Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Präsidentschaftswahlen US-Wahlkampf der Unwahrheiten: Fake News im Netz drohen in reale Gewaltverbrechen zu münden

Angeblich verschwundene Wahlzettel, mysteriöse E-Mails, russische Aktivisten: Der US-Wahlkampf erscheint anfällig für Desinformation wie keiner zuvor: Das setzt nicht nur die Netzwerke unter Druck.
20.10.2020 - 20:34 Uhr Kommentieren
Brasilien und sein rechtsradikaler Präsident Jair Bolsonaro sind der engste politische Verbündete von Donald Trump auf dem amerikanischen Kontinent. Quelle: AP
Donald Trump

Brasilien und sein rechtsradikaler Präsident Jair Bolsonaro sind der engste politische Verbündete von Donald Trump auf dem amerikanischen Kontinent.

(Foto: AP)

San Francisco, Washington Manchmal genügen ein paar Kisten, um eine nationale Krise auszulösen. Kürzlich fraß sich in den USA die Geschichte durchs Internet, dass der Bundesstaat Wisconsin im großen Stil Wahlbriefe unterschlage. Der angebliche Beweis: das Foto eines Haufens von Umschlägen, die im Straßengraben landeten. Die Behörden sprachen früh von einem Unfall und betonten, die Briefe würden rechtmäßig zugestellt.

Auch seien keine Wahlbriefe aus Wisconsin in den Kisten gewesen. Doch die Mühe war vergebens, Fakten vermischten sich mit Mutmaßungen und Wut.

Das konnte auch deshalb passieren, weil die Geschichte ins Narrativ des US-Präsidenten passt. Donald Trump fährt eine Misstrauenskampagne gegen die Wahlen und wirft den US-Demokraten und ihrem Kandidaten Joe Biden Manipulation vor. So behauptet er, Wahlzettel würden tonnenweise „in Flüsse und Bäche“ geworfen. Die Pressesprecherin des Weißen Hauses, Kayleigh McEnany, nahm Wisconsin als Beispiel für „ein System, das Betrug unterliegt“. 

Bis zur Wahl am 3. November dürften die Ströme von Halbwahrheiten und klaren Lügen zunehmen. „Wir sind anfälliger für Online-Desinformation als je zuvor, sowohl aus dem Ausland als auch aus inländischen Quellen“, warnte Expertin Nina Jankowicz vom Forschungsinstitut Wilson Center im US-Kongress. Und der Chef der Bundespolizei FBI, Christopher Wray, sah bereits im September russische Einflussnahme „mit dem Zweck von Spaltung und Zwietracht“, ebenso wie 2016. 

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Die Präsidentschaftswahlen sind deshalb nicht nur ein Rennen zwischen Trump und Biden, sie sind auch die größte Bewährungsprobe im Kampf der Tech-Giganten gegen die Flut falscher Informationen. Als sich vergangene Woche die Trump-freundliche „New York Post“ einmischte und eine angebliche Enthüllungsgeschichte verbreitete, konnte man das in Echtzeit beobachten.

    Grafik

    Im Mittelpunkt der Geschichte stand Hunter Biden, der 50-jährige Sohn von Joe Biden. Dessen lukrative Geschäftsbeziehungen zum ukrainischen Gasriesen Burisma werfen schon länger Fragen nach möglichen Interessenkonflikten auf.

    Er arbeitete für den Konzern, als sein Vater als Vizepräsident unter Barack Obama die Geschicke des Weißen Hauses lenkte. Ein Republikaner-Report des US-Senats kam zu dem Schluss, dass er finanziell vom Namen seines Vaters profitiert habe. Anhaltspunkte für Korruption oder direkte Einflussnahme auf die US-Außenpolitik fanden sich aber nicht. 

    Hunter Biden erfüllt für Trumps Kampagne eine ähnliche Funktion wie Hillary Clintons E-Mail-Skandal 2016. Die gesamte Familie gehöre „weggesperrt“, rief er bei einem Auftritt, gefolgt von Buhrufen aus dem Publikum. In angeblichen E-Mails, die die „New York Post“ veröffentlichte, bestätigte ein Burisma-Vertreter einen Kontakt mit Joe Biden und bedankte sich bei Hunter Biden für die Vermittlung.

    Doch die Geschichte warf mehr Fragen auf, als sie Antworten gab. Die Authentizität der E-Mails ist ungeklärt, laut der Biden-Kampagne gab es nie ein Treffen. Wie die „New York Times“ berichtete, sollen sich mehrere Reporter geweigert haben, die Geschichte aufzuschreiben.

    IT-Konzerne unter Druck

    Dazu soll die Zeitung die Festplatte mit den Daten ausgerechnet von Trumps Anwalt Rudy Giuliani bekommen haben. Dieser reiste, wie man während des gescheiterten Amtsenthebungsverfahrens gegen Trump erfuhr, ins Ausland, um belastbares Material gegen die Bidens zu suchen.

    US-Geheimdienste warnten das Weiße Haus im vergangenen Jahr, russische Aktivisten würden Giuliani mit Falschinformationen füttern wollen. 

    Facebook, Youtube und Twitter stehen spätestens seit 2016 unter Druck, stärker gegen Desinformation vorzugehen. Dieses Mal reagierten sie schnell – und Twitter vielleicht sogar zu schnell, indem es die Geschichte komplett blockierte. Den Link zu der „New York Post“-Geschichte leitete Twitter zeitweise gar nicht weiter.

    Facebook schränkte lediglich die Verbreitung der Geschichte über seine Empfehlungsalgorithmen ein. Wer den Link aber auf Facebook entdeckte, konnte ihn auch anklicken. Twitter hielt seine Position nach Kritik aus vielen Richtungen nur einige Stunden durch.

    Grafik

    Am Freitag entschuldigte sich der Twitter-Chef: „Einfach Links zu blockieren war falsch“, schrieb Jack Dorsey in einem Tweet. Man habe Kontext liefern wollen, nicht die Nutzer verwirren.

    Wie weit Plattformen gehen sollen, die Verbreitung von Inhalten einzuschränken, ist hochumstritten. Obwohl Twitter die Lieblingsplattform von Trump ist, macht es Dorsey wenig aus, sich den US-Präsidenten und seine Anhänger zum Feind zu machen.

    Dorsey versucht, die politischen Probleme der US-Wahlen aggressiver anzugehen als Facebook-Chef Mark Zuckerberg. Schon im Oktober 2019 verbot der 43-Jährige Wahlwerbung auf Twitter. Facebook zog erst vor wenigen Wochen nach und will politische Werbung erst nach dem 3. November verbieten. Auch war Twitter das erste Netzwerk, das mit Labels unter Trumps Tweets darauf hinwies, wenn der Präsident log. Facebook kopierte die Praxis später und setzt sie sparsamer ein als Twitter.

    Ein Grund für diese unterschiedliche Herangehensweise: Dorsey hat mehr politischen Spielraum als Zuckerberg. Facebook wird sowohl von Republikanern als auch von Joe Biden für seine Moderation von Inhalten kritisiert. Weil der Konzern so groß ist, drohen ihm nach der Wahl Kartellstrafen bis hin zu einer Zerschlagung. Twitter ist schlicht zu klein, um Angst vor einem Wettbewerbsverfahren haben zu müssen.

    Auswirkungen auf reale Gewaltverbrechen

    Eine andere Maßnahme würde dagegen beide Netzwerke treffen. Die Republikaner nutzen jede Löschung unwahrer Aussagen, um den Netzwerken Machtmissbrauch vorzuwerfen, und drohen mit der Aufhebung einer als „Section 230“ bekannten Regel. Nach dieser können Internetplattformen für die Inhalte ihrer Nutzer nicht haftbar gemacht werden.

    Auch Biden hat gefordert, „230“ aufzuheben – ironischerweise aber aus dem gegenteiligen Grund: Den Demokraten stört, dass Trump in seiner Wahlwerbung Lügen über ihn verbreiten darf, ohne dass Facebook etwas dagegen tun muss.

    Was Politiker wie Bürger gleichermaßen beunruhigen müsste, sind die Auswirkungen von Desinformation auf reale Gewaltverbrechen. 2016 stürmte ein Mann eine Washingtoner Pizzeria, um einen angeblichen Pädophilen-Ring von Hillary Clinton zu enttarnen. Und kürzlich deckte das FBI einen Terror-Ring auf, der die demokratische Gouverneurin von Michigan, Gretchen Whitmer, kidnappen wollte.

    Laut Anklage vernetzte sich die Gruppe über Falschnachrichten auf Facebook. Das FBI bereitet sich laut US-Medien auf Unruhen vor den Wahllokalen vor. Denn die Flut von Hass und Hetze dürfte auch am 3. November nicht vorbei sein, vor allem, wenn das Ergebnis knapp ausfallen sollte.

    Mehr: Lesen Sie mehr zum US-Wahlkampf: Wie die USA unter Donald Trump von einer Supermacht zur gespaltenen Nation abstiegen.

    Startseite
    Mehr zu: Präsidentschaftswahlen - US-Wahlkampf der Unwahrheiten: Fake News im Netz drohen in reale Gewaltverbrechen zu münden
    0 Kommentare zu "Präsidentschaftswahlen: US-Wahlkampf der Unwahrheiten: Fake News im Netz drohen in reale Gewaltverbrechen zu münden"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%