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Autonomes Fahren Nach Milliardenverlust für Daimler und BMW: Kartendienst Here verspricht erstmals Gewinne

Das defizitäre Unternehmen Here soll den Rückstand der deutschen Autobauer beim autonomen Fahren aufholen. Nun soll die Wende kommen – mit einem Ansatz, den Tesla-Chef Musk verschmäht.
21.10.2020 - 16:13 Uhr
Die präzisen Geodaten von Here sind der vielleicht größte Hoffnungswert für die deutschen Autobauer im Rennen ums autonome Fahren. Quelle: Corbis/Getty Images
3D-Karte

Die präzisen Geodaten von Here sind der vielleicht größte Hoffnungswert für die deutschen Autobauer im Rennen ums autonome Fahren.

(Foto: Corbis/Getty Images)

München Krisen wirken oft reinigend. Die Autoindustrie ist dafür gerade ein gutes Beispiel. Jahrelang schwärmten Daimler, BMW und Volkswagen davon, sich zu Mobilitätsdienstleistern zu wandeln. Jetzt ist in den Konzernzentralen von dieser Strategie keine Rede mehr. „Fokus aufs Kerngeschäft“, lautet das neue Mantra in einer Branche, die mit der Corona-Pandemie und dem Ausstieg aus der Verbrennertechnik gleich zwei Mammutaufgaben gegenübersteht.

Einstige Hoffnungsträger wie Carsharing und Park-Apps gelten in diesem neuen Umfeld als Bremsklötze. Wer kann, wirft Ballast ab. Insbesondere unrentable Randgeschäfte stehen auf dem Prüfstand. Das gilt auch für Here Technologies. Ein Konsortium aus fünf deutschen Autokonzernen hält die Mehrheit an dem Kartendienst. Daimler, BMW, Audi, Bosch und Continental wollen mit Here eigentlich Standards beim autonomen Fahren setzen und so Google und Tesla Paroli bieten.

Das Problem: Seit der 2,6 Milliarden Euro schweren Übernahme Ende 2015 hat die frühere Nokia-Tochter ihren deutschen Gesellschaftern durchgehend Verluste eingebrockt. Kumuliert über vier Jahre beträgt das Minus mehr als 1,1 Milliarden Euro. Der Umsatz stagniert.

Corona-bedingt mussten die Inhaber der Technologiefirma zuletzt sogar noch ein Darlehen von bis zu 150 Millionen Euro gewähren. Wird Here also zum Milliardengrab für die heimischen Autoriesen?

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    Mitnichten, versichert Edzard Overbeek. Der Here-Chef kündigt im Gespräch mit dem Handelsblatt vielmehr die baldige Ertragswende an. „Wir sind sehr nahe dran, nachhaltig Gewinne zu schreiben“ bekundet Overbeek. „Unser Plattformgeschäft nimmt enorm an Fahrt auf. Abhängig von der Covid-Situation werden wir 2021 oder 2022 nachhaltig profitabel sein.“

    Gelingen soll das, indem Here unabhängiger von der Autoindustrie wird. Die Firma verdient ihr Geld seit jeher mit geografischen Daten, die vorwiegend in Pkw-Navigationsgeräten zum Einsatz kommen. Bis heute haben acht von zehn Autos, die auf europäischen oder amerikanischen Straßen unterwegs sind, Technik von Here an Bord.

    Das soll auch so bleiben. Doch Overbeek arbeitet parallel daran, Hunderte weitere Anwendungsfälle rund um ortsbezogene Daten zu konzipieren. „Dank des Einsatzes von Künstlicher Intelligenz und Computer-Vision können wir heute nicht nur Straßen und deren Umgebung digital vermessen, sondern auch das Innere von Flughäfen, Supermärkten, Krankenhäusern, Bürogebäuden, Fabriken oder Lagerhallen“, erklärt der 53-jährige Niederländer. Mittlerweile sei sein Konzern in der Lage, ganze Städte in 3D-Karten zu visualisieren.

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    Die Daten bezieht Here dabei von Städten, Autos, Smartphones oder Transportbehörden. Mehr als 100.000 Verträge hat der Konzern dafür mit öffentlichen Institutionen und privaten Unternehmen abgeschlossen. Das übergeordnete Ziel ist klar: „Wir kreieren ein digitales Abbild der physischen Welt“, sagt Overbeek.

    Straßen, Pflanzen, Gebäude und Gewässer werden in Echtzeit ebenso kartografisch festgehalten wie Fahrzeuge, Personen und Güter. Durch die millimetergenaue Vermessung des kompletten Globus sollen Roboter künftig problemlos Regale im Supermarkt befüllen können, Drohnen täglich Pakete vor unsere Haustüren liefern und autonom fahrende Autos unfallfrei Passagiere durch unsere Städte chauffieren. Und Here, so lautet der Plan, verdient an jeder Bewegung mit.

    Auch wenn vieles noch sehr visionär klingt, zeigt die Neuausrichtung des Geschäfts weg vom reinen Kartenlizenzgeber bereits Wirkung. Seit Anfang des Jahres bietet Here erstmals Kunden aus allen Industrien Geodaten über eine offene Softwareplattform an.

    Nach Jahren des Investierens muss der visionäre Cloud-Experte langsam liefern. Quelle: Here
    Here-Chef Edzard Overbeek

    Nach Jahren des Investierens muss der visionäre Cloud-Experte langsam liefern.

    (Foto: Here)

    „Die Nachfrage ist immens. Wir haben bereits gut 70 Verträge mit Unternehmen abgeschlossen, die unsere Plattform aktiv nutzen“, erläutert Overbeek. „Darüber hinaus erwägen gerade mehr als 180 Firmen, sich einen Zugang zu unserem Marktplatz zu kaufen. Wir sehen jede Menge Aktivität.“

    Expansion nach Asien

    Die Folge: Erzielte Here vor zwei Jahren noch fast 80 Prozent seines jährlichen Umsatzes von rund 1,1 Milliarden Euro mit Autokunden, liegt der Anteil aktuell bei kaum noch 65 Prozent. „Und unser Ziel ist, diesen Wert auf 50 Prozent zu reduzieren“, sagt Overbeek.

    Der Manager will die Verbreiterung seines Kundenstamms aber nicht als Rückzug aus dem Autogeschäft missverstanden wissen. Der Fahrzeugsektor bleibe „von strategischer Bedeutung“. Zugleich will Overbeek mit Kunden aus anderen Branchen, etwa aus der Telekommunikationsindustrie oder dem Transportgewerbe, schneller wachsen.

    Dazu passt, dass der Geodatendienst im Sommer seine Eigentümerstruktur mit zwei japanischen Großkonzernen auf neun Gesellschafter verbreitert hat. Über die Coco Tech Holding sicherten sich der Telekommunikationsanbieter NTT und die Mitsubishi Corporation (MC) gemeinsam 30 Prozent der Anteile.

    Das deutsche Autokonsortium reduzierte parallel seine Anteile merklich, hält über die There Holding aber nach wie vor mehr als 60 Prozent an Here. Die restlichen Inhaber sind der US-Chipriese Intel und der Elektronikspezialist Pioneer Corporation.

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    Mit den neuen Partnern NTT und MC will Here nun stärker nach Asien expandieren, erwirtschaftet der Konzern doch aktuell fast 90 Prozent seines Umsatzes in Europa und Nordamerika. „Jetzt haben wir alle Instrumente, um so schnell wie möglich zweistellige Wachstumsraten pro Jahr zu erzielen“, glaubt Overbeek. Gleichzeitig sucht der Manager noch ein oder zwei finale Investoren. „Die Gespräche dazu laufen, haben Sie etwas Geduld“, erklärt er.

    Der Manager hat einst beim US-Netzwerkspezialisten Cisco Systems Karriere gemacht und trug die Verantwortung für 25.000 Mitarbeiter. Here ist mit seinen 9200 Mitarbeitern deutlich kleiner. Aber Overbeek hat große Ziele, will mit dem Winzling selbst die Technologieriesen das Fürchten lehren.

    Here positioniert er dafür als Gegenentwurf zu Google. „Wenn Sie mit Ihren Daten zu uns kommen, entscheiden Sie allein, was damit passiert“, sagt Overbeek. „Google geht es darum, die Daten der Nutzer so gut wie möglich für Google zu monetarisieren. Wir sind dagegen an geteilten Umsätzen interessiert.“

    Der Suchmaschinenriese ist mit Google Maps neben Tomtom und Apple der größte Wettbewerber von Here bei ortsbezogenen Technologien. Als Alleinstellungsmerkmal nennt die Firma mit Verwaltungssitz in Amsterdam und großen operativen Zweigstellen in Berlin und Chicago die „unvergleichliche Präzision“ ihrer Karten.

    Google etwa konzipiert seine Maps-Dienste nach dem „Best-effort“-Ansatz für Verbraucher, bemüht sich also um größtmögliche Genauigkeit, ohne diese zu garantieren. Here dagegen verspricht ein vollständig vertrauenswürdiges System für Geschäftskunden. „Wir garantieren dabei, dass dort, wo wir es anzeigen, tatsächlich ein Baum steht oder gerade eine Baustelle den Verkehr einschränkt“, erklärt Overbeek.

    Seine Nutzer könnten sich darauf verlassen, dass alle Informationen akkurat sind. „Das ist der Unterschied“, betont Overbeek.

    Here verspricht ein vollständig vertrauenswürdiges System für Geschäftskunden. Quelle: HERE
    Verkehrsdaten

    Here verspricht ein vollständig vertrauenswürdiges System für Geschäftskunden.

    (Foto: HERE)

    Die präzisen Geodaten von Here sind der vielleicht größte Hoffnungswert für die deutschen Autobauer im Rennen ums autonome Fahren. Gemessen an den Testkilometern ist die Google-Tochter Waymo den heimischen Fahrzeugherstellern zwar weit enteilt.

    Mithilfe der hochauflösenden 3D-Karten von Here holt die Industrie aber nun zum Gegenangriff aus. Mercedes will beispielsweise im kommenden Jahr Kunden der neuen S-Klasse erstmals auf bestimmten Autobahnabschnitten in Deutschland hochautomatisiertes Fahren (Level 3) ermöglichen.

    Zwar ist der Weg bis zur technologischen Endstufe beim Einsatz von Roboterautos (Level 5) auch dann noch weit. Aber bei Geschwindigkeiten von bis zu 60 Kilometern pro Stunde dürfen sich die Fahrer der S-Klasse teils völlig vom Verkehrsgeschehen abwenden und an die Technik übergeben. Es wäre ein großer Schritt, der aus Sicht der deutschen Autobauer nur mit den Karten von Here sicher darstellbar ist.

    Elon Musk schmäht 3D-Karten

    Tesla-Chef Elon Musk hält 3D-Karten dagegen für eine „wirklich schlechte Idee“. Die Technik sei teuer und zögere den Durchbruch von Roboterautos nur unnötig hinaus. Ein Dutzend Sensoren sowie einige Kameras im Fahrzeug reichten aus, um den vorausliegenden Straßenverlauf, alle Vorschriften und etwaige Gefahren zu antizipieren.

    „Ich habe großen Respekt vor Elon Musk, aber er vertritt einen Standpunkt beim autonomen Fahren, den niemand sonst in der Industrie teilt“, kontert Here-Chef Overbeek: „Jede Auto-, Truck- und Robotikfirma ist davon überzeugt, dass es so viele verschiedene Systeme wie möglich braucht, damit wir eines Tages fahrerlos fahren können. Der Grund: Wenn ein System ausfällt, springt stets ein anderes als Sicherheitsnetz ein und verhindert so einen möglichen Unfall.“

    So oder so steht Here unter Druck. „In Zeiten, in denen das Geld in der Autoindustrie knapp wird, müssen sich solche Zuschussgeschäfte doppelt rechtfertigen“, konstatiert Stefan Bratzel. Der Direktor des Center of Automotive Management (CAM) in Bergisch Gladbach glaubt aber, dass die heimischen Fahrzeughersteller bei Here geduldiger sein werden als bei anderen verlustreichen Beteiligungen.

    „Hochauflösende Karten sind enorm wichtig in der Wertschöpfungskette für eine ganze Reihe von Shared Services. Mein Gefühl ist, dass man dieses Geschäft nicht gänzlich Google oder Baidu überlassen will“, erklärt Bratzel. Zu sehr in Sicherheit wiegen sollte sich Here-Chef Overbeek aber nicht. Nach Jahren des Investierens muss der visionäre Cloud-Experte langsam liefern.

    Mehr: Daimler und BMW sprechen über Verkauf ihres Mitfahrdienstes an Uber.

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