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Ukraine-Krieg„Jeder hat Angst“: Sieben junge Russen berichten, wie sich die Stimmung verändert

Putins Ankündigung der Teilmobilmachung versetzt die Reservisten in Aufruhr. Haben Sie Angst, dass sie eingezogen werden? Und würden sie etwas dagegen tun?Andrey Shashkov 23.09.2022 - 18:13 Uhr Quelle: TagesspiegelArtikel anhören

Der russische Staat zieht junge Menschen in Russland ein, um als Soldaten in der Ukraine zu dienen.

Foto: IMAGO/ITAR-TASS

Am Mittwochmorgen, kurz nach der Fernsehansprache Wladimir Putins, gerieten viele Russen in Panik. Aufgrund der vom Präsidenten angekündigten Teilmobilmachung stieg sowohl die Nachfrage nach Tickets für visafreie Länder als auch die Google-Suche nach „Wehrdienstverweigerung“ sprunghaft an.

Der Kreml gab das Versprechen, dass die erste Runde nur diejenigen betrifft, die bereits gedient haben oder die an militärischen Lehrstühlen für Männer mit besonders wertvollen Spezialisierungen für die Armee ausgebildet wurden. Daran glauben offenbar die wenigsten. In Wirklichkeit gibt es in dem Präsidialdekret keinen Rahmen für die Zugehörigkeit zu einer Gruppe – und in der Tat kann fast jeder eingezogen werden.

Wie wird die breite Masse darauf reagieren? Wir haben ersten Reaktionen von Russen gesammelt, die unmittelbar davon betroffen sind – von Männern im potenziellen Wehrpflichtalter. Dabei baten einzelne Befragte darum, nicht mit ihrem richtigen Namen und Alter zitiert zu werden. Aus Angst vor Konsequenzen.

Jeder von ihnen beantwortete folgende Fragen:

  1. Haben Sie Angst, dass Sie eingezogen werden? Wenn ja, werden Sie etwas dagegen tun?
  2. Wie werden die Menschen in Russland auf die Entwicklungen reagieren?

Arseniy, 30, Journalist

  1. Ich habe keine Angst. Wenn das passiert, werde ich mich verstecken. Wenn sie mich finden, werde ich einen Wutanfall bekommen, ich werde schreien und fluchen. Außerdem werde ich in einen Hungerstreik treten. Wenn sie mich an die Front schicken, werde ich mich weigern, kriminelle Befehle auszuführen und mich in den Wäldern verstecken.
  2. Die Proteste werden nicht lange anhalten. In Russland sind die Strafen für Äußerungen gegen den Krieg sehr hoch. Jeder wird seine Probleme selbst lösen, für Massenproteste gibt es in Russland keinen Grund.

Alexander, 22, Videoregisseur

  1. Zufälligerweise habe ich einen Militärausweis mit der Kategorie B2. Um es einfach auszudrücken: Ich werde an letzter Stelle eingezogen werden. Aber ich habe Leute in meiner Familie und in meinem Freundeskreis, die als erste eingezogen werden. Die sozialen Medien sind seit heute Morgen in Aufruhr. Jeder hat Angst. Dabei spielt es keine Rolle, ob du eine Frau oder ein Mann bist.
  2. Ich denke, dass das Versprechen der Behörden, ein Prozent der Wehrpflichtigen einzuberufen, nur eine vorübergehende Betäubung der Bevölkerung ist. Erinnern Sie sich daran, wie oft die Ziele geändert wurden. So wird es auch bei der Teilmobilisierung sein. Zu den Kundgebungen gehe ich mit meinen Freunden hin, weil dies mein Land ist und ich etwas für die Zukunft Russlands tun möchte.

Knapp sieben Monate nach Beginn des Krieges gegen die Ukraine hat Russland eine Teilmobilmachung der eigenen Streitkräfte angeordnet.

Foto: dpa

Kirill, 30, Künstler

  1. Ja, ich habe Angst, in der Nähe meines Hauses oder einfach auf der Straße erwischt zu werden. Ich weiß noch nicht, was ich tun soll. Ich werde versuchen, vorsichtiger zu sein und auf Fremde oder Leute, die vor meiner Haustür stehen, zu achten. Ich habe kein Geld, um das Land zu verlassen. Ich glaube auch nicht, dass man mir als Russe ein humanitäres Visum geben kann.
  2. Die meisten werden durch das Versprechen beruhigt sein, dass die Mobilisierung nur „teilweise“ erfolgt und nur 300.000 Militärangehörige betrifft. Die Menschen glauben leicht, dass sie nicht angesprochen werden. Diejenigen, die die Möglichkeit haben, werden versuchen, zu gehen und ihre Kinder mitnehmen.

Yegor, 24, Produzent eines YouTube-Kanals

  1. Ich habe keine Angst vor dem, was auf mich zukommt. Aber ich weiß nicht, was ich als nächstes tun soll. Meine Familie wandert nach Montenegro aus und ich muss wegen der Arbeit und anderer Dinge in Moskau bleiben. Ich scheine noch nicht auf der Mobilisierungsliste zu stehen. Offensichtlich werde ich später Wege finden müssen, um von hier wegzukommen.
  2. Alle meine Freunde im wehrpflichtigen Alter sind sehr verängstigt. Man kann seine eigenen Bürger nicht so schikanieren. Es ist nicht klar, wie man damit umgehen soll und wie es weitergehen wird. Ich möchte nicht auf einer Kundgebung mit einem Knüppel verprügelt werden und dann direkt vom Ministerium zum Einberufungsbüro gebracht werden, weil man fit ist und eingezogen wird.

Tausende Menschen versuchen derzeit Russland zu verlassen, um dem Kriegsdienst zu entgehen.

Foto: IMAGO/Lehtikuva

Konstantin, 35, Korrespondent für ausländische Medien

  1. Es besteht die Gefahr, dass sie einen auf der Straße erwischen und eine Vorladung zustellen. Sie werden nicht zur Armee geschickt, aber sie werden registriert. Um persönliche Daten zu aktualisieren sozusagen.
  2. Die Regierung friert die Gesellschaft mit der Ankündigung ein. Höchstwahrscheinlich wird es irgendein unbedeutendes Ereignis geben, das eine Antikriegsdemonstration auslösen wird. Wie jetzt zum Beispiel im Iran.

Ivan, 35, Wirtschaftswissenschaftler

  1. Ich habe keine Angst, dass jemand hinter mir her sein könnte. Man könnte ja einfach die Tür nicht öffnen oder seinen Militärausweis verlieren. Und wenn es einen Aufschub gibt, dann lebt man vorerst in Frieden.
  2. Es wird weitere Proteste geben. Die Gesellschaft will keinen Krieg und den Tod von Menschen. Ich denke, es wird Verhandlungen geben. Die Welt ist jetzt anders. Es gibt kein Vertrauen in den Staat oder in die Menschen, kein Vertrauen in uns selbst.

Andrei, 28, Bauunternehmer

  1. Ich würde nicht sagen, dass ich große Angst habe, aber ich bin zumindest vorsichtig, denn wenn die ersten Wellen der Mobilisierung vorüber sind, werden sie früher oder später auch mich holen. Ich überlege, was ich dann machen werde, habe aber noch keinen klaren Plan.
  2. Es wird weitere Proteste geben, die werden schnell niedergeschlagen werden. Die Menschen haben keine Erfahrung, etwas Ernsthaftes zu bewegen, und die Sicherheitskräfte werden besser vorbereitet sein. Wäre eine vollständige Mobilisierung angekündigt worden, dann wären die Chancen für eine kritische Masse größer gewesen. Die öffentliche Stimmung wird nicht lange angespannt sein.
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