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EnergiewendeStrom wird billiger, aber Kosten steigen

Beim Handelsblatt Energie-Gipfel diskutieren Klimaschützer mit Industrievertretern über die hohen Energiekosten und den Weg zur Klimaneutralität. In einem Punkt sind sie sich erstaunlich einig.Silke Kersting, Catiana Krapp 24.01.2025 - 10:06 Uhr Artikel anhören
Kerstin Maria Rippel: Die Hauptgeschäftsführerin der Wirtschaftsvereinigung Stahl kritisierte auf dem Handelsblatt Energie-Gipfel die hohen Netzentgelte für die Industrie. Foto: Dietmar Gust

Berlin. Die Abkehr vom Klimaschutz in den USA nährt Sorgen in Deutschland: Kann sich die Industrie die Energiewende leisten, oder wird die Transformation zur Kostenfalle? Der neue US-Präsident Donald Trump hatte mit seinem Amtsantritt am Montag erklärt, erneut aus dem Pariser Klimaabkommen auszutreten, und verbot Offshore-Windparks an den amerikanischen Küsten. Beim Handelsblatt Energie-Gipfel diskutierten Industrievertreter und Klimaschützer am Mittwoch über die richtige Balance zwischen Industrie und Klimaschutz.

Denn die hohen Energiekosten in Deutschland sorgen für immer dringlichere Appelle der Industrie. Kerstin Maria Rippel, Hauptgeschäftsführerin der Wirtschaftsvereinigung Stahl, forderte, dass die Netzentgelte und damit die Strompreise sinken müssten. Die neue Bundesregierung müsse das Thema in den ersten 100 Tagen angehen.

Grundsätzlich wird Strom an der Börse durch einen steigenden Anteil erneuerbarer Energien günstiger, weil ihre Produktionskosten niedriger sind als die von Kohle- oder Gaskraftwerken. Davon profitieren Stromkunden allerdings nicht. Denn um erneuerbaren Strom zu transportieren, muss ein immer stärkeres Stromnetz gebaut werden. Dadurch fallen hohe Stromnetzkosten an, die als Netzentgelte auf die Stromkunden umgelegt werden.

Strompreise für Industrie steigen seit 2019

Eine Studie des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI) und der Beratungsgesellschaft BCG zeigt für industrielle Verbraucher einen Strompreisanstieg seit 2019. Das gilt vor allem für besonders energieintensive Unternehmen wie die Stahlindustrie, auch wenn diese bislang noch viel Kohle und Gas einsetzt.

Rippel machte klar, dass die Stahlindustrie günstigen Strom braucht, um die Klimatransformation zu bewältigen: „Für die Stahlindustrie bedeutet Transformation Elektrifizierung.“ Denn einige Stahlprozesse würden künftig direkt von Kohle auf Strom umgestellt. Für andere würde Wasserstoff benötigt – der auch aus Strom hergestellt werden muss, wenn er klimafreundlich sein soll.

Die Ampelregierung hatte schon einmal einen Versuch unternommen, die Netzentgelte staatlich zu subventionieren, war aber wegen des knappen Haushalts wieder davon abgerückt.

Gas in Europa viel teurer als in den USA

Hohe Energiepreise setzen die deutsche Wirtschaft zunehmend unter Druck. Um die Klimaziele zu erreichen, gibt es in der Europäischen Union eine begrenzte Anzahl sogenannter CO2-Zertifikate. Sie berechtigen Industrieunternehmen zum Ausstoß von Emissionen. Bis 2039 soll die Zahl dieser Zertifikate auf null sinken. Dann dürften bestimmte Wirtschaftszweige keine Emissionen mehr verursachen.

Die sinkende Zahl an CO2-Zertifikaten macht fossile Brennstoffe wie Gas immer teurer. Zudem haben sich die Gaspreise seit dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine stark erhöht, weil kein billiges russisches Pipelinegas mehr nach Deutschland gelangt.

Laut BCG-Studie ist der Verbraucherpreis für große Energieverbraucher wie die Grundstoffchemie von etwa 25 Euro pro Megawattstunde im Jahr 2019 auf mehr als 50 Euro pro Megawattstunde 2023 gestiegen – und für kleinere Unternehmenskunden wie mittelständische Maschinenbauer von rund 40 auf etwas weniger als 100 Euro.

In den USA hingegen lagen die Gaspreise demnach schon 2019 bei zehn Euro. Seither sind sie noch weiter gesunken.

Kritik an Debatte um Klimaziele

Eine Vermeidung von fossilen Energieträgern wie Gas bedeutet für viele Unternehmen eine Umstellung auf Strom oder Wasserstoff. Das aber geht nur, wenn Strom günstig genug ist.

Solange dies nicht der Fall ist, wird die zunehmende Herausforderung durch die sinkende Anzahl an CO2-Zertifikaten kritisiert. Denn sie üben Druck aus, ohne dass ein bezahlbarer Ausweg in Sicht ist.

Die internationale Wettbewerbsfähigkeit ist sehr wichtig.
Holger Lösch
BDI

Der stellvertretende BDI-Hauptgeschäftsführer Holger Lösch sagte deshalb: „Die internationale Wettbewerbsfähigkeit ist sehr wichtig.“ Die USA und China würden Klimaschutz bei ihrer Wirtschaftspolitik eher als Beifang betrachten. Die EU müsse eine Lösung liefern, wie die Industrie unter den strenger werdenden Klimaregeln bestehen könne, während andere Regionen weniger Druck ausüben.

Löschs Kollege Siegfried Russwurm, bis vor Kurzem BDI-Präsident, hatte es vor einigen Wochen im Interview mit dem Handelsblatt noch drastischer ausgedrückt. Die Klimaziele seien nicht in Stein gemeißelt, sagte er.

Interview

„Ein Kernkraftwerk ist keine alte Kühltruhe“ – BDI-Chef Russwurm sieht kaum Chancen auf Atom-Comeback

Der Wissenschaftler Felix Matthes vom Öko-Institut mahnte indes beim Energie-Gipfel: „Für mich täuscht diese Debatte eine Entlastung vor.“ Wenn das Ziel, klimaneutral zu werden, verschoben werde, dann bedeute das Veränderungen bei den europäischen Emissionshandelssystemen, die die restliche Menge an CO2-Zertifikaten vorgeben.

Wer nicht sage, was passiere, wenn wir diese Instrumente verlieren, „der richtet viel mehr Schaden an als jetzt bei einem halbwegs systematischen Handeln“, erklärte Matthes.

Wissenschaftler Felix Matthes vom Öko-Institut spricht sich gegen eine Verschiebung der Klimaziele aus. Foto: Marc-Steffen Unger/Handelsblatt Energiegipfel

Auch die Fridays-for-Future-Sprecherin Carla Reemtsma sagte: „Wenn wir jetzt anfangen, an den Zielen herumzudoktern, weil es gerade nicht so gut in den Kram passt, ist das der Beginn einer Diskursverschiebung, bei der wir uns von dem Pfad der Klimaneutralität verabschieden.“

Drohende Abwanderung von Unternehmen

Lösch machte klar, dass steigende Preise für Emissionen in Deutschland nur durchzuhalten seien, wenn günstigere Energie-Alternativen zur Verfügung stehen. Er warnte: „Sonst ist die Realität ganz klar: Dann werden wir durch Deindustrialisierung dekarbonisieren.“

Tatsächlich zeigen Zahlen der Deutschen Industrie- und Handelskammer, dass der Anteil von Unternehmen, die ihre Produktion in Deutschland einschränken oder abwandern, seit 2022 erheblich gestiegen ist – besonders im energieintensiven Bereich.

Demnach waren Produktionseinschränkungen und Abwanderung im Jahr 2022 bei elf Prozent der Unternehmen ein Thema, 2024 hingegen bei 18 Prozent. Unter den Industrieunternehmen mit hohen Stromkosten stieg der Anteil von 25 Prozent im Jahr 2022 auf 45 Prozent 2024.

Trotz allem herrschte unter den Diskussionsteilnehmern Konsens, dass es wichtig sei, die Klimaschutzbemühungen weiter aufrechtzuerhalten. Es sei auch für die Industrie klar, dass Deutschland die Klimaziele brauche und einen Weg zur Klimaneutralität finden müsse, sagte Lösch: „Wer durch dicken Morast watet, und das tun wir, hat nichts gewonnen, wenn er im Morast stehen bleibt.“

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Erstpublikation: 22.01.2025, 16:55 Uhr.

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