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Atomkraftwerke in DeutschlandDie letzten ihrer Art

Eon hat sich ganz der neuen Energiewelt verschrieben. 2000 Mitarbeiter müssen den Atomausstieg abwickeln – und damit ihren eigenen Job. Innenansichten eines Unternehmens mit begrenzter Laufzeit.Jürgen Flauger 06.01.2018 - 08:03 Uhr Artikel anhören

Der Maschinenbauingenieur arbeitet seit 28 Jahren im Kraftwerk Grafenrheinfeld.

Foto: Bernd Roselieb für Handelsblatt

Grafenrheinfeld/Hannover. Das Material, vor dem die Deutschen so große Angst haben, ist noch da. Es lagert unscheinbar in einem Wasserbassin, das mit seiner hellblauen Farbe an jeder anderen Stelle zum ausgelassenen Baden einladen würde. Unter der beigefarbenen Kuppel ist es wohlig warm und trocken, angenehm leise und sauber. Doch hier im Kontrollbereich des Kernkraftwerks Grafenrheinfeld, in der Nähe von Schweinfurt, würden sich nur wenige Menschen freiwillig aufhalten. Tief unten im Abklingbecken, umhüllt von 1.000 Tonnen Wasser, liegen noch immer etwa 600 nukleare Brennelemente, mit denen das Atomkraftwerk bis zur Schließung im Sommer 2015 Strom produziert hat. Und noch immer geben die Brennstäbe ihre gesundheitsschädliche Strahlung ab. Erst im kommenden Jahr sind die ersten Elemente so weit, dass sie in Castoren umgelagert und entsorgt werden können.

Etwa ein Dutzend Techniker bereitet jetzt schon den Rückbau im Innersten des Werks vor. Herbert Hockgeiger ist einer von ihnen. Er hat keine Angst. Der groß gewachsene Maschinenbauingenieur steht im roten Schutzanzug auf der obersten Plattform, direkt unter der gewaltigen Kuppel. Auf 29 Meter Höhe, rund zehn Meter über dem Abklingbecken. Auf dem Kopf sitzt ein gelber Schutzhelm, seine Hände stecken in weißen Stoffhandschuhen, über die Sicherheitsschuhe hat er Plastikhüllen gestülpt. Direkt neben dem Becken liegt der Reaktordruckbehälter, in dem am 9. Dezember 1981 die erste Kettenreaktion ausgelöst – und der am 27. Juni 2015 außer Betrieb genommen wurde.

Grafenrheinfeld ist eines von dreizehn Atomkraftwerken, die die Energiekonzerne in Deutschland gerade zurückbauen. Sieben weitere gehen bis 2022 vom Netz und müssen dann zurückgebaut werden. Gut 20 Jahre soll dieser Prozess dauern. Ein Prozess, der das Ende einer Ära in der Energiebranche besiegelt. Das Ende der Atomkraft.

„Leider hat Fukushima uns ein jähes Ende gesetzt“

Herbert Hockgeiger, 52, randlose Brille, graue Haare, arbeitet seit 28 Jahren in Grafenrheinfeld. Er tut, was er tun muss. Dabei ist er noch immer vom Sinn der friedlichen Nutzung der Atomkraft überzeugt. Er hat hier Ende der 1980er-Jahre angefangen, als Deutschland unter dem Schock des Tschernobyl-GAUs stand. Jahrelang hat er als Schichtleiter den Reaktor selbst „gefahren“, später dafür gesorgt, dass die Systeme von der Lüftungsanlage bis zum Notstromdiesel stets einwandfrei liefen.

Dann kam Fukushima. Es war der 11. März 2011, als ein Tsunami auch das Atomkraftwerk in der japanischen Stadt überrollte und es zu Kernschmelzen, Explosionen, Bränden kam. Große Mengen an radioaktivem Material wurden freigesetzt. Eine Katastrophe, nach der die Bundesregierung das endgültige Aus für die Atomkraft in Deutschland besiegelte – und damit Hockgeiger und seinen Kollegen die Arbeitsgrundlage nahm. „Leider hat Fukushima uns ein jähes Ende gesetzt“, sagt der Franke, „wir waren überzeugt, dass das richtig ist, was wir tun.“ Und eigentlich sind sie es heute immer noch.

Doch Zeit für Nostalgie bleibt auch Hockgeiger nicht. Der Ingenieur hat neue Aufgaben: Mit seinem Team Maschinentechnik, das vor Fukushima für die vorbeugende Instandhaltung der Maschinen, Armaturen und Pumpen im laufenden Betrieb zuständig war, plant er jetzt den geordneten Rückzug: Was wird wie lange noch benötigt? Was kann bald abgeschaltet werden? Wie können die Anlagen lange genug fit gehalten werden? „Das bringen wir jetzt sauber zu Ende“, sagt Hockgeiger.

Wir, das sind neben Hockgeiger etwa 2.000 weitere Mitarbeiter bei Preussen-Elektra. Das Unternehmen gehört zu Eon. Eigentlich hat sich der Energiekonzern 2016 komplett der Energiewende verschrieben. Konzernchef Johannes Teyssen hat das alte Kerngeschäft mit den Kohle- und Gaskraftwerken an die neue Uniper SE abgestoßen – und versucht mit erneuerbaren Energien, Netz und Vertrieb in der sauberen Energiewelt Fuß zu fassen.

Auch mit den strahlenden nuklearen Abfällen wollte Teyssen nichts mehr zu tun haben, die sollte Uniper direkt mit übernehmen. Die alte Bundesregierung durchkreuzte die Pläne aber jäh. Sie plante eigens ein Gesetz, um Eon nicht aus der Haftung zu entlassen. Die Atomkraftwerke blieben im Konzern, und deshalb gibt es neben der neuen Eon auch ein Unternehmen, das sich um die Altlasten kümmern muss. Um größtmögliche Distanz zu demonstrieren, bekam es den traditionsreichen, aber auch angestaubten Namen „Preussen-Elektra“ verpasst; Teyssen führt es nur noch als „Nicht-Kerngeschäft“.

Herausforderung für die Belegschaft

Preussen-Elektra hat die ebenso wichtige wie undankbare Aufgabe, die acht Kernkraftwerke, die Eon über Jahrzehnte betrieben hat, wieder abzuwickeln. Zwei alte Anlagen, Stade und Würgassen, sind schon fast vollständig zurückgebaut. Für sechs Anlagen, Isar 1 und 2, Brokdorf, Grohnde, Unterweser und Grafenrheinfeld wurde mit Fukushima das Aus besiegelt. Hierfür muss Preussen-Elektra den Rückbau penibel planen und umsetzen. Das wird Jahrzehnte dauern. Und weil drei der Anlagen noch am Netz sind, muss das Unternehmen auch noch den Restbetrieb sicherstellen.

Vor allem für die Belegschaft ist das eine Herausforderung: Während die 40.000 Mitarbeiter der neuen Eon in saubere Energien investieren und nach neuen Produkten für die 21 Millionen Kunden fahnden, müssen die 2000 Mitarbeiter von Preussen-Elektra ihren eigenen Arbeitsplatz abwickeln.

Es ist eines von acht Kernkraftwerken, die Preussen-Elektra abwickeln muss.

Foto: Bernd Roselieb für Handelsblatt

Vor der Zentrale in Hannover hängen Flaggen in den neuen Eon-Farben. Grün wie die Natur, Gelb wie die Sonne und Hellblau wie Himmel und Wasser. Ansonsten dominieren hier Dunkelblau und Weiß – die Farben von Preussen-Elektra.

„Eon ist hier recht weit weg“, sagt Preussen-Elektra-Chef Guido Knott. Er hat selbst jahrelang in der Konzernzentrale in Düsseldorf mit Vorstandschef Teyssen zusammengearbeitet. Jetzt hat er ein geräumiges Eckbüro in der Preussen-Elektra-Zentrale in Hannover und organisiert das „Nicht-Kerngeschäft.“ In Niedersachsen sind die meisten Standorte, von Hannover aus wurde das Geschäft schon geleitet, als es noch eine Zukunft hatte. Im Gegensatz zu Eon selbst, das in einem modernen, lichtdurchfluteten Gebäude residiert, wurde die Zentrale von Preussen-Elektra schon in den 1970er-Jahren mit viel Beton gebaut.

Knott empfand die „Kernis“ schon immer als eine eigene Spezies. Das Zusammengehörigkeitsgefühl war immer sehr ausgeprägt – genauso wie die Leidensfähigkeit. Jahrzehntelang wurden die Mitarbeiter für ihre Arbeit in der Bevölkerung geächtet, im Privatleben vermieden die meisten lieber das Gespräch über Job und Arbeitgeber. Regelmäßig mussten sie sich durch Demonstranten hindurch zu ihrem Kraftwerk kämpfen. Es kam sogar vor, dass Mitarbeiter per Hubschrauber auf das Reaktorgelände gebracht werden mussten. Das schweißt zusammen – und macht die jetzt anstehende Arbeit erträglicher.

„Kernenergie ist unser Leben“ – diesen Slogan hat Knott deshalb ausgegeben. Was soll man auch verschämt herumreden? Die meisten haben in der Kernenergie angefangen, immer in der Kernenergie gearbeitet und werden vermutlich bis zur Rente in der Kernenergie bleiben. „Wir erwarten von keinem, dass er den Ausstieg gutheißt, aber wir erwarten, dass er ihn akzeptiert“, sagt Knott.

Die ersten 21 Castoren sind schon befüllt.

Foto: Bernd Roselieb für Handelsblatt

Der 52-Jährige hat selbst lange gebraucht, den Atomausstieg zu akzeptieren. Bevor er 2016 die Leitung von Preussen-Elektra übernahm, hatte er für Eon die Abteilung Kommunikation und Politik geleitet. Der promovierte Wirtschaftswissenschaftler kämpfte 2010 in Teyssens Auftrag für eine Revision des Atomausstiegs und trotzte der Politik tatsächlich eine Verlängerung der Laufzeiten ab. Im folgenden Jahr – nach Fukushima – aber wurde die Revision binnen weniger Monaten erneut revidiert.

Jetzt verantwortet der Rheinländer von Hannover aus den endgültigen Rückzug. Was andere als Abwicklungsjob abtun, sieht er als wichtige Aufgabe: „Wenn es mir gelingt, ein würdevolles Ende der Kernenergie hinzubekommen – dann wäre ich mit meinem Werk sehr zufrieden.“

„Man darf nichts hinterhertrauern“

Eon-Chef Teyssen ist aber vor allem eines wichtig: die Zahlen. Obwohl es ein „Nicht-Kerngeschäft“ ist, bewegt Preussen-Elektra große Summen. Noch produzieren drei Atomkraftwerke günstig Strom, noch steuert die Gesellschaft fast 500 Millionen Euro zum operativen Ergebnis bei. Das Nettoergebnis war zuletzt aber „krachend negativ“. Der Atomausstieg ist eine Kraftanstrengung. Schon jetzt kosten Stilllegung und Rückbau 380 Millionen Euro pro Jahr – und die Kosten steigen mit jeder Anlage, die vom Netz geht. Im Sommer musste Eon 10,3 Milliarden Euro an den neuen Atomfonds überweisen, der sich um die Endlagerung des nuklearen Abfalls kümmern wird. Ebenfalls zehn Milliarden Euro hat Eon für den Rückbau der Atomkraftwerke und die Zwischenlagerung zurückgestellt.

Mehr darf es nicht kosten, eher weniger. „Es gibt die klare Erwartung von Johannes Teyssen, dass wir es schneller und besser schaffen als geplant“, sagt Knott.

Daran arbeitet Stephan Krüger. Der 54-Jährige leitet in der Zentrale in Hannover das „Performance Center Stilllegung und Rückbau“; er koordiniert den Abbau der acht Kernkraftwerke. Der Diplom-Ingenieur für Apparate- und Anlagenbau arbeitet seit 27 Jahren in der Kerntechnik – und war bis Fukushima selbst noch fest von der Zukunft der Kernenergienutzung überzeugt. Für Siemens und Areva hatte er neue Anlagen geplant, gebaut und in Betrieb genommen, hätte sogar für Eon fast noch ein Kernkraftwerk gebaut – in Großbritannien.

Vor und nach der Arbeit müssen alle einmal in die Metallkabine.

Foto: Bernd Roselieb für Handelsblatt

Der Ingenieur ist in Ostdeutschland aufgewachsen, hat in Magdeburg studiert und wurde geprägt vom unbekümmerten Umgang der DDR mit der Atomenergie. Aber Fukushima änderte auch für Krüger alles. Er sattelte zum Projektmanager für den Abriss der jetzt endgültig geächteten Technik um. Erst für Areva, seit zwei Jahren bei Preussen-Elektra. Und das macht er genauso akribisch wie zuvor die Planung neuer Anlagen. „Als Manager muss man so etwas ohne Emotionen machen“, sagt Krüger, „man darf nichts hinterhertrauern.“

In Krügers Büro hängen große Diagramme, die für jedes Kraftwerk einen Zeitstrahl vorgeben, was wann abgearbeitet sein muss. Sein Credo ist einfach: „Professionalisierung, Standardisierung, Effizienz, Vereinfachung.“ Bei den zwei Anlagen, die vor Fukushima vom Netz gingen, Stade und Würgassen, probierte sein Team noch viel aus. Jetzt plant er den Rückbau generalstabsmäßig.

Bei den drei Anlagen, die schon abgeschaltet sind, Isar 1, Unterweser und Grafenrheinfeld, sind für den Rückbau des nuklear kontaminierten Bereichs jeweils 13 Jahre geplant. 25.000 Tonnen werden dabei pro Anlage zum Teil in Kleinstarbeit chirurgisch abgebaut. Jedes auch nur schwach strahlende Stück kratzen die Arbeiter aus der Anlage heraus. Der Abriss des verbleibenden, konventionellen Teils geht viel schneller, dürfte dann in weiteren zwei Jahren abgeschlossen sein. Da fällt pro Anlage noch einmal knapp eine halbe Million Tonne Abfall an – vor allem Beton. Bei den drei Anlagen, die noch im Betrieb sind, Brokdorf, Grohnde und Isar 2, will Krüger schneller werden, hofft, den nuklearen Rückbau in zehn bis elf Jahren zu schaffen. Schließlich sei das „Copy-and-Paste“. „Wir machen jetzt mehrmals dasselbe – das ist der Traum eines jeden Projektmanagers“, sagt er.

„Wir erwarten von keinem, dass er den Ausstieg gutheißt, aber wir erwarten, dass er ihn akzeptiert.“

Foto: Preussen Elektra

Das Know-how beim Rückbau ist schon jetzt so ausgeprägt, dass Kollegen unter anderem aus der Schweiz, Brasilien, den Vereinigten Arabischen Emiraten oder Korea um Rat fragen. Die Einheit Preussen-Elektra Engineering macht aus der Not ein Geschäft und bietet Beratungsleistungen an. Das bringt ein wenig Geld ein – und ist unbezahlbar für die Moral.

Das wichtigste Ziel bleibt aber klar: Ende 2040 soll auch der letzte Reaktor, Isar 2, beseitigt sein. Dann soll an allen acht Standorten wieder eine grüne Wiese sprießen. Und die Preussen-Elektra GmbH aus dem Handelsregister gelöscht werden.

Das wird nicht nur ein logistischer und finanzieller Kraftakt. Es ist auch ein emotionaler.

Ein Mitarbeiter blickt auf den Reaktordruckbehälter hinab.

Foto: dpa

Für einen möglichen Unglücksfall ist alles gut vorbereitet.

Foto: Bernd Roselieb für Handelsblatt

Preussen-Elektra benötigt mit der Zeit immer weniger Mitarbeiter. Derzeit sind es noch etwa 2.000, in zehn Jahren werden es 1.000 sein – 2040 kein einziger mehr. Das Durchschnittsalter liegt bei 49 Jahren, viele werden rechtzeitig in Rente gehen. Wer aber Anfang 30 ist, wird den Absprung versuchen. Als Elektrotechniker, Mechaniker oder Projektmanager sollen die Kollegen auch in anderen Bereichen eine Zukunft haben.

Vor wenigen Wochen verabredete die Führung ein Zukunftspaket mit den Gewerkschaften, das erst einmal die Halbierung der Belegschaft regelt. Die Mitarbeiter verzichten auf Gehalt und Sozialleistungen – und bekommen im Gegenzug Arbeitsplatzgarantien über zehn Jahre. Selbst beim Abbau wird der Corpsgeist beschworen. Ältere Kollegen gehen früher in Ruhestand, damit jüngere nachrücken können.

Insgesamt werden so die Lohnkosten um 20 Prozent gekürzt. Im Gegenzug bekommen die Mitarbeiter aber Planungssicherheit. „Unsere Mitarbeiter haben für die kommenden zwei Jahrzehnte eine klar umrissene Aufgabe“, sagt Geschäftsführer Knott, „sie wissen mehr über ihre Zukunft als 98 Prozent der Wirtschaft.“ Die Digitalisierung wird noch ganz andere Jobs überflüssig machen, für den Rückbau der Kernkraftwerke werden aber bis 2040 die Fachkräfte gebraucht.

In Grafenrheinfeld wirkt das Kernkraftwerk von außen noch völlig intakt. Alles sieht aus wie vor zweieinhalb Jahren, als der letzte Strom produziert wurde. Die markante Kuppel steht noch, die zwei 143 Meter hohen Kühltürme ragen in den Himmel, auch der 160 Meter hohe Abluftkamin ist unberührt. Das Management überlegt, ob die Kühltürme vielleicht schon jetzt abgerissen werden sollen. Eigentlich sind sie erst viel später dran, aber es wäre ein Zeichen. Eines, das auch nach außen signalisiert, dass der Abriss begonnen hat. Dass die alten Zeiten vorbei sind, die vermeintliche Gefahr gebannt ist.

Einmal Kernenergiebefürworter, immer Kernenergiebefürworter.

Foto: Bernd Roselieb für Handelsblatt

Immer noch wird das Gelände hermetisch bewacht – mit Blick auf ungebetene Besucher und vor allem die Umwelt. Das Areal ist engmaschig umzäunt, wird von Sicherheitspersonal und Kameras geschützt. Schon auf das Gelände kommen Arbeiter und Besucher nur nach einer aufwendigen Sicherheitsüberprüfung. Vor dem eigentlichen Reaktorgebäude muss jeder noch einmal eine Schleuse passieren, in eine Kamera blicken und darf die zweite Schiebetür nur nach einem Abgleich mit dem Personalausweis durchschreiten.

Rings um das Gelände überwachen Messstationen permanent, dass bei Abluft und Abwasser aus der Anlage die Grenzwerte für die Strahlenbelastung eingehalten werden. Und die Mitarbeiter, die in den Kontrollbereich, also zum Reaktor, wollen, müssen sich vor jedem Besuch komplett umziehen und schon vor dem Eintritt ihre Strahlenbelastung kontrollieren lassen.

Das macht auch Herbert Hockgeiger so. In seine Schutzkleidung gepackt tritt er in eine Metallkabine, ähnlich einem Körperscanner am Flughafen, stellt sich eng an die Vorderwand, streckt die Hände nach oben in zwei Ausbuchtungen, wo besonders empfindliche Sensoren sitzen. Dann das Gleiche noch einmal von der Rückseite. Erst danach gewährt die Sicherheitsschleuse Einlass in das Innere.

Grenzwert wird selten erreicht

Immer in seiner Tasche steckt, wie bei den anderen Kollegen auch, ein Dosimeter. Das Messinstrument, klein wie eine Zigarettenschachtel, dunkelgrau und mit einem LCD-Display versehen, misst die Strahlenbelastung penibel weiter. Nach seiner Schicht zieht Hockgeiger sich bis auf die Unterwäsche aus, lässt die Arbeitskleidung im Sicherheitsbereich zurück und durchläuft die Strahlenüberprüfung erneut. Ertönt die Ansage „keine Kontamination“, darf er gehen.

Die Sicherheit steht über allem. Pro Jahr ist eine Strahlenbelastung von 20 Millisievert zulässig. Das ist nur fünfmal so viel, wie ein Deutscher im Schnitt ohnehin pro Jahr aufnimmt. Aber der Grenzwert wird nur in Ausnahmefällen erreicht. Im Mittel nehmen die Beschäftigten in Kernkraftwerken pro Jahr 0,86 Millisievert auf. Auch das wird penibel erhoben – im Strahlenschutzregister des Bundesamts für Strahlenschutz. Die Dosimeter-Werte kontrolliert einmal im Monat das Helmholtz-Zentrum in Neuherberg nördlich von München.

Noch sieht man den Rückbau nur auf den zweiten Blick.

Foto: Bernd Roselieb für Handelsblatt

Hinter den Sicherheitsschleusen des Kraftwerks wirkt auf den ersten Blick alles wie im Regelbetrieb, dabei hat kaum ein Mitarbeiter mehr die gleiche Aufgabe wie früher. Alle arbeiten am Rückbau. Da tüftelt einer an einer neuen Lüftungsanlage, der früher von der Warte aus den Reaktorbetrieb überwacht hat. Oder eine Schichtleiterin an der Kontrollwarte wird zur Kommunikationsleiterin.

Auch für Maschinentechniker Hockgeiger und sein Team gibt es nach und nach weniger Systeme, die sie überprüfen und für deren Instandhaltung sie sorgen müssen. Dafür müssen sie entscheiden, welche Komponenten, welches Lagermaterial überhaupt noch benötigt werden, ob man sie vielleicht anderweitig verwenden oder sogar schon zum Verkauf freigeben kann. Und Hockgeiger ist bei der Planung der neuen Bereitstellungshalle beteiligt, in der schwach- und mittelradioaktiv verseuchter Abfall, der beim Abriss anfällt, zwischengelagert wird.

230 Leute arbeiten im Moment noch in Grafenrheinfeld. 300 waren es im Leistungsbetrieb, Ende 2020/Anfang 2021 sollen es nur noch 150 sein. Sie werden den entscheidenden Moment des Rückbaus erleben: die „Brennelementefreiheit“. Dann wird auch das letzte Brennelement aus dem Abklingbecken entfernt und in einen Castor verpackt sein. Ab da kann der Abriss schneller gehen.

„Kernspaltung ist verdammt intelligent, im Vergleich zur Kohleverbrennung“

Solange aber Deutschland noch kein Endlager für den radioaktiven Abfall gefunden hat – noch hat die Suche nicht einmal begonnen –, bleiben die Brennelemente im „Bella“, dem Brennelementelager. So lange wird Grafenrheinfeld wohl auch seinen Schrecken in der Öffentlichkeit nicht verlieren, schließlich schlummert die Gefahr, wenn auch abgemildert, noch in den Behältern. Das „Bella“, 70 Meter lang, 40 Meter breit und 20 Meter hoch, steht nur 70 Meter östlich des Reaktorgebäudes.

In Informationsveranstaltungen konzentrieren sich die Ängste der Anwohner inzwischen auf den unscheinbaren, riesigen Quader. Und auch sicherheitstechnisch ist das „Bella“ inzwischen der sensibelste Bereich: Fotos aus dem Inneren sind nicht erlaubt. In Halle eins stehen schon die ersten 21 befüllten Castoren, je drei in einer Reihe, 33 werden noch dazukommen. In jedem der blauen Behälter, sechs Meter hoch, zweieinhalb Meter Durchmesser, sind 19 Brennelemente enthalten, jedes wiegt 800 Kilogramm.

Thomas Rust teilt die Angst vor dem „Bella“ nicht. So, wie die meisten Mitarbeiter in Grafenrheinfeld. Rust, 51, grauer Bart und grauer Pferdeschwanz, könnte wohl auf eine Antiatomdemo gehen, ohne aufzufallen. Dabei leitet er Technik und Betrieb des Zwischenlagers und muss den Schutz der Bevölkerung sicherstellen, wenn die Brennelemente den Reaktor verlassen haben. Für ihn sind die Castoren High-End-Produkte. Aus einem Stück gegossen mit einer Wandstärke von 45 Zentimetern. Die Brennelemente sind von Helium umgeben, der Druck im Inneren wird permanent überwacht. Würde der Druck zu sehr fallen, würde sofort Alarm ausgelöst. „Aber selbst dann bräuchte niemand aufzuschrecken“, sagt Rust voller Überzeugung, „wir haben ja noch einen Deckel.“ „Doppeldeckeldichtsystem“ heißt das Konzept, auf das er so stolz ist. Es bliebe genug Zeit, um die Brennelemente umzulagern. Aber das sei auch nur theoretisch nötig: „Weltweit wurden schon Tausende Castoren beladen – und keiner war bisher undicht.“ Die Bevölkerung beruhigt das trotzdem nicht.

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Noch ist die Strahlung im Inneren der Castoren so hoch, dass die blauen Kolosse außen spürbar warm sind. Die Strahlenbelastung im Zwischenlager sei aber deutlich unter den Grenzwerten – Neutronen und Gammastrahlen würden schon von den dickwandigen Castoren ausreichend abgeschirmt, betont Rust. Die Luft, die über die Lüftung entweicht, sei „absolut clean“: „Der Einfluss auf Natur und Menschen geht gegen null.“

Was den Deutschen so viel Angst bereitet, ist für den Kraftwerksingenieur für chemisch-technische Verfahren alles reine, kalkulierbare Physik: „Kernspaltung ist verdammt intelligent, im Vergleich zur Kohleverbrennung“, sagt er. Einmal Kernenergiebefürworter, immer Kernenergiebefürworter.

Im Herzen sind sie das wohl alle noch, hier in Grafenrheinfeld, Hockgeiger wie Rust und all die anderen. Doch ihre Tränen seien getrocknet, sagen sie. Sie fügen sich in ihr Schicksal. Jetzt haben sie eine neue Aufgabe. So sind sie, die Kernis. Es wird nicht gehadert, wo hadern nichts bringt. Es soll schließlich ein Abschied in Würde werden.

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