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US-Wahlen„Trump ist schwach und weinerlich“ – Harris holt sich Hilfe von Republikanern

Im Endspurt zu den US-Wahlen attackiert Kamala Harris ihren Kontrahenten Donald Trump so hart wie nie. Gleichzeitig umwirbt sie frustrierte Republikaner. Kann diese Strategie aufgehen?Annett Meiritz 17.10.2024 - 04:48 Uhr Artikel anhören
Wahlkampf in Washington Crossing, Pennsylvania: Kamala Harris tritt gemeinsam mit einigen Republikanern auf. Foto: Bloomberg

Doylestown. Die Präsidentschaftskandidatin steht am Ufer des Delaware-Kanals, der die US-Bundesstaaten Pennsylvania und New Jersey voneinander trennt. Es ist ein goldener Herbst, sie gibt eine Kundgebung vor Hunderten geladenen Gästen. Harris attackiert Donald Trump so hart wie noch nie in diesem Wahlkampf. Trump werde „immer instabiler und unberechenbarer“, ruft Harris, „und er strebt nach uneingeschränkter Macht. Er darf nie wieder das Amt des Präsidenten bekleiden.“

Das Publikum reißt es aus seinen Klappstühlen, die Anhänger feiern Harris für klare Worte. Und auch einige Unterstützer, die gemeinsam mit der Vizepräsidentin auf der Bühne stehen, applaudieren – obwohl sie derselben Partei angehören wie Trump.

Harris hat eine Gruppe US-Republikaner hinter sich postiert, die sich von Trump losgesagt haben, darunter den Ex-Kongressabgeordneten Adam Kinzinger. Trump sei „ein winziger, schwacher, weinerlicher Mann und hat Todesangst, dass er verliert“, wirft dieser an einer Stelle ein.

In den verbleibenden 18 Tagen bis zu den US-Wahlen verlässt Harris ihr gewohntes Terrain. Sie umwirbt jetzt offensiv Menschen, die für gewöhnlich republikanisch wählen – das zeigte ihr Auftritt an diesem Mittwoch in Bucks County nördlich von Philadelphia. Der Landkreis ist einer der am härtesten umkämpften Bezirke in den USA, Joe Biden gewann hier 2020 nur knapp gegen Donald Trump.

Einige prominente Republikaner gehen sogar mit Harris auf Wahlkampftour, darunter die frühere Kongressabgeordnete Liz Cheney aus Wyoming. Diese sprach kürzlich vor Harris-Anhängern über die „üble Grausamkeit“ von Trump.

Außerdem gab Harris direkt nach ihrer Rede am Delaware-Kanal dem Fernsehsender Fox News ein Interview, einer der wichtigsten Nachrichtenquellen für Republikaner. Das Kalkül dahinter: Gelingt es Harris, ihre Position bei moderat republikanischen Wählern auch nur geringfügig zu verbessern, könnte sie gegen Trump gewinnen.

Im Rennen ums Weiße Haus, das ein historisch knappes Ergebnis mit sich bringen könnte, zählt jede Stimme. Das gilt umso mehr für den wichtigsten Swing State Pennsylvania, der am Wahlabend zum Hauptgewinn werden könnte. Wer den riesigen Bundesstaat mit seinen 13 Millionen Einwohnern für sich entscheidet, dem ist der Sieg kaum noch zu nehmen.

Entsprechend umkämpft ist die Region: Zuletzt hatten Trump, sein Vizekandidat J. D. Vance, Präsident Biden, Ex-Präsident Barack Obama und First Lady Jill Biden verschiedene Kundgebungen in Pennsylvania abgehalten.

Trump tanzt mehr als eine halbe Stunde lang auf der Bühne

Doch kann Harris’ Strategie aufgehen? Tatsächlich geht Trump manchen Republikanern zu weit. Der republikanische Präsidentschaftskandidat hatte in dieser Woche einige Amerikaner als „Feind von innen“ bezeichnet und vorgeschlagen, das Militär gegen „radikale linke Wahnsinnige“ einzusetzen.

In einer Rede am Dienstag im Economic Club of Chicago ließ er offen, ob er im Fall einer Niederlage eine friedliche Machtübergabe an Harris zulassen würde. Dann wurde er auch noch dabei gefilmt, wie er bei einem Wahlkampfauftritt 39 Minuten lang auf der Bühne zu Musik wippte und hüpfte.

Allerdings ist unklar, wie viele Republikaner am Wahltag tatsächlich für den „Feind“ stimmen. Bislang trauen sich nur ehemalige Amts- und Mandatsträger mit Kritik am Ex-Präsidenten nach vorn. Offiziell steht die Spitze der Partei geschlossen hinter ihrem Kandidaten. Auch bleibt Trumps Zustimmung unverändert, Harris und er liegen in den Wahlumfragen ungefähr gleichauf. Seine Anhängerschaft schätzt Trump genau dafür, dass er Normen und Tabus bricht.

Die eingefleischten Trump-Fans dürfte Harris sowieso nicht überzeugen können. „Einfach ekelhaft“, kommentierte eine Trump-Anhängerin, die sich am Mittwoch an den Absperrgittern der Harris-Veranstaltung postiert hatte. Als Harris’ Kolonne vorbeifuhr, streckte sie den Mittelfinger heraus.

Was sie über die Republikaner denkt, die mit Harris auf der Bühne standen? „Das sind keine Republikaner, die sind einfach gar nichts“, sagte sie verächtlich. Harris sei eine „Lügnerin“ und „gruselig“.

Fest steht bislang nur eines: Beide Kandidaten wollen angesichts der knappen Umfragen mobilisieren, was das Zeug hält. Der aktuelle US-Wahlkampf ist mit mehr als 15 Milliarden US-Dollar der teuerste aller Zeiten. Und es gibt einige Anzeichen dafür, dass die Wahlbeteiligung dieses Mal sehr hoch ausfallen könnte. Die hohe Quote an Frühwählern im wichtigen Swing State Georgia ist dafür ein erstes Signal.

Swing State

Rekord am ersten Vorab-Wahltag in Georgia – Freut sich Donald Trump zu Recht?

Für ihren Auftritt am Mittwoch hatte sich Harris einen geschichtsträchtigen Ort ausgesucht, der auf der Landkarte Washington Crossing heißt. Dort überquerte George Washington während des Unabhängigkeitskriegs 1776 den Fluss und kämpfte erfolgreich gegen deutsche Söldner, die von den Briten angeheuert worden waren.

Für Harris war Washington Crossing die Kulisse für die Kernbotschaft ihres Wahlkampfendspurts: „Ich werde eine Präsidentin für alle Amerikaner und Amerikanerinnen sein“, versprach sie. Das blockierte amerikanische Zweiparteiensystem müsse wieder „gesund“ werden, so Harris. „Es gibt einen Platz in meiner Wahlkampagne für jeden. Egal, welcher Partei ihr angehört oder für wen ihr in der Vergangenheit gestimmt habt.“ Ein Ehepaar, das 2016 und 2020 für Trump gestimmt hatte, erklärte auf der Bühne: „Wir haben genug.“ Sie würden nun Harris unterstützen.

Interessant an der Veranstaltung war, dass nirgends ein Harris-Banner aufgespannt wurde – stattdessen las man auf roten, riesigen Plakaten den Schriftzug „Country over Party“ („Land vor Partei“), was Harris’ angestrebte Überparteilichkeit unterstreichen sollte.

„Das Land vor der Partei“: Republikaner spenden Kamala Harris in Pennsylvania Beifall. Foto: REUTERS

Gleichzeitig aber grenzte sich Harris in dieser Woche das erste Mal subtil vom scheidenden Präsidenten Biden ab. „Lassen Sie mich eines ganz deutlich sagen: Meine Präsidentschaft wird keine Fortsetzung der Präsidentschaft von Joe Biden sein“, sagte sie im Fox-News-Interview. „Ich stehe für eine neue Generation von Führungskräften.“

Auch das deutet auf einen strategischen Schwenk hin. Bislang hatte Harris es vermieden, sich von Biden zu distanzieren. Auf den letzten Metern des Wahlkampfs aber scheint die Demokratin nicht riskieren zu wollen, dass sie Stimmen wegen des Frusts über die Biden-Regierung verliert.

Fast kommt es zu Handgreiflichkeiten

Normalerweise sei es undenkbar, dass Republikaner und Demokraten so freundschaftlich zusammenstünden, scherzte Harris in Pennsylvania, „aber nicht in diesem Wahlkampf“. Fast konnte man angesichts der Harmonie auf der Bühne vergessen, dass das politische Klima in den USA angespannt ist.

Doch die Fronten im US-Wahlkampf sind überall spürbar, vor allem in Bucks County. Hier herrscht ein regelrechter Krieg der Plakate. In den USA zeigt man seine Unterstützung mit „yard signs“, das sind Schilder, die mit einem Draht in den Vorgartenboden gesteckt werden. In der Gegend rund um den Harris-Auftritt sieht man Pappaufsteller vom blutverschmierten Trump, der bei einem Attentat verletzt wurde.

Slogans wie „Trump hatte mit allem recht“, „Wählt Trump, nicht Kommunismus“ oder „Der Retter der Nation“ sind darauf zu lesen – oder auch: „Elon Musk ist im Team Trump und wird uns alle erlösen!“

Die Harris-Fraktion plakatiert mit Schriftzügen wie „Unsere Zukunft, unsere Freiheit“ oder „Harris … was sonst?“. Und nicht selten markieren die Gartenzäune auch die politischen Grenzen: Der eine Nachbar kämpft für Trump, der andere für Harris.

Fast kam es am Rande der Veranstaltung zu Handgreiflichkeiten, als sich eine junge Harris-Anhängerin mit einer Trump-Anhängerin über Abtreibung stritt. „Willst du das wirklich? Dass ich nach einer Vergewaltigung schwanger werde und das Baby austragen muss?“, rief die eine Frau. „Dann bring dich nicht in gefährliche Situationen! Babys abtreiben ist Mord!“, entgegnete die andere.

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Ein älterer Mann rief der Gruppe aus Trump-Anhängerinnen, die gegen Harris’ Auftritt protestierten, die Beleidigung „whores“ zu, das englische Wort für „Hure“. „Papa, lass das!“, rief seine Tochter, etwa im Teenager-Alter, und zog ihn davon. Demokraten berichteten, wie ihre Harris-Plakate im Vorgarten Nacht für Nacht zerstört würden.

Das Land zusammenbringen, wie Harris es verspricht, das dürfte ein langer Weg werden.

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