Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Bundesverband Deutsche Startups Von Corona-Hilfen bis Zukunftsfonds: „Wir haben gezeigt, dass die Politik uns zuhören muss“

Christian Miele und Gesa Miczaika wollten die Start-up-Lobby schlagkräftig machen. Sie sehen Fortschritte bei Großprojekten – und einen blinden Fleck.
21.12.2020 - 17:10 Uhr Kommentieren
Während sich Miele als selbst ernannter „Frontmann“ in fast jede öffentliche Diskussion einbringt, räumt Miczaika im Hintergrund auf und sorgt dafür, dass jeder gehört wird – insbesondere Gründerinnen, die bei der Finanzierung seltener mit Risikokapital arbeiten. Quelle: Dominik Butzmann, Deutsche Startups e.V. [M]
Christian Miele und Gesa Miczaika

Während sich Miele als selbst ernannter „Frontmann“ in fast jede öffentliche Diskussion einbringt, räumt Miczaika im Hintergrund auf und sorgt dafür, dass jeder gehört wird – insbesondere Gründerinnen, die bei der Finanzierung seltener mit Risikokapital arbeiten.

(Foto: Dominik Butzmann, Deutsche Startups e.V. [M])

Düsseldorf Als Christian Miele vor einem Jahr als Präsident des Bundesverbands Deutsche Startups antrat, ahnte er nichts von den unzähligen Notrufen, die bald auf seinem Handy eingehen würden. Doch mit dem ersten Lockdown brach Panik in der Gründerszene aus. Und wer nicht wusste, wie er Mitarbeiter bezahlen sollte, wandte sich an ihn.

Es war die Feuerprobe für Miele. Mit einem Team prominenter Mitstreiter war er im Dezember 2019 angetreten, die Branche besser zu organisieren – auch gegenüber der Politik. Er habe nun dafür zu sorgen, dass wir „nach der Krise noch ein Start-up-Ökosystem in Deutschland haben“, erklärte er dem Handelsblatt im Mai.

Miele warnte in den Medien vor einem „massiven Start-up-Sterben“. Per Brandbrief setzte er Finanzminister Olaf Scholz (SPD) in einer großen Boulevardzeitung unter Druck. Nach Milliardenhilfen und überraschend vielen Finanzierungsrunden ist er aber leise geworden. Kommt Start-up-Deutschland am Ende doch noch glimpflich davon? Miele sagt: „Die Wahrheit ist, wir wissen es nicht.“ Durch die ausgesetzte Insolvenzanmeldungspflicht sei unklar, wie es mit Eigenmitteln finanzierten Start-ups gehe. „Das ist unser blinder Fleck.“

Die Ruhe spiegelt einen Strategiewechsel wider – und die Einsicht, dass man sich irgendwann mit Kompromissen abfinden muss. „Im ersten Halbjahr haben wir durch Lautstärke auf uns aufmerksam gemacht und gezeigt, dass die Politik uns zuhören muss“, sagt Miele. „Im zweiten Halbjahr haben wir bewiesen, dass wir auch leise und vertrauensvoll mit der Politik zusammenarbeiten können.“

Zum Gespräch über die Halbzeitbilanz seiner ersten Amtszeit beim wichtigsten Lobbyverband der deutschen Tech-Szene mit 1200 Mitgliedern hat er Stellvertreterin Gesa Miczaika mitgebracht („Ohne sie hätte ich das alles nicht geschafft“). Beide sind hauptberuflich Start-up-Investoren – Miele bei Eventures, Miczaika bei Auxxo – und beim 18 Mitarbeiter zählenden Verband zwischen Portfoliomanagement und Familie ehrenamtlich tätig.

Auch Miczaika sagt: „Es war wichtig, auf die Bedürfnisse von Start-ups einzugehen und sie mit spezifischen Hilfspaketen zu unterstützen.“ Hunderte Start-ups wären sonst durchs Raster gefallen. „Aber es ist noch zu früh, Bilanz zu ziehen.“ Sie verweist auf den zweiten Lockdown. Erst 2022 dürfte es einen Überblick darüber geben, wie hart die Start-up-Szene getroffen wurde.

Während sich Miele als selbst ernannter „Frontmann“ in fast jede öffentliche Diskussion einbringt, räumt Miczaika im Hintergrund auf und sorgt dafür, dass jeder gehört wird – insbesondere Gründerinnen, die bei der Finanzierung seltener mit Risikokapital arbeiten.

Klarer lassen sich Fortschritte bei den Zielen resümieren, die sich der Verband vor der Coronakrise gesteckt hatte: bessere Bedingungen für Mitarbeiterbeteiligungen und Mitgestaltung des Zukunftsfonds der Bundesregierung. Hier wollen die beiden Neulinge im politischen Berlin vorliegende Vorschläge nur als Zwischenergebnis akzeptieren.

Einsatz für Mitarbeiterbeteiligung

Der Verband hatte im Frühjahr mit einer großen Umfrage unter Gründern, Mitarbeitern und Kapitalgebern mit Partnern wie der Beratung Boston Consulting Group Druck beim Thema „ESOP“ ausgeübt. Die Abkürzung steht für „Employee Stock Ownership Plan“ und meint Beteiligungsprogramme nach internationalem Vorbild. 84 Prozent der 1900 mobilisierten Teilnehmer erklärten, sie sähen Beteiligungsprogramme als essenziell für den Erfolg von Start-ups an.

Nun liegt in der Sache ein Referentenentwurf vor. Er beinhaltet Steuererleichterungen für Mitarbeiter und Kapitalgeber. So sollen Mitarbeiter künftig erst bei tatsächlichem Gewinnzufluss Steuern zahlen und nicht jährlich auf Basis einer fiktiven Wertsteigerung.

Trotzdem sind die Lobbyisten kritisch: „Die Vorschläge greifen leider viel zu kurz.“ So seien etwa Größenbeschränkungen für die Firmen vorgesehen, und es sei unklar, was mit bestehenden Beteiligungsprogrammen passiert, sagt Miele.

Weiterhin drängt der Verband darauf, dass geldwerte Vorteile aus Beteiligungsprogrammen steuerlich nicht wie Einkommen, sondern wie Kapitalerträge behandelt und damit deutlich günstiger besteuert werden – ähnlich wie bei Gründern und Investoren. Käme es im weiteren Gesetzgebungsverfahren nicht zu Änderungen, wäre das „eine vertane Chance“, sagt Miczaika. Derzeit werde auf allen Ebenen versucht, auf den Prozess einzuwirken.

Hoffnung auf frisches Geld

Beim schon lange diskutierten Zukunftsfonds schreiben sich Miele und Miczaika auf die Fahne, zum „Festzurren“ desselben beigetragen zu haben. Unzufrieden macht sie, dass die Modalitäten des für sie zentralen Dachfonds noch nicht feststehen.

Mitte Dezember hatten die Haushaltspolitiker des Bundestags den Weg frei gemacht für den „Beteiligungsfonds für Zukunftstechnologien“. Bis 2030 sollen darüber insgesamt zehn Milliarden Euro zur Verfügung gestellt und noch einmal das Doppelte an privaten Investitionen ausgelöst werden. „Entscheidend ist, dass ‚frisches‘ Kapital aus dem Markt kommt“, sagt Miczaika: „Große deutsche Versicherungen und Pensionsfonds etwa sehen sich bisher kaum in der Lage, in Start-ups zu investieren. Hier muss sich etwas ändern.“

Miele erklärt: „Bisher müssen Versicherungen in Deutschland aufgrund der Solvency-II-Regelungen bei Venture-Capital-Investitionen sehr viel Eigenkapital hinterlegen – das macht Wagniskapital als Anlageklasse für sie teuer und daher uninteressant.“

Einen alternativen Weg könnten gemeinsame Investitionen von Staat und Privatinvestoren in einen Dachfonds bieten, der wiederum in Unterfonds investiert, die sich direkt an Start-ups beteiligen. Bei dem Konstrukt könnte der Staat einen Teil des Risikos der institutionellen Investoren übernehmen und im Gegenzug im Erfolgsfall mehr Rendite einstreichen.

Deutlich vorangekommen ist der Verband in eigener Sache. Am Ende des Geschäftsjahres 2019 stand ein Fehlbetrag von 850.000 Euro: „Für 2020 erwarten wir seit Jahren das erste Mal ein ausgeglichenes Ergebnis“, sagt Miczaika. In der Vergangenheit war der Verband mehr oder weniger wie ein Start-up geführt worden – mit der Fehlkalkulation, dass ein Verband kein Wagniskapital aufnehmen kann.

Unter ein Jahr mit einem „unfassbar hohen Stress- und Frustrationslevel“ zieht Miele ein versöhnliches Fazit. „Wenn ich sehe, wie viele Menschen sich jetzt für die Start-ups einsetzen, bin ich sehr dankbar – und dann ist der Stress auch wieder egal. Dann geht es nur darum, dass wir das hier gut machen.“ Dabei schließt er für die Zukunft auch erneut laute Töne nicht aus und fügt lachend hinzu: „Aber den Finanzminister durch die ‚Bild‘-Zeitung treiben, das werden wir in Zukunft hoffentlich nicht mehr machen müssen.“

Mehr: Einhörner aus der Glaskugel: Wie KI Milliarden-Start-ups erkennen soll

Startseite
Mehr zu: Bundesverband Deutsche Startups - Von Corona-Hilfen bis Zukunftsfonds: „Wir haben gezeigt, dass die Politik uns zuhören muss“
0 Kommentare zu "Bundesverband Deutsche Startups: Von Corona-Hilfen bis Zukunftsfonds: „Wir haben gezeigt, dass die Politik uns zuhören muss“"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%