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  4. Ukraine-News: Die Erfolge sind ein Schritt in Richtung Befreiung, doch Russland will Rache

Ukraine-KriegDie Lage vor Ort: Mit den Erfolgen der Ukrainer kommen neue Herausforderungen

Die Ukrainer reagieren nüchtern auf die unerwarteten Vorstöße im Osten. Sie wissen, dass sie die zurückeroberten Gebiete halten müssen und sich Russland rächen wird.Ivo Mijnssen 13.09.2022 - 09:19 Uhr Artikel anhören

In Charkiw löscht die Feuerwehr am Montag einen Brand, der durch einen russischen Angriff entfacht wurde.

Foto: AP

Kiew. Vielleicht ist es auch nur das Wetter, das sich an diesem Wochenende stark verschlechterte. Doch von unbändiger Freude über die riesigen Landgewinne der ukrainischen Armee an der Front südlich von Charkiw ist in Kiew und Umgebung nur selten etwas zu spüren.

Immerhin rufen die sarkastischen Memes über Russlands Führung und die Bilder inniger Umarmungen von befreiten Dorfbewohnern und Soldaten zuweilen ein Lächeln hervor.

Sogar die von vier Fernsehstationen und der Regierung gemeinsam produzierten Abendnachrichten behandeln den Vormarsch recht zurückhaltend. Zwar spricht die Korrespondentin, die in Charkiw vor einer dunklen Straße steht, von Euphorie der Bevölkerung über die Rückeroberung Dutzender Dörfer und Vorstöße bis zur russischen Staatsgrenze.

Doch ihre Reportage aus dem Ort Hrakowe handelt vom Mord der russischen Soldaten an zwei Männern, den die Polizei nun untersucht. Danach zeigt sie hagere Dorfbewohner, die in einem dunklen Keller auf das Ende der Besatzung warteten.

Erinnerungen an den Frühling

Die widersprüchlichen Gefühle, so erzählen Gesprächspartner, hängen nicht zuletzt mit den Erfahrungen vom Frühling zusammen. Damals wich das Triumphgefühl nach der Flucht der Russen aus der weiteren Umgebung von Kiew rasch dem Horror über die Morde, Vergewaltigungen und Misshandlungen der Zivilbevölkerung in Butscha und Irpin.

Sie beschäftigen und traumatisieren die Menschen bis heute. Trotz Ausstellungen und Dokumentationen ist der Schrecken darüber schwer fassbar. Die Angst davor, dass die Befreier im Osten nun weitere Verbrechen entdecken, trübt die Freude.

Die russische Armee verübte in der Stadt zahlreiche Verbrechen gegen die Bevölkerung.

Foto: dpa

Es ist bemerkenswert, dass auch die Führung in Kiew die Freude dämpft, obwohl die Erfolge auch für sie einen Befreiungsschlag bedeuten. In seinen abendlichen Ansprachen lobte Präsident Wolodimir Selenski zwar die Einheiten für ihren Heldenmut. Und am Montagmorgen berichtete der Generalstab von weiteren zwanzig Orten, welche die Ukrainer in den 24 Stunden davor unter ihre Kontrolle gebracht hätten.

Doch schon im nächsten Satz sagte Selenski warnend: „Die Gefahr durch Luft- und Raketenangriffe bleibt auf dem ganzen Territorium der Ukraine bestehen.“ Die Armeeführung meldete 57 Einschläge innerhalb des gleichen Zeitraums mit Toten und Verletzten.

Besonders bedrohlich wirkt auf die Ukrainer, dass die Russen auf die militärischen Rückschläge mit Attacken gegen lebenswichtige zivile Infrastruktur reagieren: So fiel am Sonntagabend nach Raketeneinschlägen vorübergehend die Strom- und teilweise auch die Wasserversorgung in ukrainischen Großstädten aus. Auch die Eisenbahn wurde von Racheangriffen getroffen.

Dass Ultranationalisten in Moskau nun systematisch solche Angriffe fordern, damit ihr Land endlich einen „totalen Krieg“ führe, verheißt nichts Gutes – besonders mit Blick auf die Versorgung in der anbrechenden kalten Jahreszeit.

Der ukrainische Präsident Wolodimir Selenski lobt die eigene Armee, warnt aber auch vor neuen russischen Angriffen.

Foto: dpa

Sowohl Zivilisten als auch Soldaten werden in der Ukraine weitere Opfer erbringen müssen. Bei aller Motivation und allem Kampfeswillen ist im Land nach sechs Monaten Krieg auch eine gewisse Erschöpfung spürbar. Dieser werde, so der Oberkommandierende Waleri Saluschni vor wenigen Tagen, sicher noch bis nächstes Jahr dauern.

Trotz ihrer Erfolge sind auch die ukrainischen Truppen geschwächt von hohen Verlusten, über die öffentlich kaum geredet wird. Um den Schwung nicht zu verlieren, wiederholt die Staatsführung deshalb gebetsmühlenartig, dass die gegenwärtige Offensive nur einen Schritt in Richtung Befreiung aller besetzten Gebiete inklusive der Krim darstelle.

„Russlands Lend-Lease-Programm“

Unter dem Eindruck des Kollapses der russischen Front im Osten hat die Siegesgewissheit der Regierung noch zugenommen. Der überstürzte Rückzug erweist sich für die Ukrainer auch militärisch als Segen: So haben die Russen nach Schätzungen von Militärexperten 400 Panzer zurückgelassen, von denen allerdings viele nur bedingt funktionstüchtig sind.

So berichtet das Handelsblatt über den Ukraine-Krieg und die Folgen:

Dazu kommen große Mengen an Munition. Kommentatoren in der Ukraine sprechen deshalb nur halb im Scherz von „Russlands Lend-Lease-Programm“, das nun ihrem Land zugutekäme. Die erbeuteten Militärgüter dürften die mechanisierten Verbände stärken und den knapp gewordenen Nachschub an Geschossen aus sowjetischer Produktion entlasten.

Kaum Informationen gibt es hingegen über die Zahl russischer Kriegsgefangener. Gerüchteweise ist von bis zu 5000 Mann die Rede, was etwa der Hälfte jener Kräfte entspräche, die vor dem Rückzug aus Isjum in der Stadt vermutet wurden.

Die Herausforderung, so viele Menschen in einer vom Krieg verheerten Region unterzubringen oder aus ihr wegzubringen, wäre für die Ukraine bedeutend – zumal große Städte hinter der Front wie Mikolajiw oder Dnipro bereits Hunderttausende von intern Vertriebenen beherbergen.

Hunderttausende Menschen in der Ukraine suchen Schutz in anderen Landesteilen.

Foto: dpa

Dazu kommt die Herkulesaufgabe, im befreiten Gebiet von 3500 Quadratkilometern wieder die ukrainische Staatlichkeit einzuführen – in Schulen und Verwaltungen.

Die zurückgekehrten Behördenvertreter, sofern sie nicht deportiert oder getötet wurden, müssen die zerstörte Infrastruktur wieder aufbauen, für Sicherheit sorgen, Russifizierungsprogramme rückgängig machen und Verbrechen aufklären. Besonders der Umgang mit Kollaborateuren wird den Rechtsstaat vor größte Herausforderungen stellen.

Dies alles hängt aber davon ab, ob die Ukrainer das eroberte Gebiet auch halten können. Das gibt auch Verteidigungsminister Olexi Resnikow in einem Interview mit der „Financial Times“ zu bedenken.

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Die Gegenoffensive sei viel erfolgreicher verlaufen als erwartet. „Danach muss man das befreite Territorium kontrollieren und für die Verteidigung vorbereiten“, erklärte Resnikow. Die nüchterne Reaktion der Ukrainer auf die Erfolge zeigt, dass sie den mächtigen Gegner nicht unterschätzen.

Mehr: Uns interessiert Ihre Meinung: Ist die Gegenoffensive der Ukraine der „militärische Wendepunkt“ des Krieges? Warum oder warum nicht? Schreiben Sie uns Ihre Meinung in fünf Sätzen an forum@handelsblatt.com. Ausgewählte Beiträge veröffentlichen wir mit Namensnennung am Donnerstag gedruckt und online.

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