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EurofinsMit dieser Firma hat jeder im Alltag zu tun, ohne es zu wissen

Der französische Labortester Eurofins hat von der Pandemie enorm profitiert. Gründer und Konzernchef Gilles Martin setzt sich neue Ziele.Gregor Waschinski 26.04.2023 - 08:37 Uhr aktualisiert Artikel anhören

Das Unternehmen ist einer der weltweit führenden Anbieter bioanalytischer Dienstleistungen.

Foto: imago images/ANP

Nantes. Das Ende der Pandemie macht sich in den Bilanzen von Eurofins bemerkbar: Der Nettogewinn fiel im vergangenen Jahr um 23 Prozent auf 606 Millionen Euro. In diesem Jahr muss die weltweit tätige Laborgruppe, die am Mittwoch ihre Zahlen für das erste Quartal vorgelegt hat, ganz ohne die Corona-Sondereffekte auskommen.

Das Unternehmen meldete einen Umsatzrückgang von zehn Prozent im Vergleich zum Vorjahresquartal. In den ersten drei Monaten 2022 machte das Geschäft mit Coronatests demnach noch mehr als 300 Millionen Euro aus, nun waren es weniger als zehn Millionen Euro.

Eurofins-Chef Gilles Martin ist dennoch zuversichtlich: Er habe die Pandemie immer nur als eine Ausnahmezeit gesehen. „Das Corona-Testgeschäft hat temporär maximal bis zu 20 Prozent unseres Umsatzes ausgemacht“, sagte der Franzose im Gespräch mit dem Handelsblatt. „Langfristig glauben wir, dass alle unsere Geschäftsbereiche signifikant wachsen werden.“

Das im Pariser Börsenindex CAC 40 notierte Unternehmen ist einer der weltweit führenden Anbieter bioanalytischer Dienstleistungen. Ein Netzwerk von 900 Laboren in 61 Ländern testet Lebens- und Futtermittel, prüft Pharmazeutika, untersucht Umweltproben auf Schadstoffe. Die Bandbreite des Angebots reicht bis hin zu forensischen Analysen für Kriminalermittler.

Eurofins: Corona-Pandemie macht Labore plötzlich sichtbar

Während der Pandemie wurde Eurofins mit Coronatests plötzlich auch für die breite Bevölkerung sichtbar. Normalerweise nähmen die meisten Leute die Arbeit der Testfirmen im Alltag aber nicht wahr, sagt Martin. „Wir arbeiten sehr vertraulich für die Industrie, um zu gewährleisten, dass die Produkte, die wir jeden Tag konsumieren, sicher sind.“

Die Nachfrage ist groß: Der weltweite Markt für Tests, Inspektionen und Zertifizierungen (TIC) hatte im Jahr 2021 einer Studie der Beratungsfirma Spherical Insights & Consulting zufolge ein Volumen von gut 221 Milliarden US-Dollar. Bis 2030 werde er voraussichtlich auf mehr als 300 Milliarden Dollar wachsen.

Das Unternehmen hat von der Corona-Pandemie massiv profitiert.

Foto: Reuters

Neben Eurofins sind andere Schwergewichte auf dem TIC-Markt aktiv, darunter Tüv Nord und Tüv Süd aus Deutschland, SGS aus der Schweiz, Intertek aus Großbritannien sowie die französische Traditionsfirma Bureau Veritas. Während die Ursprünge der Konkurrenz aber teilweise bis ans Ende des 19. Jahrhunderts zurückreichen, ist Eurofins eine junge Firma – die sich in kurzer Zeit mit starkem Wachstum in der Spitzengruppe festgesetzt hat. In einigen Geschäftsbereichen, etwa der Lebensmitteltestung, ist das Unternehmen Weltmarktführer.

Eurofins-Chef Gilles Martin suchte am Anfang nach gepanschten Weinen

Die Anfänge von Eurofins liegen im westfranzösischen Nantes. Das erste Büro, aus dem Gilles Martin die Firma führte, gehört mittlerweile als Nebenraum zu einem Testlabor für Alkohol und Fruchtsäfte. Das Unternehmensgelände ist seit der Gründung Ende der 1980er-Jahre um mehrere Gebäude gewachsen – und dennoch nicht mehr der größte Eurofins-Standort, der sich heute im US-Bundesstaat Pennsylvania befindet.

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Die Geschäftsidee verdankt Martin seinen Eltern: Gérard und Maryvonne Martin, Forscher an der Universität Nantes, entwickelten ein Prüfverfahren für die Reinheit von Wein. Sie meldeten ein Patent an – und baten den Sohn, die Erfindung zu kommerzialisieren. Der hatte mit 23 Jahren bereits zwei Unternehmen gegründet und promovierte gerade in Informatik in den USA.

„Ich hatte damals keine Ahnung von Wein und Bioanalytik“, sagt Martin. Nach der Gründung blieb Eurofins aber zunächst in einer Nische. „Wir trinken alle gerne Wein, aber sind offenbar nicht besonders interessiert daran zu wissen, ob er authentisch ist oder nicht.“

Der Chef von Eurofins war Weintester und wurde Milliardär.

Foto: Eurofins-Gruppe

Über die Fahndung nach gepanschtem Wein hinaus sah Martin allerdings viel Potenzial im Testgeschäft. „Meine Idee war, ein dezentrales Labornetzwerk in einer IT-Struktur zusammenzufassen“, sagt er. „Dieser Ansatz war damals neu, das hatte so noch keiner gemacht.“

Eurofins: Das frühere Start-up mit drei Angestellten hat heute 61.000 Mitarbeiter

Seit den 1990er-Jahren kaufte Eurofins auf andere Bereiche spezialisierte Laborfirmen auf. Kapital beschaffte sich Martin mit einem Börsengang, das Unternehmen nahm aber auch hohe Schulden auf. Die zunehmend aggressive Wachstumsstrategie weckte bei Investoren zwischenzeitlich Sorgen, dass sich die Firma mit schuldenfinanzierten Akquisitionen übernehmen könnte.

„Es gab Zeiten, in denen wir massive Übernahmen getätigt haben im Vergleich zu unserer Größe damals. Das wird jetzt nicht der Fall sein, das brauchen wir nicht mehr“, sagt Martin. Das organische Wachstum betrage zwischen sechs und 15 Prozent jährlich. „Und wir gründen zurzeit 30 bis 50 Start-ups pro Jahr.“

Eurofins startete einst selbst als Start-up mit drei Angestellten, nun sind es mehr als 61.000 Mitarbeiter. Der Umsatz betrug 2021 rund 6,7 Milliarden Euro. Das dezentral organisierte Unternehmen führt Martin von Brüssel aus, der Geschäftssitz liegt in Luxemburg. Auch in Deutschland betreibt Eurofins zahlreiche Labore, in Hamburg-Harburg befindet sich der größte Standort in Europa.

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Martin, der fließend Deutsch spricht, konnte sich nach eigenem Bekunden anfangs auch die Bundesrepublik als Standort für die Unternehmenszentrale vorstellen. „Ende der 1990er haben wir einige Jahre in Nürnberg gelebt, auch eine meiner Töchter ist dort geboren“, sagt er. Deutschland sei „sehr weit vorn in der Bioanalytik“, Chemie anders als in Frankreich „eine der Top-Studienrichtungen“.

Wachstumschancen sieht der Eurofins-Chef in den kommenden Jahren vor allem im Umweltbereich. Auch in der Pharmabranche werde es einen Nachfrageschub mit neuen Medikamenten und Therapien im Kampf gegen Krebs geben, die individuell auf den Patienten zugeschnitten seien und somit in jedem Einzelfall Tests erfordern würden.

Künstliche Intelligenz wird in der Lebensmittelüberwachung immer wichtiger

Bei Lebensmittelprüfungen ging der Umsatz zuletzt dagegen etwas zurück. „Durch die Inflation haben Verbraucher ihre Einkaufsentscheidungen geändert und greifen zu günstigeren Produkten“, sagt Martin. „Die Hersteller haben darauf reagiert und ihr Angebot verkleinert, was weniger Tests bei hochwertigeren Produkten erforderlich macht.“

Martin, der einst seine Doktorarbeit zum Thema Künstliche Intelligenz schrieb, setzt auf die Macht der Daten. „Wenn ein Experte beispielsweise unter dem Mikroskop in einer Probe nach Asbest sucht, braucht er deutlich länger und ist auch fehleranfälliger, als wenn man ein KI-Modell einsetzt“, sagt er. Eurofins beschäftige mehr als 3000 Programmierer.

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Künftig werde die Arbeit in Laboren viel automatisierter ablaufen. „Noch fehlen aber Roboter, die mit der ganzen Bandbreite der zu testenden Produkte umgehen können“, so Martin. „Denn es macht schon einen großen Unterschied, wenn heute eine Pizza und morgen ein Trinkbecher mit Orangensaft auf den Lebensmitteltest vorbereitet werden muss.“

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