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Russlands Importstopp gegen den WestenEin Jahr nur russischen Parmesan

Teure Milch, leere Regale, russischer Parmesan: „Die Produkte im Laden sehen gut aus – bis du sie probierst“, sagt Eva Mala. Die Bloggerin hat 365 Tage Importstopp dokumentiert – und wurde auf ihrer Reise oft überrascht.Kathrin Witsch 07.08.2015 - 14:54 Uhr Artikel anhören

Die vereinsamte Gemüse- und Obst-Abteilung in einem russischen Tochka Supermarkt am 11. März 2015.

Foto: Handelsblatt

Düsseldorf. Frustration ist: Mit einer Einkaufsliste, auf der nur vier Dinge stehen, durch acht verschiedene Supermärkte zu gehen und danach immer noch nichts in der Hand zu halten. So beschreibt es Eva Mala aus der Region um Moskau einen Tag vor dem Weihnachtsfest des vergangenen Jahres.

Damals war der russische Einfuhrstopp westlicher Lebensmittel gut vier Monate alt. Ihre Erfahrungen mit dem Importstopp beschreibt die junge Frau in ihrem Blog „365 Days of Russian Ban On Food“, auf Deutsch: 365 Tage russisches Einfuhrverbot für Lebensmittel. Ihr Profilbild: Ein durchgestrichener Burger und Softdrink – dahinter: Kremlchef Wladimir Putin mit nacktem Oberkörper und Gewehr, „Auf Wiedersehen Erdnussbutter, hallo Salo (ein in Salz und Gewürzen gereifter, sechs bis zehn Zentimeter dicker Rückenspeck), auf Wiedersehen Parmesan, hallo Tvorog (Quark), auf Wiedersehen französischer und italienischer Wein, hallo Wodka“, schreibt Mala zu Beginn.

Der Einfuhrstopp war Kremlchef Wladimir Putins Reaktion auf die wegen der Ukraine-Krise von den USA, der EU, Kanada, Norwegen und Australien verhängten Sanktionen. Zuvor hatten diese Staaten Russland bereits den Zugang zu ihren Finanzmärkten erschwert, künftige Waffenexporte gestoppt und Einreiseverbote gegen mehrere Politiker verhängt. Doch dann kamen die Sanktionen.

Die Auswirkungen der Russland-Sanktionen auf deutsche Branchen
Der wichtige Industriezweig leidet besonders stark unter dem Einbruch des Russland-Geschäfts – denn die Branche ist für mehr als ein Fünftel (2014: 22 Prozent) aller deutschen Ausfuhren in das Riesenreich verantwortlich. 2014 brachen sie um 17 Prozent ein. Damit ging Geschäft im Volumen von 1,3 Milliarden Euro verloren. Russland fiel damit in der Rangliste der wichtigsten Abnehmerländer auf Rang zehn zurück. 2013 war das Land noch der viertgrößte Absatzmarkt für den deutschen Maschinenbau. In diesem Jahr setzt sich der Trend fort: Allein bis Mai gingen die Exporte um 30 Prozent zurück.
Die deutsche Elektroindustrie hat 2014 soviel Waren ins Ausland geliefert wie nie. Insgesamt kletterten die Exporte um 4,9 Prozent auf den Rekordwert von 165,5 Milliarden Euro. Und das, obwohl das Russland-Geschäft um 1,2 Milliarden Euro geringer ausfiel als 2013 – und damit die mit Abstand größte Belastung des Exportwachstums der Branche war.
Der russische Automarkt brach im vergangenen Jahr um zehn Prozent ein. Das trifft nicht alle deutschen Hersteller gleichermaßen. Für Daimler ist Russland nur ein vergleichsweise kleiner Markt. Europas größter Autobauer Volkswagen muss dagegen spürbare finanzielle Einschnitte in Kauf nehmen. Der Autobauer Opel stellt wegen der Absatzkrise sein Geschäft auf dem einstigen Hoffnungsmarkt bis zum Jahresende komplett ein.
Gelitten hat auch die deutsche Textilindustrie. Der Gesamtverband Textil und Mode spricht von einem Exportminus von zwölf Prozent. Für den Hemdenhersteller Olymp ist Russland inzwischen nur noch der zweitgrößte Markt. Dem Hemdenhersteller macht unter anderem der schwache Rubel zu schaffen, der seine Produkte vergleichsweise teurer macht.
Russland galt lange als wichtigster Absatzmarkt für deutsche Agrar- und Lebensmittelexporteure außerhalb der EU. Schon vor den Sanktionen erschwerten nach Angaben des Verbandes BVE aufwendige Einfuhrvorschriften sowie Handelshemmnisse und Betriebssperrungen das Exportgeschäft. Nun schätzt der Präsident des Deutschen Bauernverbandes, Joachim Rukwied, den Schaden durch die Sanktionen allein für die deutsche Landwirtschaft auf 600 bis 800 Millionen Euro. „Russland war einer unserer drei größten Exportmärkte, und der ist praktisch weggebrochen“, sagte Rukwied dem „Tagesspiegel“ (Donnerstag).

Gemeinsam mit dem Ölpreisverfall haben sie die wirtschaftliche Krise in Russland maßgeblich beschleunigt. Wie ein Katalysator der eigenen Lebensmittelknappheit wirkte Putins Verbannung von westlichen Milch- und Fleischprodukten, Obst und Gemüse aus den russischen Regalen.

Die Lebensmittelpreise zogen um 20 Prozent an. Nach amtlichen Statistiken lebten im vergangenen Jahr über 16 Millionen Russen beziehungsweise elf Prozent der Bevölkerung unter der Armutsgrenze. Im ersten Quartal 2015 stieg die Zahl auf 23 Millionen Menschen, was einer Quote von 16 Prozent entspricht.

Nur wenige Tage nachdem der Einfuhrstopp in Kraft trat, begann Eva Mala ihren Blog. Sie hatte den Eindruck, dass weder westliche noch russische Medien die Situation richtig darstellten. Russland behaupte, der Einfuhrstopp sei eine Chance für die einheimischen Bauern. Der Westen wiederum hätte oft keine Journalisten vor Ort gehabt und deshalb nur Vermutungen über die Lage in den Supermärkten angestellt.

„Ich fühle mich verantwortlich, den Menschen zu zeigen, wie es wirklich ist“, sagt sie. Ihre Kamera hatte sie daraufhin immer griffbereit, um zu dokumentieren, was sie kaufte, kochte, aß. Ihre Bilder aus dem Supermarkt zeigen oft leere Regale, wo einst westliche Importware angeboten wurde, aber auch die „wirklich beste Pizza in Moskau“ und gemeinsame Familienessen mit Würstchen, Sauerkraut und Teigtaschen.

Die Sanktionen der EU gegen Russland
Neben einem generellen Aus- und Einfuhrverbot für Waffen bestehen zusätzliche Restriktionen für Güter und Technologien, die sowohl für zivile als auch militärische Zwecke genutzt werden könnten (Dual Use Goods). Sie dürfen für militärische Zwecke oder an militärische Endnutzer nicht mehr geliefert werden. Ein grundsätzliches Exportverbot gilt ebenfalls für bestimmte Hochtechnologiegüter an das Militär, etwa Verschlüsselungssysteme sowie für Hochleistungscomputer.
Der Zugang russischer Unternehmen zu den EU-Kapitalmärkten wird weiter erschwert. EU-Bürger und -Firmen dürfen fünf großen staatlichen russischen Banken und ihren Tochterunternehmen keine Darlehen mehr geben. Auch drei große russische Rüstungsunternehmen und drei Energieunternehmen dürfen ihre Schulden nicht mehr über die EU-Finanzmärkte finanzieren. Auch die Vermittlung solcher Finanzierungen ist EU-Unternehmen verboten
Eine schwarze Liste verbietet 151 Personen und 37 Unternehmen oder Organisationen, Geschäfte mit der EU zu machen. Darunter sind laut EU sechs Personen mit engen Verbindungen zum russischen Präsidenten. Ihr Vermögen in der EU wird eingefroren. Dies sind vor allem Firmen, die von der Annexion der Krim durch Russland profitierten.
Wirtschaftsbeziehungen zur Krim und Sewastopol wurden beschränkt. So gilt ein Einfuhrverbot für Waren von der Krim und Sewastopol, außerdem sind Investition sowie Tourismusdienstleistungen untersagt, die der Krim zugutekämen.

Es ist ihr russischer Jahres-Speiseplan. Anfangs hatte ihre Facebook-Seite nur ein paar hundert Fans, heute sind es mehr als 2000. Vieles von dem, was Mala in dem einen Jahr gepostet hat, sieht gut aus (etwa die selbstgebackene Pizza), anderes ist schwer zu identifizieren. Mala und den knapp 144 Millionen Russen blieb aber nichts anderes übrig, als darauf zurückzugreifen.

„Es war eine interessante Reise“, sagt Mala dem Handelsblatt. „Von leeren Supermarkt-Regalen über verfaultes Obst und Gemüse im Herbst bis heute, wo alle Produkte im Laden gut aussehen – bis du sie probierst.“ Nachdem die Sanktionen Wirkung gezeigt hatten, kauften die Russen in größeren Mengen ein, so dass viele Produkte einfach aus den Regalen verschwanden.

Wie leergefegt ist dieser Supermarkt in Russland am 18. Oktober 2014.

Foto: Handelsblatt

Heute könne man zwar alles haben, was man möchte, erzählt Mala, aber die Qualität von italienischem Parmesan sei einfach nicht mit dem aus russischer Produktion zu vergleichen. „Er sieht aus wie Plastik und schmilzt sogar wie Plastik beim Kochen“, erzählt Mala. Und obwohl die Qualität gesunken ist, sind die Preise gestiegen. Mala hat ein Jahr lang den Preis für Butter notiert. Kostete sie im Oktober 2014 noch 177 Rubel, waren es im März 2015 schon 246 Rubel. Aktuell hat sich der Preis bei 222 Rubel eingependelt.

Die Sanktionen haben das Leben der jungen Bloggerin verändert. Wegen der teuren Preise trinke sie kaum mehr Milch, nur noch zum Kaffee. Was sie kocht, plant sie schon längst nicht mehr, weil sie nie weiß, welche Zutaten sie auch wirklich bekommt. Den Appetit hätte sie über die vergangenen 365 Tage größtenteils auch verloren, schreibt sie in einem ihrer jüngsten Beiträge.

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Nicht nur auf das Leben des Einzelnen wirkten sich die russischen Lebensmittelsanktionen aus. Auch die Supermärkte hätten sich sehr verändert. „Einzelne Sektionen sind kleiner geworden, zum Beispiel die Käse-Abteilung“, berichtet sie. „Es gibt nicht mehr genug Marken, um die Auslage zu füllen.“

Die Preise seien höher, die Auswahl nicht sehr groß und manches einfach aus den Regalen verschwunden. Und das wird vermutlich zunächst auch so bleiben. Gerade erst haben die EU-Staaten die Sanktionen gegen Russland bis Ende Januar verlängert.

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