Ukraine-Krieg: Warum Japan an Öl- und Gasprojekten in Russland festhalten will
Japan will seine Gasprojekte auf der russischen Insel Sachalin nur ungern auf Eis legen.
Foto: ReutersTokio. Bei den allgemeinen Wirtschaftssanktionen gegen den direkten Nachbarn Russland war Japans Regierung von Anfang an mit dabei. Doch zu einem Thema schweigt die Politik quer durch alle Parteien: zu möglichen Sanktionen gegen Russlands Energiesektor.
Dabei wächst der Druck, sich zu erklären. Denn nicht nur die USA wollen kein Öl und Gas mehr aus Russland importieren. Auch die Ölkonzerne Shell und Exxon Mobil wollen aus zwei Öl- und Gasprojekten auf der russischen Insel Sachalin aussteigen. An denen aber sind Japans Regierung und die Handelshäuser im Land beteiligt.
Japans Regierung sträubt sich bisher. Der frühere Wirtschaftsminister Hiroshige Seko wies mögliche Sanktionen bereits mit einem Aufruf zu „Pragmatismus“ zurück. „Es gibt andere Länder wie China, die verzweifelt Flüssiggas wollen“, nannte er kürzlich einen geopolitischen Grund für Japans Verbleib in den Projekten. Wenn Japan sich zurückzöge, würden die Chinesen das Gas billig aufkaufen. Und Seko sei mit dieser Forderung nicht allein, berichtet zumindest Taisuke Abiru, Russlandexperte bei der konservativen Sasakawa Peace Foundation.
Der Energiebereich sei eine Ausnahme für Japan, meint der bekannte Analyst. „Ich sehe nicht einmal bei den Russlandfalken in der regierenden Liberaldemokratischen Partei (LDP) eine ernsthafte Forderung nach einem Rückzug aus den Projekten, denn sie verstehen die Bedeutung für Japans Energiesicherheit.“
Japan ist zwar akut weit weniger von russischen Öl- und Gasimporten abhängig als Deutschland, das die Gaspipeline Nord Stream 2 eingefroren hat. Nur vier Prozent des Rohöls und neun Prozent des Flüssiggases stammen von dem direkten Nachbarn. Aber gerade die zwei Öl- und Gasfelder auf der nördlich von Japan gelegenen Insel Sachalin sind ein wichtiger Pfeiler der langfristigen Energiestrategie, mit denen das Land seine Abhängigkeit von Importen aus den Golfstaaten senken will.
Russische Rohstoffe sollten Japans Abhängigkeit von Golfstaaten senken
Als erstes Land hat Japan daher nach dem Zerfall der Sowjetunion die Initiative ergriffen und massiv in die Erschließung der Felder auf der sibirischen Insel investiert. An dem Projekt Sachalin 1, bei dem Exxon Mobil mit einem Aktienanteil von 30 Prozent den Betrieb leitet, ist Japan sogar als Staat direkt beteiligt.
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Das japanische Ministerium für Wirtschaft, Handel und Industrie hat dabei die Federführung an dem Unternehmen Sakhalin Oil & Gas Development, über das es gemeinsam mit japanischen Firmen ebenfalls 30 Prozent an dem Projekt hält. Weitere 20 Prozent sind in indischen Händen, der Rest verteilt sich auf russische Partner.
Auch das Projekt Sachalin 2, das erste russische Flüssiggasprojekt überhaupt, wurde mit japanischem Kapital finanziert. Noch heute gehören 22,5 Prozent der Betreibergesellschaft zu Mitsui und Mitsubishi, zwei des halben Dutzends Handelshäuser, die Japans Energieversorgung organisieren. 50 Prozent der Anteile an dem Projekt hält der russische Energiekonzern Gazprom, 27,5 Prozent Shell.
Noch laufen die Lieferungen ungehindert weiter, berichtet Tom O’Sullivan, der Gründer des in Japan ansässigen Energieberaters Mathyos Global Advisory. Denn zum Glück für Japans Ministerpräsident Fumio Kishida zwingen die USA bisher ihre Verbündeten in Asien und Europa nicht, sofort die wirtschaftlich wichtigen Öl- und Gasimporte aus Russland einzustellen. „Aber der Rückzug der globalen Energiekonzerne wird Druck auf Japan ausüben nachzuziehen“, meint O’Sullivan.
Japans Verbleib in den Projekten könnte auch für Europa wichtig sein
Für den Energieexperten Yuriy Humber, Gründer der Plattform Japan NRG, ist es auch für Europa wichtig, dass es nicht dazu kommt: „Der Verbleib japanischer Unternehmen in diesen Projekten ist nicht nur für Japan, sondern auch für den globalen Flüssiggasmarkt von Vorteil.“
Der Grund sind klassische Marktmechanismen: Ohne russisches Gas müsste Japan noch stärker am globalen Spotmarkt mit der Europäischen Union konkurrieren. Dies würde den Gaspreis noch weiter in die Höhe treiben, so der Experte. Ärmere Länder, die sich kein Gas mehr leisten können, müssten dann schmutzigere Brennstoffe wie Kohle verwenden.
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Ein weiterer Grund ist purer politischer Machterhalt. In mehreren asiatischen Ländern könnten steigende Energiepreise dieses Jahr Wahlen beeinflussen. In Japan stehen beispielsweise im Juli die Teilwahlen zum Oberhaus an, die Regierungschef Kishida gewinnen muss, um seine Macht zu festigen. Besonders brisant ist dabei für ihn, dass die Stromerzeugung in seinem Wahlkreis Hiroshima zur Hälfte von russischem Gas abhängt.
Allerdings geht in Japan zugleich die Angst um, dass die USA Russland auch im Energiebereich den Geldhahn zudrehen und damit indirekt Japan treffen könnten. Professor Koichiro Tanaka, Energieexperte an der Keio-Universität und ehemaliger Chef des Institute of Energy Economics, warnt: „Wenn die USA Russland wirklich in die Mangel nehmen wollen, könnten sie Sekundärsanktionen verhängen.“
Dies bedeutet, dass in dem Fall auch ausländische Unternehmen für Geschäfte mit dem sanktionierten Land bestraft werden würden. „Das wäre das Ende der japanischen Projekte“, so Tanaka.
Noch brisanter wird für Japan und auch Europa dabei, dass die Entscheidung nicht allein in Bidens Hand liegt. Auch der US-Kongress, der im Herbst neu gewählt wird, hat die Macht, diese Sekundärsanktionen zu beschließen. In Japan hängen damit 30 Jahre harte Arbeit an der Energiesicherung von innenpolitischen Ränken in den USA ab.