Sachalin 2: Russland droht japanischen Unternehmen indirekt Enteignung an
Japan will seine Gasprojekte auf der russischen Insel Sachalin nur ungern auf Eis legen.
Foto: ReutersTokio. Russlands Präsident Wladimir Putin geht auf Konfrontationskurs zu Japan. Nachdem der Kremlherrscher zuletzt den Gaszufluss nach Europa gedrosselt hatte, nimmt er sich nun die japanischen Gasprojekte auf der sibirischen Insel Sachalin vor. Über einen Präsidentenerlass ordnete Putin an, dass die Vermögenswerte des Projekts Sachalin-2, einem Erdöl- und Erdgasentwicklungsprojekt, ohne Entschädigung an ein neu gegründetes russisches Unternehmen übertragen werden.
Dieser Schritt weckt in Japan Befürchtungen, dass die beiden japanischen Investoren und Projektteilnehmer, die Handelshäuser Mitsui und Mitsubishi, von dem Projekt ausgeschlossen werden könnten. Zudem wächst die Sorge, dass ein Lieferstopp von Flüssiggas aus dem Sachalin-Projekt die akute Stromknappheit in Japan verschärft. Das Land müsste dann noch stärker mit Deutschland und anderen europäischen Ländern am Weltmarkt um Flüssiggas konkurrieren.
Japan importiert nahezu 100 Prozent seines Bedarfs an fossilen Brennstoffen. Flüssiggas spielt dabei mit rund einem Viertel des primären Energieverbrauchs der drittgrößten Volkswirtschaft der Welt eine wichtige Rolle. Deshalb ist es wohl japanischer Zurückhaltung zuzuschreiben, wenn Analysten wie Ken Koyama, Chefvolkswirt des japanischen Instituts für Energiewirtschaft, Putins Aktion lediglich als Versuch bewerten, „Japan aufzurütteln“.
Lokal ist die Abhängigkeit von Russland teilweise sehr hoch
Japan hat sich im Ukrainekrieg fest an die Seite Europas und der USA gestellt. Kein Land in Asien hat ähnlich harte Sanktionen gegen Russland verhängt. Zudem will Ministerpräsident Fumio Kishida die Beziehungen zur Nato stärken. Diese Woche nahm er als erster japanischer Regierungschef an einem Nato-Gipfel teil. In Japan wird nun befürchtet, dass das Land aus der strategischen Rohstoffinvestition des Sachalin-Projekts herausgedrängt werden soll und diese dann an China geht - ähnliche Erfahrungen gab es bereits bei einem iranischen Ölfeld.
Japan ist dabei zwar weit weniger von Importen aus Russland abhängig als Deutschland. Das Projekt Sachalin-2 macht etwa neun Prozent von Japans Flüssiggasimporten aus. Aber lokal ist die Abhängigkeit teilweise deutlich höher, im Wahlkreis von Ministerpräsident Fumio Kishida etwa stammt sogar rund die Hälfte des Bedarfs des dortigen Gasversorgers aus Russland. Hinzu kommt, dass die Regierung gerade plant, alte Gaskraftwerke zu reaktivieren, um die aktuelle Stromnot zu lindern.
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Angesichts der gegenwärtigen Hitzewelle mit Temperaturen von örtlich über 40 Grad wurde in der Hauptstadtregion bereits eine „Stromversorgungswarnung“ ausgegeben. Die Stromreserve war auf unter fünf Prozent gefallen. Nun hat die Regierung die Bevölkerung sogar landesweit zu einer dreimonatigen Stromsparkampagne aufgerufen, um Engpässe zu vermeiden.
Wenn die Lieferungen aus Russland stoppen sollten, müsste Japan das notwendige Gas anderswo auftreiben. Zum Glück werden die zehnjährigen Lieferverträge bisher noch erfüllt. Allerdings sind die Auswirkungen von Putins Erlass noch nicht klar.
Japans stellvertretender Kabinettssekretär Seiji Kihara forderte am Freitag, dass die japanischen Interessen von dem Vorstoß nicht beeinträchtigt werden dürfen. Die Befürchtung betrifft auch das Projekt Sachalin-1, das Putin bisher noch nicht angegangen hat. An dem ist Japans Regierung sogar über sein Wirtschaftsministerium gemeinsam mit anderen Handelshäusern direkt beteiligt. Doch auch bei Sachalin-2 sind die Details der Übertragung nicht noch unbekannt.
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Der Anordnung zufolge will Moskau eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung als neue Betreibergesellschaft gründen. In die sollen dann alle Vermögenswerte, Mitarbeiter und Rechte von Sakhalin Energy, dem derzeitigen Betreiber übertragen werden. Die japanischen Handelshäuser Mitsui und Mitsubishi allerdings halten 12,5 beziehungsweise zehn Prozent der Anteile, der Ölkonzern Shell 27,5 Prozent. Russlands Gazprom gehören die restlichen 50 Prozent.
Schlechte Erinnerungen an Atomstreit der USA mit Iran
Shell hatte nach Kriegsausbruch erklärt, seine Anteile zu verkaufen. Auch chinesische Unternehmen sollen zu den Interessenten zählen. Theoretisch können sich die bestehenden ausländischen Aktionäre von Sakhalin Energy weiterhin an dem neuen Unternehmen beteiligen. Nur müssen sie dafür den bisher öffentlich noch nicht bekannten Bedingungen der russischen Behörden zustimmen.
Sollten sie sich weigern, könnten die japanischen Handelsunternehmen ihre Investitionen in Sachalin-2 verlieren, heißt es in der japanischen Zeitung Nikkei. Ein ähnliches Trauma hat Japan 2010 in Iran erlitten. 2004 hatte die damals staatlich finanzierte Japan Oil Development, der heutige Inpex-Konzern, 75 Prozent an einem der größten Ölfelder der Welt erworben.
Doch die Regierung musste die Anteile aufgeben, als es zum Atomstreit der USA mit Iran kam. Die USA drohten Japan damals Sanktionen an, sollten die Asiaten das Projekt mit Iran nicht fallen lassen. Ein chinesischer Staatskonzern übernahm letztlich die japanische Beteiligung.