Schwellenländer: Neue Milliardeninvestition: So will Google Hunderte Millionen Inder zu Android-Nutzern machen
Viele Inder sind noch immer offline.
Foto: BloombergBangkok. 30 Dollar für ein Smartphone – aus Sicht von Google-Chef Sundar Pichai ist das der ideale Preis, um im wichtigen Wachstumsmarkt Indien Android-Handys an Hunderte Millionen Menschen zu verkaufen, die sich die Geräte bisher nicht leisten können.
Umsetzen konnte er seine vor fünf Jahren geäußerte Vision von den ultrabilligen Schwellenlandsmartphones bisher zwar nicht. Mit einer weiteren Milliardeninvestition in dem zweitgrößten Internetmarkt der Welt unternimmt der US-Konzern nun aber einen neuen Anlauf.
Google setzt dabei abermals auf die indische Mobilfunkindustrie als Partner: Nach einer 4,5-Milliarden-Dollar-Investition in Indiens größten Handynetzbetreiber Jio vor anderthalb Jahren engagiert sich das kalifornische Unternehmen nun auch bei dem zweitgrößten Telekommunikationsanbieter Bharti Airtel: Im Rahmen der Partnerschaft, die die beiden Konzerne am Freitag bekannt gaben, erwirbt Google für 700 Millionen Dollar 1,3 Prozent der Unternehmensanteile von Airtel. Zudem sagte Google bis zu 300 Millionen Dollar für Umsetzung kommerzieller Kooperationen in den kommenden Jahren zu.
Dabei gehe es zunächst darum, Angebote für kostengünstige Android-Geräte weiter auszubauen, hieß es in einer Mitteilung. Die Investition sei Teil von Googles Bemühungen in Indien, „den Zugang zu Smartphones zu verbessern und die Konnektivität zu erhöhen“, sagte Konzernchef Pichai.
Das Unternehmen wolle mit der Partnerschaft „neue und innovative Geschäftsmodelle schaffen“, um das Ökosystem rund um die Android-Gerätehersteller in dem Land bei seinem Wachstum zu unterstützen, ergänzte Googles Indien-Chef Sanjay Gupta in einem Blog-Eintrag.
Google will zehn Milliarden Dollar in Indien investieren
Googles Kalkül hinter der Strategie ist offensichtlich: Aktuell nutzt erst rund die Hälfte der knapp 1,4 Milliarden Inder das Internet. Die meisten von ihnen sind mit Smartphones online – und davon haben mehr als 95 Prozent Googles Betriebssystem Android auf ihren Geräten installiert.
Sollte es dem Konzern gelingen, auch Indiens andere Hälfte ins Netz zu bringen, wäre dies gleichbedeutend mit Hunderten Millionen zusätzlichen Nutzern. Eine solche Chance hat der Konzern nirgendwo sonst auf der Welt. Denn in China, dem einzigen Land mit noch mehr Internetnutzern als Indien, ist Google nicht aktiv.
Die Investition in Airtel ist Teil eines Zehn-Milliarden-Dollar-Investitionspaketes, mit dem Google Indiens Digitalisierung vorantreiben möchte. Allein im vergangenen Jahr beteiligte sich das Unternehmen an sechs indischen Start-ups – darunter E-Commerce-Dienste, ein Gesundheitsservice und ein Neobanking-Anbieter.
Gleichzeitig trieb das Unternehmen bereits in den vergangenen Monaten die Entwicklung von vergleichsweise billigen Schwellenlandsmartphones voran: Mit seinem bisherigen Mobilfunkpartner Jio, der zum Konglomerat Reliance von Indiens reichstem Mann Mukesh Ambani gehört, brachte Google im November ein auf Indien zugeschnittenes Android-Gerät mit dem Namen JioPhone Next auf den Markt.
„Das JioPhone Next ist ein erschwingliches Smartphone, das mit der Überzeugung entwickelt wurde, dass jeder in Indien von den Möglichkeiten des Internets profitieren sollte“, sagte Pichai zur Vorstellung des Geräts.
Widerstand der Wettbewerbshüter
Doch der Preis des Google-Jio-Handys ist mit rund 90 Dollar immer noch dreimal so hoch wie die von Pichai selbst gesetzte Grenze, die für einen Durchbruch in den bislang unterversorgten Bevölkerungsteilen entscheidend wäre. Marktforscher gehen zwar davon aus, dass bereits einige Millionen Exemplare des Geräts verkauft wurden.
Um die mehreren Hundert Millionen indischen Handybesitzer, die noch kein Smartphone haben, zum Kauf zu bewegen, reichte es aber bisher noch nicht. Man wolle künftig daran arbeiten, die Hürden, um zum Smartphone-Besitzer zu werden, weiter abzusenken, hieß es nun seitens des Unternehmens anlässlich der neuen Partnerschaft mit Airtel.
Für die Umsetzung der Vereinbarung müssen noch Indiens Behörden zustimmen. Das könnte angesichts Googles dominanter Stellung auf dem Markt unter Umständen nicht unproblematisch sein: Bereits im vergangenen Jahr hatten indische Wettbewerbsschützer Google vorgeworfen, seine marktbeherrschende Stellung mit dem Android-Betriebssystem ausgenutzt und mithilfe seiner enormen Finanzkraft Wettbewerbern geschadet zu haben.
Google bestritt die Anschuldigungen und erklärte, den Wettbewerb in Indien vielmehr gestärkt zu haben. Indiens Wettbewerbshüter untersuchen derzeit auch Vorwürfe gegen Google News und Googles Play Store, in dem das Unternehmen Smartphone-Apps vertreibt. Google kündigte an, bei der Untersuchung kooperieren zu wollen.