Krisenmanagement entsandte, empfing der chinesische Gastgeber diesen demonstrativ mit Händen in den Hosentaschen, um den Handschlag zu verweigern.

Ökonomischer Zwang als Waffe

Entscheidende Hebel in Konflikten sind für China allerdings ökonomische Abhängigkeiten. „Peking gewöhnt sich daran, Handelsmaßnahmen als Zwangsmittel einzusetzen“, sagt Yamagami.  Australien wurde beispielsweise 2020 mit Exportsanktionen belegt, weil das Land eine unabhängige Untersuchung des Corona-Ursprungs forderte.

Diese Strategie spürte auch Europa jüngst, als China zunächst die Ausfuhr von seltenen Erden und später im Streit um den Chiphersteller Nexperia den Export von Halbleitern stoppte. Die europäische Autoindustrie warnte vor Produktionsstopps, prompt gab die niederländische Regierung nach, die den chinesischen Eigner von Nexperia hinausgeworfen hatte.

Yamagami rät zu einer Doppelstrategie: Lieferketten widerstandsfähiger machen und eigene Druckmittel nutzen. Denn auch China bleibe trotz des Versuchs, unabhängig von Technologieimporten zu werden, verwundbar.

Geschäftsklima

Deutsche Firmen in China werden chinesischer

Die Volksrepublik sei weiter von Bauteilen, Anlagen und Investitionen aus dem Ausland abhängig. Gerade die aktuelle wirtschaftliche Schwäche mache China angreifbar. Wenn etwa japanische Konzerne glaubhaft mit Rückzug drohten, „würde den Führern der Kommunistischen Partei ein Schauer über den Rücken laufen“. Die Staatsführung sorge sich um die Arbeitsplätze.

Deutschland habe sich dabei lange der Illusion hergegeben, einen „Wandel durch Handel“ herbeiführen zu können. Yamagami empfiehlt, Gleiches mit Gleichem zu vergelten und verweist auf etwa zwei Dutzend japanische Geschäftsleute, die unter anderem wegen angeblicher Spionage in China inhaftiert seien.

Sollt das auch deutschen Managern passieren, rät Yamagami: „Vielleicht müssen Sie chinesische Geschäftsleute in Deutschland festsetzen.“ Das sei die einzige Reaktion, die autoritäre Regime verstünden.

Klarheit in der Taiwan-Frage

Auch starke Allianzen seien entscheidend. „Allein ist man ein Opfer, in der Gruppe eine Macht“, sagt Yamagami. Wenn Deutschland oder Japan isoliert auftreten, fühle sich China überlegen. Im Verbund mit anderen Ländern ändere sich das.

Zudem sollte sich der Westen geschlossen zu Taiwan positionieren – und Peking präventiv mitteilen, dass im Falle einer Invasion die „Ein-China-Politik“ sofort ende und Taiwan diplomatisch anerkannt werde. Die diplomatische Doktrin Chinas besage, dass die Insel zur Volksrepublik gehört.

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Brisant bleibt die Lage auch für Japan. Yamagami prognostiziert einen „kalten Winter“ in den diplomatischen Beziehungen. Zwar hat Chinas Regierung bisher keine japanischen Unternehmen in China drangsaliert. Doch die Volksrepublik werde versuchen, die Regierung Takaichi zu „zerquetschen“, da sie als stark und gefährlich wahrgenommen werde.

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