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Ukraine-KriegGräueltaten in der Ukraine: „Es zerreißt einem das Herz, wenn man das sieht oder hört“

Berichte weisen darauf hin, dass Putins Armee gezielt das ukrainische Volk drangsaliert und vernichtet. Satellitenbilder zeigen Massengräber in der Nähe von Mariupol, vieles deutet auf Völkermord hin.Mathias Brüggmann 22.04.2022 - 20:27 Uhr Artikel anhören

Es habe gezielte Hinrichtungen in der Ukraine gegeben, sagte eine Sprecherin der Vereinten Nationen in Genf.

Foto: AP

Berlin. Im Ukrainekrieg gibt es immer neue Hinweise auf gezielte Angriffe russischer Militärs auf die ukrainische Zivilbevölkerung. Das Menschenrechtskommissariat der Vereinten Nationen (Uno) gab am Freitag bekannt, dass es inzwischen Indizien für die – so wörtlich – unrechtmäßige Tötung von 50 Zivilisten im von der russischen Armee wochenlang besetzten Kiewer Vorort Butscha habe.

Dabei habe es gezielte Hinrichtungen gegeben, sagte eine Uno-Sprecherin in Genf. Die Taten der russischen Armee könnten sich als Kriegsverbrechen erweisen.

Zuvor hatte bereits die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch erklärt, sie habe in der Stadt Butscha umfangreiche Beweise für Hinrichtungen und Folter durch die russische Armee gefunden.

Am Freitag wurden zudem Satellitenbilder veröffentlicht, die Massengräber unweit von Manhusch zeigen. Die Kleinstadt liegt in der Nähe der seit Wochen von russischen Einheiten eingekesselten Stadt Mariupol am Asowschen Meer.

Bis zu 9000 getötete Zivilisten sollen in dem mehrere Hundert Meter langen Massengrab entlang einer Ausfallstraße verscharrt worden sein. „Die Besatzer haben den ganzen April täglich neue Gräben gegraben und mit Leichen gefüllt. Unsere Quellen berichten, dass Körper in solchen Gräbern in mehrere Schichten gelegt werden“, schrieben die gewählten ukrainischen Stadtverordneten von Mariupol auf ihrem Telegram-Kanal.

Dieses von Maxar Technologies zur Verfügung gestellte Satellitenfoto soll ein Massengrab in Manhusch in der Nähe eines Friedhofs parallel zum Straßenverlauf zeigen.

Foto: dpa

Die Aufnahmen stammen von dem US-Unternehmen Maxar Technologies, das bereits ab vergangenem Oktober anhand von Satellitenfotos den Aufmarsch der russischen Armee an der Grenze zur Ukraine detailliert dokumentiert hatte. Am 24. Februar gab Russlands Präsident Wladimir Putin seinen Truppen schließlich den Befehl zum Einmarsch in das Nachbarland.

Bitte um Hilfe zur Identifizierung der Toten

„In Mariupol wird das größte Kriegsverbrechen des 21. Jahrhunderts begangen. Das ist Völkermord, der neue Fall Babyn Jar“, sagt Wadim Boitschenko. Der Bürgermeister von Mariupol erinnert damit an ein Massaker vom 29. und 30. September 1941. Damals hatten deutsche Nationalsozialisten und deren Helfer auf dem heutigen Gebiet der ukrainischen Hauptstadt Kiew mehr als 33.000 Juden erschossen.

Nach Angaben der ukrainischen Regionalverwaltung wurden in Mariupol seit Kriegsbeginn mindestens 22.000 Zivilisten getötet – teilweise durch gezielte Raketenangriffe auf Kinderkrankenhäuser, das städtische Theater und andere zivile Einrichtungen wie die Wasser- und Stromversorgung. 13 fahrbare Krematorien seien im Einsatz, um die Anzahl der Toten zu verschleiern.

Folter, Vergewaltigungen und Entführungen an der Tagesordnung

„Es zerreißt einem das Herz, wenn man das sieht und hört“, sagt die ukrainische Abgeordnete Maria Ionowa. Sie ist am Freitag zu einem Besuch in Berlin. Sie bekomme regelmäßig Berichte über entführte Kinder und inzwischen immer häufiger auch über systematische Vergewaltigungen sogar von Mädchen und Jungen durch russische Soldaten oder Kämpfer aus der russischen Kaukasusrepublik Tschetschenien. So berichtet es die Vertreterin der oppositionellen Partei „Europäische Solidarität“ des Ex-Präsidenten Petro Poroschenko.

Einen Hilfsappell richtet die Abgeordnete Ionowa an Deutschland: „Die größte humanitäre Hilfe sind Waffenlieferungen. Denn nur damit können wir diese humanitäre Katastrophe beenden.“

Olena Chomenko, Abgeordnete der Partei des amtierenden Staatschefs Wolodimir Selenski „Diener des Volkes“, ist mit Ionowa in Berlin. Sie sagt: „Das ist kein Krieg mehr, sondern gezielter Völkermord gegen die Ukraine.“

Chomenko bittet die Bundesregierung und andere deutsche Stellen um Hilfe bei der Aufklärung dieser Verbrechen. Es würden dringend Mittel für DNA-Tests gebraucht, um Tote identifizieren zu können.

Außerdem werde Hilfe bei der Entminung der Dörfer, die beim Verlassen gezielt durch russische Soldaten mit Sprengfallen übersät worden seien, benötigt. Sogar in Leichen seien Sprengsätze deponiert worden, um Bestatter, Familienangehörige oder Ermittler zu töten.

Es gebe Berichte über entführte Kinder und inzwischen immer öfter auch über systematische Vergewaltigungen sogar von Mädchen und Jungen durch russische Soldaten.

Foto: AP

Dem Internetportal Media.az berichtete Husein Abdullajew von seinen Erlebnissen. Der aus dem belagerten Mariupol geflohene Student wurde nach eigenen Angaben bei seinem Fluchtversuch am 17. März von russischen Soldaten gefangen genommen.

Der aus Aserbaidschan stammende Abdullajew, der im dritten Jahr an der ukrainischen Universität in Mariupol studiert hatte, sagte, er sei an einer Straßensperre in der Nähe von Berdjansk angehalten worden und bis auf die Unterwäsche ausgezogen worden. Bei ihm sei nach verdächtigen Tätowierungen gesucht worden.

Er sei immer wieder gefoltert worden, damit er gestehe, Mitglied des in Mariupol kämpfenden, nationalistischen Asow-Bataillons zu sein. „Jeden Tag wurde ich gefoltert. An meinem Geburtstag sogar den ganzen Tag. Sonst in der Regel mit Elektroschocks 20 bis 30 Minuten und dann eine Stunde lang brutal geschlagen. Die Folter wurde dreimal am Tag wiederholt. Es gab Zeiten, in denen ich ohnmächtig wurde, sie schütteten kaltes Wasser über mich und folterten mich weiter“, berichtete es der inzwischen freigekommene Abdullajew dem Internetportal.

In Melitopol versuchen die Russen durch Hunger die Menschen auf ihre Seite zu zwingen, humanitäre Hilfen seien gestoppt worden.

Foto: dpa

Der gleich nach der Einnahme der Stadt Melitopol verschleppte und nach eigenen Angaben tagelang mit Tritten und Schlägen gefolterte Bürgermeister Iwan Fedorow berichtete, inzwischen seien etwa 50 ukrainische Bürgermeister oder deren Stellvertreter durch russische Streitkräfte entführt worden. Fedorow kam durch einen Gefangenenaustausch im März frei.

In seiner 150 Kilometer westlich von Mariupol gelegenen Stadt versuchen die Russen durch Hunger die Menschen auf ihre Seite zu zwingen: „Die Russen haben jetzt alle humanitären Hilfen gestoppt, sie blockieren unsere Stadt komplett, und wir können keine humanitäre Hilfe schicken.“ Melitopol wird bereits seit Ende Februar von Russland kontrolliert.

Die ukrainische Menschenrechtsbeauftragte Ludmila Denisowa betonte, dass die Misshandlung von Zivilisten in den von Russland besetzten Gebieten an der Tagesordnung sei. Sie stellten ein Kriegsverbrechen und eine Verletzung der Genfer Konvention über den Schutz von Zivilpersonen in Kriegszeiten dar.

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Und einen Hilfsappell hat die Abgeordnete Ionowa in Berlin an Deutschland: „Die größte humanitäre Hilfe sind Waffenlieferungen. Denn nur damit können wir diese humanitäre Katastrophe beenden.“ Je länger die Entscheidungen darüber dauerten, desto mehr Ukrainerinnen und Ukrainer würden getötet.

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