Morning Briefing: 200 bis 400 Milliarden Euro neue Schulden – sonst „rutscht uns Deutschland weg“
Höhenflug: Nvidia-Zahlen übertreffen Erwartungen, die Prognose nicht
Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,
der anhaltende Boom bei Künstlicher Intelligenz (KI) hat Nvidia einen weiteren Wachstumsschub beschert. Der weltgrößte Anbieter von KI-Spezialprozessoren gab am Mittwoch für das dritte Quartal einen Umsatzanstieg im Jahresvergleich von 94 Prozent auf 35,1 Milliarden Dollar bekannt. Der Gewinn habe sich auf 0,78 Dollar je Aktie mehr als verdoppelt. Beide Kennziffern übertrafen die Erwartungen der Analysten.
Zugleich hatten sich Anleger einen noch höheren Umsatzzuwachs und eine noch bessere Prognose für das laufende Quartal erhofft. Nvidia-Aktien gaben im nachbörslichen Geschäft der Wall Street knapp drei Prozent nach.
Die Spitzen des Europäischen Parlaments haben sich auf die Mitglieder der künftigen EU-Kommission geeinigt. Dies gaben Sprecher der drei größten politischen Gruppen am Mittwochabend bekannt. Das Parlament muss nun noch alle 26 Kommissare formell bestätigen, was voraussichtlich nächste Woche geschehen soll. Damit könnte das neue Team um EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen voraussichtlich im Dezember die Arbeit aufnehmen – fünf Monate nach der Europawahl.
Streit gab es in den vergangenen Wochen vor allem um den italienischen Kommissaranwärter Raffaele Fitto. Mit ihm würde zum ersten Mal ein Politiker der rechten italienischen Partei Fratelli d'Italia zu einem der Vizepräsidenten der EU-Kommission ernannt werden. Die Gruppe der Sozialisten und Sozialdemokraten (S&D) wollte aber nicht, dass ein rechter Politiker eine so herausgehobene Position bekommt.
Das Mitte-Rechts-Bündnis EVP weigerte sich wiederum zunächst, die derzeitige spanische Umweltministerin und Sozialistin Teresa Ribera zu bestätigen. Sie soll als Vizepräsidentin für Wettbewerbspolitik und den grünen Wandel zuständig werden. Rechte Abgeordnete aus Spanien werfen ihr vor, die Bevölkerung im Oktober nicht rechtzeitig vor den Überschwemmungen in der Region Valencia gewarnt zu haben.
Neue Folge unserer täglichen Telenovela „Olaf oder Boris – eine Partei zwischen zwei Männern“: SPD-Chef Lars Klingbeil hat eine baldige Entscheidung in der SPD zur Frage der Kanzlerkandidatur angekündigt, einen genauen Zeitpunkt aber weiter offen gelassen. Im Podcast mit „Bild“-Journalist Paul Ronzheimer sagte Klingbeil: Er horche gerade in die Partei hinein, um ein Stimmungsbild zu erfassen. Seine Aufgabe in den nächsten Tagen sei es Geschlossenheit herzustellen, sodass alle eine Entscheidung der Parteiführung mittrügen.
Klingt für mich nicht so, als würde sich Klingbeil für seinen erklärten Wunschkandidaten Olaf Scholz ins sozialdemokratische Schwert stürzen wollen. Deutlich nibelungentreuer klingt SPD-Generalsekretär Matthias Miersch. Dem Portal web.de sagte er: „Olaf Scholz ist Bundeskanzler und wird auch wieder Kanzlerkandidat der SPD werden.“
Falls Sie verstehen wollen, warum derzeit so viele in der SPD von Boris Pistorius träumen: Diese Grafiken zeigen es.
Wer auch immer die kommende Bundesregierung anführt: Die Debatte um die Schuldenbremse wird ihm erhalten bleiben. In einer für Manager eher untypischen Wortmeldung fordert der Chef der Unternehmensberatung Roland Berger, das Thema noch vor der Wahl abzuräumen: „Die beiden noch verbliebenen Regierungsparteien SPD und Grüne haben zusammen mit der CDU mehr als zwei Drittel der Sitze. Sie könnten gemeinsam die Aussetzung der Schuldenbremse beschließen“, sagte Stefan Schaible meiner Kollegin Tanja Kewes.
Laut Schaible hat Deutschland beim Schuldenstand „fünf bis zehn Prozentpunkte Luft“: „Wir könnten und sollten 200 bis 400 Milliarden Euro neue Schulden machen und in den nächsten fünf bis zehn Jahren ausgeben.“
Schaibles Wunschliste: Mehr Geld für Verteidigung, Infrastruktur, Bildung und Nachhaltigkeit. Seine Befürchtung, wenn das nicht geschieht: „Deutschland rutscht uns weg. Deutschland zeigt zu wenig Wachstum und droht ins Siechtum zu gleiten.“
Als Reaktion auf zahlreiche unbesetzte Schulleiterstellen senkt Sachsen-Anhalts Bildungsministerin Eva Feußner (CDU) die Anforderungen an Bewerber. Findet das Landesschulamt in einem Besetzungsverfahren keinen ausgebildeten Lehrer, darf es in einem zweiten Anlauf auch die Bewerbung von Seiteneinsteigern zulassen. Diese müssen allerdings eine mindestens fünfjährige Unterrichtserfahrung vorweisen. Das berichtet die Mitteldeutsche Zeitung unter Berufung auf einen Sprecher des Bildungsministeriums.
Der Hauptgrund für den entsprechenden Erlass, der bereits Ende Oktober in Kraft getreten ist: Personalmangel. Aktuell sind laut Bildungsministerium in Sachsen-Anhalt 55 öffentliche Schulen ohne regulären Schulleiter, was einem Anteil von sieben Prozent entspricht.
Im dritten Quartal des Jahres haben Unternehmen weltweit gut 431 Milliarden Dollar an Dividenden ausgeschüttet – mehr als je zuvor. Damit zeichnet sich nach 2023 ein weiteres Rekordjahr für Gewinnbeteiligungen ab: Das britische Fondshaus Janus Henderson erwartet auf Jahressicht Ausschüttungen an Aktionäre in Höhe von 1,73 Billionen Dollar. Das wären vier Prozent mehr als im Vorjahr.
Starke Kürzungen bei einigen großen Unternehmen dämpften laut Janus Henderson allerdings das Wachstum der Dividenden. Daher musste auch Janus Henderson seine bisherige Jahresprognose für die Gesamtsumme an Dividenden leicht nach unten korrigieren.
Für Anleger ist natürlich die prozentuale Dividendenrendite viel wichtiger als die absolute Höhe der Ausschüttungen, aber auch ein Blick auf die absolute Rangliste zeigt ein interessantes Muster: Die drei Spitzenreiter sind allesamt chinesische Unternehmen. Der erste westliche Konzern folgt erst auf Platz vier mit Microsoft.
Und während beim Erstplatzierten China Construction Bank die Quartalsausschüttung von 13,5 Milliarden Dollar einer jährlichen Dividendenrendite von rund fünf Prozent entspricht, kommt Microsoft mit 5,6 Milliarden Dollar auf gerade mal 0,7 Prozent Dividendenrendite.
Heißt im Umkehrschluss: Microsoft-Aktien werden weiterhin vor allem wegen der Hoffnung auf weitere Kurszuwächse gekauft, nicht wegen der laufenden Ausschüttungen.
Das Beste an den bevorstehenden vier Jahren unter Präsident Donald Trump ist in den Augen vieler US-Bürger: Es werden garantiert nur vier sein, danach darf Trump nicht noch einmal antreten. Wie wäre es, wenn man sich bis dahin einfach ausklinken könnte aus allem, was in den USA passiert?
Aus dieser Wunschvorstellung überzeugter Demokraten-Wähler hat das US-Kreuzfahrtunternehmen Villa Vie Residences ein passendes Angebot gezimmert, wie unter anderem der „Spiegel“ berichtet: Unter dem Motto „Skip Forward“ bietet die Firma eine vier Jahre dauernde Kreuzfahrt an. 425 Häfen in 140 Ländern sollen dabei an Bord eines 32 Jahre alten Schiffs mit dem passenden Namen „Odyssey“ angesteuert werden. Kosten der Reise: ab 160.000 Dollar pro Person.
Wenn ich unseren Silicon-Valley-Korrespondenten glauben darf, ist das nur unwesentlich mehr Geld als ein Wochenendeinkauf bei „Whole Foods“ in San Francisco kostet – und auf der Odyssey-Kreuzfahrt dürfte es ähnlich wenige Republikaner geben wie im Bio-Supermarkt.
Ich wünsche Ihnen einen preisbewussten Donnerstag.
Herzliche Grüße
Ihr
Christian Rickens
Textchef Handelsblatt
PS: Ein aufmerksamer Leser hat mich darauf hingewiesen, dass sich der Taubendreck-Zwischenfall in einer Stuttgarter Tiefgarage bereits in der Nacht von Samstag auf Sonntag zugetragen habe, nicht wie von mir geschrieben auf Montag.