Wirtschaftsprognose: IWF warnt vor einem Inflationsschub durch höhere Löhne
Beschäftigte der Landesbetriebe, Fachbehörden, Schulen, Bezirksämter, Jobcenter und Feuerwehr in Hamburg fordern höhere Löhne.
Foto: IMAGO/Hanno BodeBrüssel. Der Internationale Währungsfonds (IWF) befürchtet einen neuen Preisschub in Europa – ausgelöst durch Lohnsteigerungen. „Die Inflation könnte sich verfestigen, was eine weitere Straffung der Geldpolitik erforderlich machen und zu einer Stagflation führen könnte“, schreibt der IWF in seinem neuen „Regional Economic Outlook“ für Europa. Stagflation ist der ökonomische Fachbegriff für Niedrigwachstum bei stetig steigenden Preisen.
Zwar habe die Europäische Zentralbank (EZB) zuletzt Fortschritte im Kampf gegen Inflation erreicht, die Preisdynamik habe sich abgeschwächt. Aber: „Die Forderung der Arbeitnehmer nach höheren Löhnen zur Rückgewinnung der verlorenen Kaufkraft kann Rückkopplungsschleifen zwischen Löhnen und Preisen auslösen“, so die Sorge des IWF.
Der Gazakrieg, der bisher nur geringe Auswirkungen auf die europäische Wirtschaft hatte, könnte bei einer regionalen Eskalation die Energiepreise steigen lassen und ebenfalls Inflationsdruck auslösen. Daher sei es wichtig, dass die EZB ihre Geldpolitik nicht zu früh lockere. In diesen Jahr erwartet der IWF für die Euro-Zone eine Inflationsrate von 5,6 Prozent, im kommenden Jahr von 3,3 Prozent.
Die Notenbank sei auf dem richtigen Kurs, im Kampf gegen die Inflation sei aber Geduld erforderlich, sagte Alfred Kammer, Europadirektor des IWF bei einem Pressegespräch. Erst in der zweiten Jahreshälfte 2025 werde die EZB ihr Inflationsziel von zwei Prozent wieder erreichen. Sollten die Löhne zu stark steigen, werde Europa auch dieses Datum verfehlen.
Gefahr für Europas Wettbewerbsfähigkeit
Die Sorge vor einem neuen Inflationsschub hält die Gewerkschaften allerdings bisher nicht davon ab, kräftige Lohnerhöhungen zu fordern. „Viele Unternehmen könnten es verkraften, höhere Löhne zu zahlen, ohne die Preise zu erhöhen“, heißt es beim Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB). Die sogenannte Lohn-Preis-Spirale sei „ein Märchen“.
>> Lesen Sie hier: Wie der Bund unter der Zinswende leidet
Das sieht der IWF anders: Die Lohnentwicklung in einer Volkswirtschaft müsse sich an Produktivitätszuwächsen orientieren, sonst schiebe sie die Inflation an. Die höheren Preise würden auch die Kaufkraft der Arbeitnehmer wieder aufzehren, sodass am Ende niemand profitiere. Zudem drohe Europa seine internationale Wettbewerbsfähigkeit zu verspielen - zu einer Zeit, in der diese ohnehin unter der teuren Energie leide.
Den europäischen Regierungen rät der Währungsfonds dazu, ihre Haushaltsdefizite zu verringern und Vorsorge für künftige Krisen zu treffen. „Der nächste Schock kommt bestimmt“, warnte Kammer. Daher gelte es nun, finanzielle Puffer aufzubauen.
Die meisten Länder in Europa hätten zuletzt Fortschritte beim Schuldenabbau gemacht. Sorge bereitet dem IWF allerdings Italien. Dem Land gelinge es bisher nicht, seinen hohen Schuldenstand zu senken. Wegen der steigenden Zinsen müsse die italienische Regierung einen wachsenden Anteil ihres Haushalts in den Schuldendienst stecken, erläutert Kammer. Wichtig sei nun vor allem, dass Rom die Mittel aus dem Corona-Wiederaufbaufonds „Next Generation EU“ klug ausgebe, um das volkswirtschaftliche Wachstumspotenzial zu erhöhen.
Anhaltende Wachstumsschwäche
Den meisten europäischen Ländern werde eine Rezession in diesem Jahr erspart bleiben, prognostiziert der IWF. Zu den Ausnahmen zählt Deutschland: Die Wirtschaftsleistung soll 2023 um 0,5 Prozent schrumpfen. 2024 traut der IWF der Bundesrepublik ein Plus von 0,9 Prozent zu.
Die derzeitige konjunkturelle Eintrübung werde vorübergehen, bilanziert Kammer. „Aber die mittelfristigen Wachstumsaussichten für Europa bleiben schwach.“ Einer der Gründe dafür sei, dass die EU-Staaten die Vorteile des gemeinsamen Binnenmarkts nicht voll ausschöpften.
>> Lesen Sie hier: Warum es wieder Lücken in den Supermarktregalen gibt
Die Europäer „müssen die Grundsätze des freien und fairen Wettbewerbs bewahren“, so Kammer. „Fortschritte bei der weiteren Integration der Dienstleistungs-, Banken- und Kapitalmärkte sind mehr denn je erforderlich.“ Doch der Trend geht derzeit in die andere Richtung – der Binnenmarkt wird durch nationale Subventionen zunehmend verzerrt.
Der IWF sorgt sich daher um die Wettbewerbsgleichheit in Europa. Beihilfen, etwa um mit den Förderprogrammen der USA für klimaneutrale Technologien gleichzuziehen, sollten, wenn überhaupt, nicht auf nationaler, sondern europäischer Ebene ausgezahlt werden.
Deutliche Kritik übt der Währungsfonds daher auch an dem Vorschlag von Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck, mit einem subventionierten Industriestrompreis energieintensiven Betrieben zu helfen. Ein Industriestrompreis, argumentiert Kammer, werde „den Verbrauch von fossiler Energie“ fördern und die „notwendige Transformation der Wirtschaft“ behindern.