Zölle: Wie Großbritannien dem Rachefeldzug von Trump entgehen will
London. Großbritannien rühmt sich seit Ende des Zweiten Weltkriegs seiner „special relationship“ zu den USA. Am Mittwoch wird sich zeigen, dass die Beziehung beider Staaten doch nicht stark genug ist für eine Sonderbehandlung. US-Präsident Donald Trump hat den Tag zum „Liberation Day“ (Befreiungstag) auserkoren. Eine Reihe neuer Strafzölle soll eingeführt werden – und Großbritanniens Plan, einen eigenen speziellen Deal auszuhandeln, ist bislang nicht aufgegangen.
„Wir haben uns auf alle Eventualitäten im Vorfeld der Ankündigung von Präsident Trump vorbereitet“, sagte ein Regierungssprecher in London. Aber Premierminister Keir Starmer musste am Dienstagmorgen seinem Kabinett verkünden, dass das Vereinigte Königreich wie andere Länder von den Handelssanktionen getroffen werde.
Der Zollkonflikt dürfte das Wirtschaftswachstum in Großbritannien verlangsamen – vor allem zwei Branchen werden wohl stark getroffen.
Großbritannien: Gespräche über einen eigenen US-Deal laufen weiter
Die Hoffnungen der britischen Regierung, Trump mit einer Reihe von Konzessionen zu besänftigen, hat sich nicht erfüllt. Großbritannien werde „ruhig und pragmatisch“ reagieren, betonte der Regierungssprecher. Gegensanktionen wollte er zwar nicht ausschließen. Sie sind vorerst aber wohl nicht geplant. „Wir werden diese Gespräche so lange fortsetzen, wie es eine Chance auf ein (Handels-)Abkommen mit den USA gibt.“
Die britische Regierung bemüht sich seit Wochen fieberhaft darum, von Trumps Zollplänen verschont zu bleiben. Handelsminister Jonathan Reynolds war extra nach Washington gereist, um die Verhandlungen über ein bilaterales Technologie- und Handelsabkommen voranzubringen. Am Wochenende hatte Starmer den US-Präsidenten in einem Telefonat noch einmal vergeblich um eine Ausnahme für britische Warenexporte gebeten. „Wir verhandeln über ein Wirtschaftsabkommen, das hoffentlich die Zölle abmildern wird", sagte der Premier am Dienstag.
Der neue britische US-Botschafter und ehemalige EU-Handelskommissar Peter Mandelson ringt deshalb weiter mit der Trump-Regierung um einen „Special Deal“ für das Königreich. Dabei soll es um eine engere Zusammenarbeit bei neuen Technologien wie Künstlicher Intelligenz, aber auch um einen besseren Marktzugang für amerikanische Tech-Konzerne in Großbritannien gehen. Die britische Regierung hat signalisiert, dass sie womöglich die Digitalsteuer für US-Konzerne streichen könnte.
Dem Rest der britischen Wirtschaft hilft das alles erst einmal nicht. Von den von Trump bereits verhängten Importzöllen auf Stahl- und Aluminiumeinfuhren wurde Großbritannien genauso getroffen wie andere Länder.
Und auch für die für Mittwoch avisierten Autozölle der USA von 25 Prozent gibt es bislang keinen Freibrief für die britischen Luxuswagenhersteller. Das Königreich hat im Güterhandel mit den USA zwar eine nahezu ausgeglichene Handelsbilanz, notierte aber einen Überschuss bei Dienstleistungen von etwa 70 Milliarden Pfund (etwa 84 Milliarden Euro).
In Großbritannien wächst unterdessen der politische Druck, sich nicht von der erratischen Willkür Trumps abhängig zu machen. Andrew Griffith, handelspolitischer Sprecher der konservativen Opposition, sprach von einem „Hammerschlag gegen die britische Wirtschaft“.
Ed Davey, Vorsitzender der Liberaldemokraten, forderte: „Wir müssen mit unseren Verbündeten in Kanada und Europa aufrecht stehen und zeigen, dass wir uns nicht einschüchtern lassen.“ Notfalls müsse Großbritannien auch Gegenzölle auf Tesla-Autos von Trump-Berater Elon Musk erheben.
„Die Auswirkungen der Zölle auf die britische Autoindustrie können nicht hoch genug eingeschätzt werden”, warnt William Bain, Handelsexperte bei der British Chambers of Commerce. Mit einem Umsatz von zuletzt 6,4 Milliarden Pfund (etwa 7,7 Milliarden Euro) seien Autos die wichtigsten britischen Exportgüter in die USA, „angeführt von Kultmarken wie Aston Martin, Jaguar und Land Rover“.
US-Zölle würden britische Autohersteller treffen
Für kleinere Hersteller wie Ineos Automotive, der etwa 60 Prozent seiner Autos in die USA exportiert, ist der Handelskonflikt nach Aussage seiner Chefin Lynn Calder „eine Frage von Leben und Tod“. Ähnlich düster sieht es auch für das letzte konventionelle Stahlwerk in Großbritannien aus. Die im chinesischen Besitz befindliche British Steel droht, den Hochofen in Scunthorpe in York mit rund 2700 Jobs zu schließen, und macht dafür auch die neuen Stahlzölle in den USA verantwortlich.
In Brüssel beobachtet die Politik aufmerksam, wie sich London im Handelskonflikt mit den USA positioniert, will die Labour-Regierung doch die Beziehungen zur EU nach dem Brexit reparieren. Starmer sieht sich selbst als „Brückenbauer“ zwischen den USA und Europa. Jao Vale de Almeida, ehemaliger Vertreter der EU in Washington, forderte den britischen Regierungschef jedoch auf, „zumindest die Strafzölle zu verurteilen“.
Großbritannien: Wirtschaftswachstum in Gefahr
Starmer steht auch finanziell unter Zugzwang. Vergangene Woche warnte das parteiunabhängige Office for Budget Responsibility (OBR), dass generelle Einfuhrzölle der USA von 20 Prozent das ohnehin schwache Wirtschaftswachstum in Großbritannien um bis zu einen Prozentpunkt drücken könnten. Das wiederum könnte die britische Finanzministerin Rachel Reeves im Herbst zu politisch heiklen Steuererhöhungen zwingen.
Bereits jetzt hagelt es Kritik, weil die Regierung in London kürzlich massive Einsparungen im Sozialetat verkündet hat. Menschen mit Behinderungen würden staatlicher Hilfen beraubt, „um Elon Musk und Trump zu besänftigen“, wettern die Liberaldemokraten.