Fake News und Propaganda: Elon Musks „X“ versagt beim Thema Krieg in Nahost
Der Tesla-Chef und X-Eigner vertraut vielen seriösen Medien nicht.
Foto: imago images/ZUMA WireNew York. In den USA und Europa wächst die Kritik am Umgang des Nachrichtendienstes X mit dem Krieg in Nahost. Seit dem Beginn des Angriffs der islamistischen Terrorgruppe Hamas auf Israel am vergangenen Samstag quillt die früher Twitter genannte Plattform förmlich über mit Falschinformationen und Propaganda.
Die Liste an fehlerhaften Darstellungen ist lang. Twitter-Nutzer berichten von einem angeblich bevorstehenden israelischen Atombombenangriff auf Gaza, posten Szenen aus einem Videospiel, die angeblich eine Hamas-Attacke auf Israel zeigen, sowie Bilder eines Feuerwerks in Algerien, die als israelische Gegenschläge auf die Hamas dargestellt werden.
Auch Posts, die Fußballstar Ronaldo mit einer palästinensischen Flagge zeigen oder Hamas-Raketenangriffe auf Israel, sind falsch. So zeigen Letztere etwa drei Jahre alte Kampfhandlungen aus dem syrischen Bürgerkrieg, wie das Magazin „Wired“ berichtet. Und derlei Beispiele stellen nur eine kleine Auswahl der auf X geposteten Falschinformationen dar.
Fake News und Propaganda: Folgen der Entlassungen von Twitter-Moderatoren
Besonders problematisch: Die Moderatoren der Plattform haben angesichts der Menge an verzerrenden Posts offenbar aufgegeben. Seit der Übernahme des sozialen Netzwerks durch Tesla-Chef Elon Musk im vergangenen Oktober hatte der Milliardär ganze Teams von sogenannten Faktencheckern und Moderatoren entlassen, die Twitter in den Jahren zuvor aufgebaut hatte. Aus Sicht von US-Beobachtern zeigen sich nun die gravierenden Folgen.
„Musk hat schon vor Monaten die Sicherheitsvorkehrungen beseitigt, die Twitter als Nachrichtenquelle zumindest einigermaßen zuverlässig gemacht haben“, schreibt der Publizist und Silicon-Valley-Kenner Casey Newton. Musk habe das alte System zur Verifizierung von Accounts bewusst „gesprengt“ und die Plattform einem „Sammelsurium von Kulturkriegern“ geöffnet, die acht Dollar pro Monat zahlten, um ihre Posts besonders prominent ausgespielt zu sehen.
Wie am Dienstagabend bekannt wurde, hat nun auch die EU-Kommission Eigentümer Musk wegen Desinformation auf X ermahnt. Es gebe Hinweise, dass in der EU über den Dienst illegale Inhalte zum Hamas-Angriff auf Israel verbreitet würden, erklärte der zuständige EU-Kommissar Thierry Breton. Er habe Musk in einem Brief an seine Verpflichtungen gemäß EU-Recht erinnert. Dieser solle binnen 24 Stunden antworten. Einen ähnlichen Brief verschickte Breton am Mittwoch auch an Facebook.
Auch aus Deutschland kommt Kritik an dem Umgang von X mit dem Krieg in Nahost. Bundesverkehrsminister Volker Wissing (FDP) rief Musk auf, Terroristen und Antisemiten keine Plattform zu bieten und entsprechende Accounts auf der Nachrichtenplattform zu löschen. „Das ist gesetzliche Pflicht und ethische Verantwortung,“ schrieb Wissing auf X.
X-Chefin Linda Yaccarino meldet sich zu Wort
Die Entlassung von ganzen Moderatorenteams war offenbar keine reine Kostenmaßnahme. Elon Musk hat in den vergangenen Monaten wiederholt klargemacht, wie wenig er von vielen seriösen Nachrichtenquellen hält. Reporter großer US-Medienhäuser blockierte und bedrohte er, kommentierte und teilte Beiträge von Verschwörungstheoretikern und Rechtsextremisten.
Auch im jüngsten Konflikt in Nahost empfahl Musk seinen knapp 160 Millionen Followern zwei Accounts, die in der Vergangenheit mit antisemitischen Ausfällen und Falschinformationen aufgefallen waren. Später löschte Musk den Post kommentarlos.
Das Unternehmen beantwortete eine Anfrage zu den Diskussionen um die Rolle von X bei Desinformationen zum Krieg in Nahost bislang nicht. Nach längerem Schweigen meldete sich dagegen Firmenchefin Linda Yaccarino in der Nacht zum Mittwoch erstmal zu dem Thema. Die Managerin teilte einen Beitrag, in dem es um Bemühungen der Nutzer gegen Desinformation geht, mit den Worten: „Echter Fortschritt bei unserer wichtigen Arbeit, irreführende Inhalte auf X zu bekämpfen.“
Yaccarino geht nicht direkt auf Bretons Kritik ein
Am Mittwochabend folgte dann die ausführlichere Antwort: Yaccarino zählte in einer gut dreiseitigen Antwort die allgemeinen Plattform-Regeln und dementsprechend von X ergriffene Maßnahmen gegen illegale Inhalte auf.
Sie ging nicht direkt auf die von Breton erwähnten Berichte über die Verbreitung unter anderem von manipulierten Bildern, Mitschnitten aus Videospielen sowie falschen Informationen ein.
Yaccarino forderte die Kommission auf, dem Dienst konkrete Details zu mutmaßlichen Verstößen vorzulegen, damit man Nachforschungen dazu anstellen könne.
Die Antwort passt zu ersten Reaktionen von Musk, der Breton bei X zurückschrieb, dieser solle die Verstöße auflisten, „damit die Öffentlichkeit sie sehen kann“. Der Kommissar konterte: „Die Berichte Ihrer Nutzer - und der Behörden - über Falschinformationen und die Verherrlichung von Gewalt sind Ihnen gut bekannt.“
Musk hatte Yaccarino im Juni vom Medienriesen NBC Universal abgeworben, sie war mit großen Vorschusslorbeeren gestartet. Sie sollte vor allem die verärgerten Werbekunden beschwichtigen; Musk leitet weiterhin die Produkt- und Entwicklerteams.
Ihre Teilnahme an einer Branchenkonferenz in der kommenden Woche sagte die Managerin mit der Begründung ab, sie und ihr Team müssten sich „angesichts der globalen Krise voll und ganz auf die Sicherheit der X-Plattform konzentrieren“. Ende September hatte Yaccarino bei ihrem ersten öffentlichen Auftritt als X-Chefin auf einer US-Tech-Konferenz angespannt gewirkt und war kritischen Fragen ausgewichen.
Probleme bei X könnten eine Chance für Mastodon und Threads sein
Manche Beobachter sehen die Probleme bei X als Chance für neue Konkurrenten, darunter die bisher kleinen Plattformen Mastodon und Bluesky sowie die Twitter-Alternative Threads des Facebook-Konzerns Meta. Doch noch erreichen die dortigen Posts zu den Kämpfen in Nahost bei Weitem geringere Reichweiten als auf X.
Drei Tage nach Beginn des Konflikts meldete sich dann schließlich das Sicherheitsteam von X zu Wort: Mehr als 50 Millionen Beiträge hätten sich mit dem Angriff der Hamas befasst. Neu eingerichtete, der Terrorgruppe nahestehende Konten würden gelöscht. Manche Inhalte seien für Nutzer belastend. Dennoch: Es sei „im Interesse der Öffentlichkeit zu verstehen, was in Echtzeit passiert“.
Mitarbeit: Josefine Fokuhl
Erstpublikation: 10.10.2023, 22:01 Uhr (aktualisiert am 11.10.2023, 13:39 Uhr und am 12.10.2023, 13:23 Uhr).