Beratung: Roland Berger baut Sanierungsgeschäft aus und um
Stefan Schaible, Chef Deutschlands größter Beratung, geht von einem Milliardenumsatz aus – und muss trotzdem die Leitung seiner wichtigsten Sparte neu besetzen.
Foto: IMAGO/IPONDüsseldorf. Die Geschäfte bei Roland Berger laufen besser als je zuvor. Stefan Schaible, Chef von Deutschlands größter Strategieberatung, erwartet für das laufende Jahr „zum ersten Mal in unserer Geschichte einen Umsatz von rund einer Milliarde Euro“. 2023 sei für Roland Berger ein sehr erfolgreiches Jahr gewesen, das dritte in Folge: „Wir sind national und international weiter gewachsen“, bekräftigt Schaible.
Ein Dreh- und Angelpunkt für den Erfolg ist das traditionsreiche Restrukturierungsgeschäft. In diesem Segment genießt die Beratung mit Sitz in München nach einer Analyse der Wissenschaftlichen Gesellschaft für Managementberatung (WGMB) nach wie vor die größte Reputation in Deutschland.
Die Sparte soll nun nach Informationen des Handelsblatts aus- und umgebaut werden. Grund dafür ist – neben der aktuell steigenden Nachfrage nach Restrukturierungsexperten – der überraschende Abgang von Sascha Haghani. Zum Ende des Jahres wird er die Gesellschaft verlassen und sich auf Aufsichtsratsmandate und unternehmerische Tätigkeiten konzentrieren, wie Stefan Schaible am Dienstagmorgen in einer internen Mitteilung verkündete.
Der 56-jährige Haghani ist ein Grandseigneur der Branche. Er leitet seit vielen Jahren das Restrukturierungsgeschäft bei Roland Berger und war einige Jahre auch Deutschlandchef. Doch schon im April hatte der Spitzenmanager die Leitung des Geschäfts in Deutschland, Österreich und der Schweiz an Torsten Henzelmann übergeben. Trotz der Anzeichen einer Demission hat Haghani die Restrukturierungssparte vorangetrieben. Noch im Februar verstärkte er diese mit dem Team der auf Interimsmanagement spezialisierten Beratung Candidus.
Der Konkurrenzkampf in der Beraterbranche spitzt sich zu
Den Rückzug Haghanis nutzt Schaible für eine Neuausrichtung. Das für Roland Berger „wichtige Beratungsfeld“ mit kriselnden Unternehmen soll ausgebaut und neu aufgestellt werden. „Der Bereich ist zentral für unser zukünftiges Wachstum“, sagt Schaible. „Er wird fortan von einem Expertenteam geleitet, welches inhaltlich differenzierter entlang der Kundenbedürfnisse aufgestellt ist.“ Damit bringe die Beratung auch eine neue Partnergeneration in die Verantwortung.
Das Segment Restructuring und Turnaround verantworten in Zukunft federführend Alexander Müller (50) und Adrian Pielken (39). Für Beratungsangebote aus den fünf weiteren Segmenten der sogenannten Plattform sind verantwortlich: Performance (Benedikt Rickmers), Transformation (Cyrus Asgarian), Investor Support (Christof Huth und Sven Kleindienst), Transaction Services (Patrick Heinemann) und M&A/Financial Advisory (Jörg Eschmann).
Der scheidende Leiter der Restrukturierungssparte, Sascha Haghani, hatte bereits im April das Deutschlandgeschäft abgetreten.
Foto: German Select/Getty ImagesDie Neuausrichtung erfolgt aus mindestens einem weiteren Grund: Der Konkurrenzkampf der Berater hat sich in den vergangenen Monaten in diesem Segment zugespitzt. Die drei international führenden Strategieberatungen McKinsey, Boston Consulting Group und Bain hatten in ihre entsprechenden Sparten investiert. Spezialisierte Beratungshäuser wie Alix Partners, Alvarez & Marsal sowie FTI/Andersch traten zudem aggressiver am Markt auf.
Die Berater wollen so retten, was noch zu retten ist – und zwar auch in Hinblick auf das eigene Geschäft. In einer wirtschaftlich angespannten und unsicheren Lage geraten erstens ihre Honorare und damit ihre hohen Margen unter Druck. Zudem sinkt die Nachfrage nach Boomthemen wie Nachhaltigkeit, Diversität und auch Digitalisierung. In den Vordergrund rücken in vielen Firmen: Liquiditätssicherung, Ergebnisverbesserung und Restrukturierung bis Sanierung.
Roland Berger wächst stärker als die größere Konkurrenz
Es gilt die Formel: viel Krise, viel Restrukturierung. So geraten in Deutschland gerade wegen der Konjunkturflaute und steigender Kreditzinsen immer mehr Firmen in Schwierigkeiten – und haben entsprechenden Beratungsbedarf.
Schaible will nun mit dieser inhaltlichen wie personellen Neuaufstellung die Grundlage dafür legen, dass der Wachstumskurs von Roland Berger fortgesetzt wird. Die Umsatzmarke von zwei Milliarden Euro soll laut CEO in den nächsten fünf Jahren geknackt werden.
Das muss nun ohne Haghani gelingen, bei dem sich der langjährige Weggefährte Schaible im internen Schreiben überschwänglich verabschiedete: „Heute wende ich mich an Sie, um Danke zu sagen an einen ganz besonderen Kollegen – Sascha Haghani! In den letzten drei Jahrzehnten hat Sascha in verschiedenen Rollen maßgeblich zu unserem Erfolg beigetragen.“
Mit einem derzeitigen Umsatz von einer Milliarde Euro ist Roland Berger im internationalen Vergleich zwar immer noch klein. Schließlich machen die drei international führenden Strategieberatungen ein Vielfaches an Geschäft. Zudem sind die führenden Köpfe von McKinsey, Boston Consulting Group und Bain bestens in der deutschen Wirtschaft vernetzt.
Doch ließen deren Wachstumszahlen zuletzt zu wünschen übrig. Statt wie in den Jahren 2020 und 2021 satt zweistellig legten sie 2022 nur noch einstellig oder knapp zweistellig zu. Ähnlich soll es den Prognosen zufolge 2023 laufen. Wachstum ist für Beratungsgesellschaften wegen der pyramidenartigen Struktur mit vielen jungen Beratern und wenigen Senior-Beratern sehr wichtig.
Ähnlich stark wie Roland Berger, die für 2022 ein Plus von 18 Prozent verzeichneten, entwickeln sich auch die nächstgrößeren Managementberatungen deutschen Ursprungs: Simon-Kucher aus Bonn und Horvath aus Stuttgart. Sie legten 2022 jeweils um 21 Prozent auf 535 beziehungsweise 265 Millionen Euro zu.