Verteidigungspolitik: Braucht Europa eine eigene Atomstreitmacht?
- Sollte Donald Trump wieder Präsident der Vereinigten Staaten werden, steht das Schutzversprechen der USA für Europa infrage.
- Ein Ausweg für Europa könnte ein eigenes europäisches System der atomaren Abschreckung sein. Abseits der Öffentlichkeit hat die Debatte darüber bereits begonnen.
- Frankreich ist die einzige EU-Atommacht und hat angeboten, seine Nuklearwaffen in ein europäisches System einzubringen. Aber andere Varianten könnten praktikabler sein.
- Nicht nur in Europa facht die mögliche Rückkehr Trumps die Debatte über eigene Atomwaffen an. Wie die Diskussion in Japan und Südkorea verläuft, lesen Sie hier.
Der Bombenschacht öffnet sich im Morgenhimmel, kurz darauf durchzuckt ein Blitz das Cockpit, greller als jedes andere Licht der Welt. Eine „Wolke aus kochendem Staub und Trümmern“ – so sollte der Pilot Paul Tibbets später beschreiben, was vom Stadtzentrum von Hiroshima geblieben war.
Der Flug des silbergrauen B-29-Bombers am 6. August 1945 veränderte den Lauf der Geschichte. Der nukleare Schrecken trieb Japan in die bedingungslose Kapitulation und beendete den Zweiten Weltkrieg. In den Jahrzehnten danach reifte die Einsicht, dass es Waffen gibt, die so furchtbar sind, dass sie niemals mehr zum Einsatz kommen sollten.
Gilt diese Einsicht noch? Vor dieser Frage steht die Welt heute. Kremlherrscher Wladimir Putin hat im Ukrainekrieg mehrfach mit dem Einsatz von Atomwaffen gedroht, um die Europäer von der Unterstützung Kiews abzuhalten.
Zudem könnte im November Donald Trump zum US-Präsidenten gewählt werden – und damit möglicherweise die atomare Schutzgarantie der USA für Europa verloren gehen. Alte sicherheitspolitische Gewissheiten zerfallen wie instabile Isotope, das Undenkbare wird denkbar: Braucht Europa, braucht vielleicht sogar Deutschland ein eigenes Kernwaffenarsenal?