HRI-Konjunkturausblick: Die deutsche Wirtschaft kommt kaum in Gang
Die Baukonjunktur dürfte in diesem Jahr so stark einbrechen wie seit 20 Jahren nicht mehr.
Foto: dpaDüsseldorf. Die deutsche Wirtschaft wächst wieder – zumindest ein bisschen. Zwar nahm die Wirtschaftsleistung im Schlussquartal 2022 um 0,4 Prozent ab und gehen vom Datendienstleister Bloomberg befragte Ökonomen im Mittel davon aus, dass die deutsche Wirtschaft im ersten Quartal um 0,2 Prozent geschrumpft sein dürfte. Doch für das laufende zweite Quartal rechnen sie im Schnitt mit 0,2 Prozent Wachstum – ein Lichtblick immerhin.
Die am Freitag veröffentlichten Einkaufsmanagerindizes für Deutschland bestätigen diese Erwartungen. So legte der „HCOB Flash Deutschland Composite PMI“ dank florierender Geschäfte der Dienstleister weiter auf 53,9 Punkte zu – Werte oberhalb von 50 signalisieren Wachstum.
Wesentlicher Grund für diesen verhaltenen Optimismus dürften die Entspannung bei den Energiepreisen sowie die Erholungstendenzen in der Industrie sein. So stieg nach jüngsten Daten für Februar die Industrieproduktion immerhin um zwei Prozent gegenüber dem Vormonat – lag aber damit freilich noch immer rund acht Prozent unter den Rekordwerten vom Frühjahr 2018.
Von der wirtschaftlichen Erholung Chinas dürfte die exportorientierte deutsche Industrie zunächst weiter profitieren. So legte die Wirtschaftsleistung im Reich der Mitte im ersten Quartal um 2,2 Prozent gegenüber dem Vorquartal zu.
Nach der in den USA üblichen Lesart würde dies einer auf das Gesamtjahr hochgerechneten Rate von rund neun Prozent entsprechen. Zum Vergleich: Die US-Wirtschaft dürfte zum Jahresauftakt mit einer Rate von gut zwei Prozent gewachsen sein.
Deutsche Wirtschaft: Zinswende lastet auf der Konjunktur
In Deutschland hingegen könnte die Freude über die Rückkehr des Wirtschaftswachstums im Frühjahr von kurzer Dauer sein. Ab dem Sommer dürften die Auswirkungen der scharfen Zinswende der Europäischen Zentralbank (EZB) in immer mehr Bereichen spürbar werden.
>> Lesen Sie hier: Warum der Aufschwung in Deutschland in diesem Jahr nicht kommt
Üblicherweise reagiert der Bau als Erstes. So gingen die Bauinvestitionen 2022 bereits um 1,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahr zurück, und für das laufende Jahr erwartet das Handelsblatt Research Institute (HRI) einen weiteren Rückgang um rund fünf Prozent – dies wäre der stärkste Einbruch seit gut 20 Jahren.
Doch nahezu alle Branchen werden von der Zinswende tangiert. Zum einen müssen Unternehmen bei der Refinanzierung von Altschulden deutlich schlechtere Konditionen in Kauf nehmen, was auf ihre Gewinne drückt.
Zum anderen verteuern sich kreditfinanzierte Investitionen womöglich so kräftig, dass sie unrentabel werden und deshalb ganz unterbleiben. Solch eine gesamtwirtschaftliche Investitionsschwäche würde dann auf Ausrüster etwa im Maschinenbau ausstrahlen, da die Nachfrage sinkt.
Reallohnverluste: Verbraucher halten ihr Geld zusammen
Belastet von höheren Zinsen wird meist auch der private Verbrauch. Steigende Zinsen für Dispo- und Verbraucherkredite verringern die Konsummöglichkeiten und machen womöglich ein neues Auto, eine neue Küche oder die Modernisierung der eigenen Wohnung unerschwinglich teuer. Lagen etwa im vergangenen Frühjahr die durchschnittlichen Dispozinsen laut FMH-Finanzberatung noch bei rund neun Prozent, verlangen die Banken jetzt im Durchschnitt mehr als elf Prozent.
Hinzu kommt, dass die meisten staatlichen Energiehilfen aus Einmalzahlungen oder temporären Preissenkungen bestanden. Dieser lindernde Effekt lässt nun deutlich nach.
Vielen Verbrauchern dürfte daher erst allmählich das gesamte Ausmaß ihres realen Einkommensverlusts bewusst werden. Darüber hinaus bestehen angesichts der von der Regierung angestrebten Energiewende bei vielen Verbrauchern berechtigte Sorgen, dass die Wohnkosten weiter steigen werden – und daher an anderer Stelle Konsumverzicht geübt werden müsse. Der private Konsum wird daher im laufenden Jahr wohl bestenfalls stagnieren.
Die jüngsten Turbulenzen im Bankensektor könnten die großen Notenbanken dazu veranlassen, im weiteren Jahresverlauf etwas vorsichtiger zu agieren – also die Zinsen weniger stark zu erhöhen, als dies angesichts der anhaltend hohen Inflation angezeigt wäre. Mehr Rücksicht auf Finanzstabilität bedeutet, dass das Risiko einer neuerlichen Rezession um den Preis sinkt, dass der Kampf gegen die Inflation an Elan verliert.
Inflation dürfte langsamer sinken als erhofft
Die Teuerungsraten dürften daher wohl langsamer zurückgehen als vor Kurzem noch erhofft. Zum Ende dieses Jahres geht das HRI von rund vier Prozent Inflation in Deutschland aus.
Ob und wann sie wieder dauerhaft auf das EZB-Ziel von rund zwei Prozent sinkt, ist fraglich. Denn aus der importierten Inflation infolge hoher Energiepreise ist mittlerweile eine sich selbst nährende „heimische Inflation“ geworden, wie es EZB-Präsidentin Christine Lagarde unlängst beschrieb.
Die oft befürchtete Lohn-Preis-Spirale ist zu einer Preis-Lohn-Spirale mutiert. Offenbar haben nicht wenige Hersteller, Händler und Dienstleister die jüngsten Teuerungsschübe dazu genutzt, ihre Margen zu verbessern. In einem Blog-Beitrag der EZB heißt es dazu unverblümt: „Die Auswirkungen der Unternehmensgewinne auf den inländischen Preisdruck sind aus historischer Sicht außergewöhnlich.“
Das Nachsehen hat die große Masse der abhängig beschäftigten Konsumenten sowie der Rentner. Drei Jahren mit Reallohnverlusten könnte 2023 ein viertes folgen.
Erstpublikation: 23.04.2023, 10:49 Uhr.