Städte: Das neue Miami – Warum in Madrid der Luxus boomt
Madrid. Wer abends durch Madrids schickes Viertel Salamanca schlendert, sieht in Restaurants und Bistros zahlreiche Südamerikaner. „Die Atmosphäre dort ist eher lateinamerikanisch als spanisch“, sagt Miguel Ángel Fernández, der für die Immobilienagentur Engel & Völkers Wohnungen in dem teuersten Madrider Stadtteil verkauft.
Nach Angaben des Immobilienmaklers Knight Frank sind 22 Prozent aller Immobilienkäufer in Madrids Luxus-Segment Latinos, 60 Prozent sind Spanier, der Rest Europäer und US-Amerikaner.
Das ausländische Kapital befeuert eine Entwicklung, die auch die Madrider Stadtverwaltung pusht: Den Wandel der spanischen Hauptstadt zum Standort für die Luxusbranche.
In den vergangenen Jahren ist die Zahl der Sterne-Restaurants deutlich gestiegen. Neue Hotels wie das Four Seasons bieten nicht nur Zimmer für Touristen, sondern auch Wohnungen mit Services wie einem eigenen Koch. Die Immobilienpreise im Prime-Segment steigen rasant. Und Spaniens Banken erweitern ihr Angebot für extrem wohlhabende Privatkunden.
Latinos sind dabei nicht nur als Immobilienkäufer aktiv: 2022 starteten lateinamerikanische Unternehmen 39 komplett neue Unternehmensvorhaben, sogenannte Greenfield-Projekte, in Spanien – ein neuer Rekord.
Investitionen aus Lateinamerika ins Ausland steigen
Spanien war wegen seiner Sprache und Kultur immer schon Anziehungspunkt für Latinos. Bei der Integration hilft die gemeinsame Sprache. Spanien hat außerdem zahlreiche Doppelbesteuerungsabkommen mit Staaten in Lateinamerika.
Spürbar ist jetzt aber das steigende Interesse von besonders kaufkräftigen Latein- und Südamerikanern. Sie kommen vor allem aus Mexiko, aber auch aus Kolumbien, Venezuela oder Peru.
„Zahlreiche Regierungschefs in Lateinamerika profilieren sich mit Versprechen, Superreiche stärker zu belasten und die Einkommen neu zu verteilen“, sagt Pablo Garcia-Andrade, Gründer der Investorenberatung Brücke. „Das verunsichert Investoren. In Zeiten globaler Unsicherheit wollen sie zudem ihr Kapitel diversifizieren.“
73,4 Milliarden US-Dollar sind im Jahr 2022 nach Angaben der spanischen Investitionsagentur Icex von Lateinamerika ins Ausland abgeflossen – 60 Prozent mehr als vor der Pandemie und neuer Rekord.
Für Garcia-Andrade Grund genug, im vergangenen Jahr eine eigene Beratung für Latinos zu gründen, die in Spanien investieren wollen. „Die Nachfrage nach Immobilien und anderen Investitionen in Madrid hat seit der Pandemie deutlich zugenommen“, sagt der 39-Jährige. „Viele Unternehmer arbeiten jetzt als Nomaden.“
700 Millionen Euro investieren Latinos seit 2021 in spanischen Immobilien
Nach Angaben der Investitionsagentur Icex sind die wichtigsten lateinamerikanischen Investitionen bislang in die spanische Lebensmittel- und Agrarverarbeitungsbranche geflossen. An zweiter Stelle steht die Immobilienbranche mit einem starken Wachstum: In den letzten zwei Jahren investierten Latinos dort 700 Millionen Euro.
„Der Madrider Stadtteil Salamanca ist zu einem kleinen Miami geworden“, sagte Immobilienmakler Fernández. Einige Latinos verbrächten nur ein oder zwei Monate im Jahr in Madrid, um von dort aus ihre Geschäfte im Rest Europas zu erledigen. Andere kauften Wohnungen für ihre Kinder, die in Madrid studierten.
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Die Madrider Business School etwa landet in weltweiten Rankings stets auf den vorderen Plätzen. Die Zahl lateinamerikanischer Studenten dort ist seit dem Studienjahr 2018/19 um ein Viertel gestiegen.
Die starke Nachfrage nach Immobilien in Spaniens Hauptstadt erklärt sich aber auch aus im internationalen Vergleich niedrigen Preisen. Nach dem Platzen der spanischen Immobilienblase im Jahr 2008 waren die Preise in den Keller gerutscht und haben noch immer nicht das Niveau anderer europäischer Hauptstädte erreicht.
Laut einer Analyse von Knight Frank erhalten Käufer für eine Million Dollar in Madrid 106 Quadratmeter, in Berlin dagegen nur 70 und in London gerade einmal 34. Während die Preise in anderen europäischen Hauptstädten im vergangenen Hochzinsjahr stagnierten oder sanken, stiegen sie für Madrids Luxus-Immobilien um 6,5 Prozent.
Das zieht nicht nur private Käufer an, sondern auch Investoren: Ein Viertel aller Kunden von Engel & Völkers in Madrid erwirbt eine Immobilie als Geldanlage.
15.000 Euro pro Quadratmeter kosten Wohnungen mit Hotel-Service
Wer gar nicht aufs Geld gucken muss, der fragt neben einer schicken Wohnung auch Dienstleistungen nach – wie einen Service für die Buchung von Theaterkarten, einen privaten Koch oder Babysitter. In Madrid bietet dies das 2020 eröffnete Four Seasons Hotel für 22 Wohnungen im selben Gebäude. Das Angebot hat seinen Preis: Die Wohnungen wechselten für 15.000 Euro pro Quadratmeter den Besitzer.
Drei ähnliche Projekte mit rund 80 Wohnungen samt Services sind derzeit in Madrid in Planung. Im gleichen Komplex wie das Four Seasons ist die Einkaufsgalerie Canalejas entstanden, in der sich Luxuslabel wie Hermés, Louis Vuitton oder Cartier angesiedelt haben.
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Das zeigt, wie sich Madrid auf extrem zahlungskräftige Kunden ausrichtet. Die Makler von Knight Frank gehen davon aus, dass der Anteil derjenigen mit einem Nettovermögen von mehr als 30 Millionen Euro in Madrid in den kommenden drei Jahren um zehn Prozent steigen wird. Den Luxus befeuert das jetzt schon: Der französische Guide Michelin vergab für 2024 sechs neue Sterne für Restaurants in Madrid, die Region kommt damit auf 28 Sterne-Restaurants. Der Trend zeigt sich auch in den Hotels: In den vergangenen fünf Jahren haben acht neue Fünf-Sterne-Hotels in Madrid eröffnet.
Spanien dient vielen Latinos als Drehscheibe für Europa
In den vergangenen 16 Jahren hat sich der Anteil von Kapital aus Lateinamerika in Spanien verdoppelt: Die Gelder aus dem Kontinent stehen nun für zehn Prozent aller ausländischen Investitionen und umfassen akkumuliert laut Icex rund 62 Milliarden Euro. Lateinamerika ist damit der viertgrößte Investor Spaniens nach den USA, Frankreich und Großbritannien. „Viele Latinos nutzen Spanien als Drehscheibe für ihre Investitionen in Europa“, erklärt Alberto Sanz Serrano, Direktor für Finanzierung und Investor Relation beim staatlichen spanischen Investitionsförderer Icex.
Spanien lockt ausländische Investoren mit zwei Vorteilen: Zum einen gibt es anders als in anderen EU-Ländern noch ein Goldenes Visum, mit dem sich Angehörige von Drittländern frei in Europa bewegen können. „Die billigste Art, an dieses Visum zu kommen, ist eine Investition in eine Immobilie“, sagt Garcia-Andrade. Wer mehr als eine halbe Million Euro in spanische Immobilien investiert, erhält die begehrte Aufenthaltserlaubnis. Zum anderen bietet Spanien vielen gut verdienenden Ausländern in den ersten fünf Jahren eine Einkommensteuer-Flatrate von 24 Prozent, knapp halb so viel wie der Spitzensteuersatz.
Auch die spanischen Banken stellen sich auf steigende Zahlen von Superreichen ein. Die Großbank BBVA ist stark in Lateinamerika vertreten. BBVA hat im vergangenen Jahr 28 neue Banker für das Privatkundengeschäft eingestellt, die Hälfte von ihnen soll sich um Kunden mit einem Nettovermögen von mehr als zehn Millionen Euro kümmern. Spaniens größte Bank Santander führt ihr starkes Wachstum im Privatkundengeschäft unter anderem auf das Geschäft mit Lateinamerika zurück: „Sowohl aufgrund des Wachstums der lateinamerikanischen Länder als auch aufgrund dessen, was sie außerhalb ihrer Länder an Orten wie Spanien tun“, heißt es bei Santander.