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ZukunftskonnektorKrankenkassen müssen nach Milliarden-Rechnung wohl erneut zahlen

Konnektoren für die Telematikinfrastruktur werden bald reihenweise schrottreif. Krankenkassenvertreter toben, weil sie die neuen Konnektoren wohl auch bezahlen müssen.Julian Olk 25.11.2020 - 16:53 Uhr Artikel anhören

Mit dem Zukunftskonnektor soll die Telematikinfrastruktur flexibler werden.

Foto: Handelsblatt

Düsseldorf. Eine Hardware-Box für den Datenaustausch, das klingt in Zeiten von Smartphones und Cloud-Computing aus der Zeit gefallen – und ist es auch. Das Konzept für den Konnektor, der den deutschen Gesundheitseinrichtungen den Zugang zur Telematikinfrastruktur (TI) ermöglicht, ist zwei Jahrzehnte alt.

Bundesgesundheitsministerium und Gematik wollen deshalb einen „Zukunftskonnektor“ entwickeln, mit dem Ärzte oder Therapeuten auch von unterwegs auf die TI zugreifen können und Patienten sich digital anstatt mit der elektronischen Gesundheitskarte (eGK) anmelden können.

Doch was die Politik als visionäre Neuaufstellung des Gesundheitssystems verkauft, ist auch die Reaktion auf einen vor Jahren gemachten, elementaren Konstruktionsfehler des gesamten Systems – was deshalb nun für Aufruhr bei denjenigen sorgt, ohne die der Minister seine Digitalstrategie nicht umsetzen kann.

Hintergrund ist, dass die heute eingesetzten Hardware-Boxen nach fünf Jahren schrottreif sind, weil dann ihr Sicherheitszertifikat ausläuft. Das Konnektor-Sterben wird bald beginnen, zeigt eine Kleine Anfrage der Grünen, die Handelsblatt Inside vorliegt. Ab September 2022 werden die ersten Konnektoren unbrauchbar, bis Ende 2023 sind es voraussichtlich 39 Prozent aller Geräte.

Geschätzte zwei Milliarden Euro Kosten – bis jetzt

Vertreter der ohnehin wegen der Coronakrise finanziell angeschlagenen gesetzlichen Krankenversicherung, die die Konnektoren für Ärzte und Co. bezahlen muss, toben. Dass es einen moderneren Konnektor geben muss, daran gibt es keinen Zweifel. Doch hätte man auf diesen warten oder andere Regeln für die Erstattung einführen sollen. Die Politik war zwar nicht maßgeblich für die fehlende Erneuerbarkeit der Konnektor-Zertifikate verantwortlich, wollte aber Tempo in das Projekt bringen und nicht auf einen Zukunftskonnektor warten.

Zwei Milliarden Euro haben schätzungsweise schon bis jetzt die Ausstattung und der Betrieb mit den alten Konnektoren gekostet. Bis der Zukunfskonnektor startet, müssen noch weitere tausende Ärzte und Apotheker angeschlossen werden. „Die Kosten für die Ausstattung mit Hardware-Konnektoren sind viel zu hoch. Das ist nicht im Sinne der Beitragszahler“, findet etwa Martin Litsch, Chef des AOK-Bundesverbands.

Der Konnektor wird so zur Inkarnation des Widerstands gegen Spahns Digitalisierungspläne. Der Digitalisierung wolle man sich gar nicht verweigern, aber Spahns Mittel werden infrage gestellt. Das gilt beispielsweise auch für Notfalldatenmanagement und Medikationspläne, die erst seit Kurzem auf den eGK gespeichert werden. Jetzt plant der Minister bereits, diese Daten ab 2023 schrittweise von den Karten unabhängig zu machen – eine weitere doppelte Rechnung für die Kassen.

Das Relikt vergangener Zeiten soll seine Rolle als Datenspeicher verlieren.

Foto: Imago Images

Die größte Rechnung bleibt aber wohl der Konnektor – auch, weil es sein kann, dass einige Ärzte ein zweites Mal einen alten Konnektor finanziert bekommen müssen. Laut dem Entwurf für ein „Gesetz zur digitalen Modernisierung von Versorgung und Pflege“ (DVPMG) soll der Zukunftskonnektor 2023 zur Verfügung stehen. Dann aber sind die ersten alten Konnektoren wie erwähnt nicht mehr funktionsfähig.

Bislang hatten die politisch Verantwortlichen damit versucht zu besänftigen, dass immerhin die neuen Konnektoren auf Softwarebasis deutlich günstiger würden. Doch Regierungs- und Industriekreise geben sich gegenüber Handelsblatt Inside sicher, dass man sich nicht vollständig von Hardware verabschieden könne. Mindestens brauche es ein sicheres Hardware-Element für die digitale Identität, also beispielsweise einen Chip im Computer, auf den andere Programme nicht zugreifen können.

SPD-Koalitionär Dirk Heidenblut geht noch weiter: „Ich glaube nicht, dass wir den Hardware-Konnektor so schnell einfach abschaffen können. Das wäre aus Gründen der Datensicherheit nicht zumutbar.“ Zudem sorgt man sich um die Betriebssicherheit. Den gesamten TI-Zugang einer Praxis über eine Software laufen zu lassen, sei, als „schieße man sich mit der rechten Hand in das linke Knie“, sagt ein Insider.

Von der Gematik hieß es hingegen auf Anfrage, dass eine solche Lösung denkbar sei. Dabei würden nicht ganze Netzwerke angeschlossen, sondern jeweils einzelne Dienste angesprochen: „Solche Lösungen ermöglichen es besser, dem Kommunikationsbedarf mit anderen Diensten im Internet entgegenzukommen, zum Beispiel Videosprechstunde oder Fernwartung der Praxis-IT-Infrastruktur.“ Zur finanziellen Frage könne noch keine Aussage getroffen werden.

Anschuldigung in interner Sitzung

Fragwürdig erscheint auch, ob die Industrie innerhalb eines halben Jahres aus einem Konzept tatsächlich ein einsatzfähiges System schaffen kann – sofern die Gematik den Zukunftskonnektor nicht selbst bauen will. Denn die Gesellschaft soll die technischen Vorgaben erst Mitte 2022 fertigstellen.

Unternehmensvertreter berichteten Handelsblatt Inside von einem kürzlich stattgefundenen Treffen zwischen der Gematik und den Industriespitzen, bei dem straffe Zeitpläne wie diese zur Eskalation geführt hätten. Ein Gematik-Vorstand soll den Managern dabei angedroht haben, die Pläne einhalten zu müssen, ansonsten gebe es umfassende, teure Konsequenzen durch Minister Spahn.

Die Industrie müsse einfach mehr Ressourcen für die Projekte einplanen. Ein Unternehmenschef soll geantwortet haben: Er könne mit einer Frau ein Kind zeugen, dann dauere bis zur Geburt neun Monate. Er könne aber nicht mit neun Frauen ein Kind zeugen und erwarten, dass es dann einen Monat dauere.


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