Energietechnik: Aktienmärkte setzen auf Einigung in Verhandlungen um Siemens Energy
Siemens Energy verhandelt mit der Bundesregierung über Garantien in Milliardenhöhe.
Foto: BloombergMünchen, Berlin. Investoren setzen auf eine rasche Einigung in den Verhandlungen über eine Stützungsaktion für den verlustreichen Dax-Konzern Siemens Energy. Der Aktienkurs legte am Montag erneut zu. Allerdings könnte eine Lösung nach Einschätzung von mit den Verhandlungen vertrauten Personen noch einige Tage dauern. Noch immer sperre sich der Großaktionär Siemens gegen eine Lösung.
Siemens Energy hatte in der vergangenen Woche bestätigt, mit der Bundesregierung und Banken über milliardenschwere Garantien zu verhandeln. Der Aktienkurs brach wegen der notwendigen Staatshilfe am Donnerstag um zeitweise 40 Prozent ein – was bei Dax-Konzernen äußerst selten passiert.
In die Verhandlungen mischen sich nun auch Berichte, dass Siemens Energy seine Bilanz mit einem Verkauf stärken könnte. Der Nachrichtenagentur Bloomberg zufolge erwägt der Krisenkonzern, Anteile an einer indischen Gesellschaft an Siemens zu veräußern. Noch in dieser Woche könnte der Deal vermeldet werden, schreibt Bloomberg unter Berufung auf Insider.
Siemens Energy ist aktuell mit 24 Prozent an der Siemens Ltd in Indien beteiligt. Der wird mit derzeit rund 3,5 Milliarden Dollar bewertet und würde das Kapitalpolster andicken. Siemens Energy und Siemens lehnten einen Kommentar ab.
Die Gespräche laufen derweil weiter, und das vielfach. Die Politik hält dabei den Druck hoch: Siemens sei schlecht beraten, wenn es sich weiter verweigere, hieß es in Regierungskreisen. Andernfalls könne das Vertrauen in das Unternehmen beschädigt werden. Siemens-Chef Roland Busch besteht laut Unternehmenskreisen auf einem geordneten Verfahren. Der Konzern sei zuerst seinen eigenen Aktionären verpflichtet. Zudem fehlten wichtige Informationen.
Siemens Energy: Vor Bilanzvorlage soll eine Lösung stehen
Reinhard Houben, wirtschaftspolitischer Sprecher der FDP, sagte dem Handelsblatt am Montag: „Siemens steht klar in der Pflicht für Siemens Energy.“ Der Mutterkonzern müsse gewusst haben, dass nach einer Abspaltung seines Energiegeschäfts das Problem der fehlenden Garantien auftreten würde. „Insofern sollte sich Siemens zumindest gleich stark wie der Bund an den 15 Milliarden Euro an Garantien beteiligen.“
Noch wehrt sich Siemens. Doch glaubt man bei Regierung, Banken und Siemens Energy, dass bald eine Einigung gelingen wird. Es müsse eine auch für Siemens gesichtswahrende Lösung gefunden gefunden werden, hieß es in Verhandlungskreisen. Dies solle bis zur Vorlage der Bilanzen beider Unternehmen Mitte November gelingen.
Auch an den Kapitalmärkten gibt es vorsichtige Zuversicht. Der Aktienkurs von Siemens Energy, der schon am Freitag gestiegen war, legte am Montagmorgen zwischenzeitlich um rund acht Prozent auf bis zu 8,86 Euro zu. Am Nachmittag notierten die Papiere noch 4,3 Prozent im Plus bei rund 7,80 Euro. Goldman Sachs bestätigte angesichts des jetzt niedrigeren Aktienkurses seine Kaufempfehlung.
Analyst Volker Stoll von der Landesbank Baden-Württemberg erklärte, die Gewährung von Staatshilfen sei wegen der Bedeutung des Konzerns plausibel. Die klassische Energietechnik habe zudem in der Energiewende gute Zukunftsperspektiven. In Regierungskreisen wurden die jüngsten Kursanstiege als Zeichen gewertet, dass die Märkte weiter an Siemens Energy glaubten, auch wenn man einmal Staatshilfe benötige.
Aufsichtsratschef Kaeser räumte Fehler von Siemens Energy ein
Siemens-Energy-Aufsichtsratschef Joe Kaeser hatte in einem Gespräch mit der „Welt am Sonntag“ betont, dass es lediglich um Garantien gehe: „Das Unternehmen benötigt erkennbar kein Geld vom Staat.“ Alle Segmente außer dem Windgeschäft liefen gut, „teilweise besser als der Wettbewerb“. Es gehe darum, die „gewaltigen Wachstumschancen“ durch Bürgschaften zu unterstützen.
Der Ruf nach Staatshilfen kommt aus zweierlei Gründen auf. Siemens Energy hat viele sehr lang laufende Milliardenaufträge. Früher setzten die Kunden auf die Finanzkraft des Siemens-Konzerns, damit diese auch abgewickelt werden können. Seit Siemens Energy auf eigenen Beinen steht, ist das Thema Bürgschaften noch wichtiger geworden.
Doch diese zu bekommen ist nun wegen der gestiegenen Zinsen und der Schwächung durch die Verluste im Geschäft mit der Windkraft schwieriger geworden. „Bei Wind ist die Situation sehr ernst“, räumte Kaeser ein. Die ganze Branche mache wegen der schwierigen Rahmenbedingungen wie zum Beispiel gestiegenen Materialkosten „horrende Verluste“.
Doch bei Siemens Energy mit der Tochter Siemens Gamesa kamen Managementfehler hinzu. „Eine schlechte Integration und eine Vielzahl von Produktankündigungen hat Erfolge verhindert“, erklärte Kaeser. Die neue Turbinengeneration 5.X war sehr schnell auf den Markt geworfen worden – und zeigte dann schwere Qualitätsprobleme.
Wann Siemens Energy mit der Windkraft wieder Geld verdienen kann, ist offen. Vorstandschef Christian Bruch will auf einem Kapitalmarkttag im November sagen, wie es weitergeht. Doch wird die Entscheidung über Staatshilfe nicht so lange auf sich warten lassen können.