Grüne Energie: Deutsche Firma startet viertgrößtes Wasserstoff-Projekt der Welt
Energie aus Wind und Solar sind die Voraussetzung für grünen Wasserstoff.
Foto: ReutersBerlin. Die Svevind-Gruppe aus Dresden hat am Donnerstag mit der Regierung Kasachstans ein Investitionsabkommen über eines der weltweit größten Produktionsprojekte für grünen Wasserstoff abgeschlossen. Das Vorhaben genießt höchste politische Unterstützung: EU-Ratspräsident Charles Michel und der kasachische Präsident Kassym-Schomart Tokajew waren zur Unterzeichnung angereist. Denn das Land in Zentralasien könnte für die europäische Energieversorgung in Zukunft eine wichtige Rolle spielen.
Der russische Überfall auf die Ukraine hat zu einem Umdenken geführt. Weltweit sucht die EU nach neuen Industriepartnern – und Alternativen zum Erdgas. Die Hoffnungen in den Wasserstoff sind groß. Unter dem Projektnamen „Hyrasia One“ sollen in den Steppen Kasachstans bis 2030 Windkraft- und Photovoltaikanlagen mit einem Produktionsvolumen von 40 Gigawatt (GW) sowie Elektrolyseure zur Herstellung von zwei Millionen Tonnen grünem Wasserstoff errichtet werden.
Zum Vergleich: 40 GW sind das Ausbauziel der Bundesregierung für die gesamte Offshore-Windenergie in Ost- und Nordsee bis 2035. Schon 2030 will die EU zehn Millionen Tonnen grünen Wasserstoff importieren.
Bislang sind dafür aber noch einige Fragen zu klären: Bis 2026 wolle man Anteilseigner für das Projekt suchen und die nötigen Genehmigungsverfahren für den Bau der Anlagen auf den Weg bringen, sagt Wolfgang Kropp, Gründer und CEO der Svevind Energy Group, dem Handelsblatt. Am Ende soll dann die viertgrößte Produktion für grünen Wasserstoff weltweit entstehen.
Mit großen Problemen dabei rechnet der ehemalige Siemens- und Nixdorf-Manager, der seit 1993 in der Windkraftbranche ist, aber nicht: „Wenn sich das unter den Bedingungen Kasachstans nicht finanzieren lässt, wo dann?“ Denn in der kasachischen Steppe herrschten Windverhältnisse wie in der Nordsee und eine Sonneneinstrahlung wie in Spanien. „Diese Kombination ist einzigartig“, so Kropp, und sie führe zu Produktionskosten für erneuerbaren Strom und die Elektrolyse am unteren Ende der Preisskala.
Wasserstoff-Projekt bietet Potenzial für grünen Stahl und Aluminium
Zudem sei Kasachstan „ideal zwischen den Zielmärkten Asien und Europa gelegen“. Und das Projekt komme zum richtigen Zeitpunkt: Wenn die Welt klimaneutral werden will, brauche sie in absehbarer Zeit grünen Wasserstoff. Die Nachfrage nach grüner Energie und Wasserstoff ist hoch. Viele Unternehmen, die aktuell auf Erdgas setzen, suchen nach klimaneutralen Alternativen. Ungeklärt ist bisher, wer die großen Investitionen stemmen soll. Kropp sieht neben international tätigen Energiefirmen auch die kasachische Industrie als möglichen Partner.
Denn das Projekt passt auch in die kasachische Industriestrategie: Statt künftig allein auf den Export von Rohstoffen und Erzen zu setzen, will das Land höherwertige Produkte exportieren und die Wertschöpfung im Land erhöhen. Deshalb könnte ein Wasserstoffprojekt auf Basis erneuerbarer Energien dazu führen, in Kasachstan auch „grünen“ Stahl oder „grünes“ Aluminium herzustellen und auf die Weltmärkte zu liefern. Dabei helfen könnte der mit 69 Milliarden Dollar gefüllte Staatsfonds Samruk-Kazyna, die Nummer 24 unter den weltweiten staatlichen Investmentfonds.
Auch der kasachische Präsident Kassym-Schomart Tokajew (links) steht dem russischen Überfall auf die Ukraine durch Wladimir Putin kritisch gegenüber.
Foto: IMAGO/ITAR-TASSBislang ist noch nicht entschieden, wo die zwei Millionen Tonnen grüner Wasserstoff aus dem Hyrasia-One-Vorhaben landen werden: großteils in Kasachstan selbst oder in Europa oder Asien. Nach Europa müsste das H2 als Ammoniak über das Kaspische Meer nach Aserbaidschan – und unter Umgehung Russlands – gebracht und von dort per Bahn westwärts geliefert werden.
Nach China könnten gegebenenfalls für den Öl- und Erdgasexport existierende und entsprechend auf Wasserstoff umzurüstende Pipelines genutzt werden. Für einen Pipelinetransport nach Europa müsste eine Rohrleitung durch das Kaspische Meer gebaut werden. Doch schon für eine Ausfuhr von Erdöl und Erdgas hatte Russland eine solche Pipeline über Jahrzehnte verhindert.
Industrie geht von Russland nach Kasachstan
Die EU und die Länder Zentralasiens sowie des Kaukasus wollen nun aber zusammen mit der Türkei den sogenannten „südlichen Korridor“ per Bahn ausbauen. Kasachstan rückt auch bei der Verlagerung ausländischer Industrieproduktion aus Russland wegen der Sanktionen des Westens zunehmend in den Mittelpunkt.
Zuletzt hatte der südkoreanische Elektronikkonzern LG öffentlich über einen Umzug aus dem Moskauer Umland nach Kasachstan nachgedacht. „Durch den Ukrainekrieg wird sich vieles neu orientieren“, ist Kropp überzeugt.
Kasachstan war lange einer der wichtigsten Partner Russlands, steht dem großen Nachbarn aber zunehmend kritisch gegenüber.
Die EU will im November ein Abkommen mit dem zentralasiatischen Land über eine strategische Partnerschaft für nachhaltige Rohstoffe, Batterien und grünen Wasserstoff vereinbaren. Entsprechende Gespräche führten EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und Kasachstans Präsident Tokajew bereits.
Das nun mit der Regierung Kasachstans geschlossene Abkommen sei ein „Riesenmeilenstein“, so Kropp. Nun könne die bereits erfolgte generelle Ingenieurplanung für das Projekt konkret umgesetzt werden. 2032 sollen die Anlagen mit voller Kapazität laufen. Zwei Drittel der Stromgewinnung solle über Windkraftanlagen gewonnen, ein Drittel von der Sonne über Photovoltaik generiert werden, heißt es in den Projektpapieren.
Größtes Problem sind bisher die zu geringen Produktionskapazitäten von Elektrolyseuren – Anlagen für eine Herstellung von zwei Millionen Tonnen H2 jährlich können bisher kaum gefertigt werden. Und auch Wind- und Solaranlagen von 40 GW sind ambitioniert: Die drei noch laufenden Atomkraftwerke in Deutschland produzieren zusammen 4,3 Gigawattstunden Strom.
Nur ein Projekt in Spanien mit einer Produktionskapazität von 3,6 Millionen Tonnen H2 sowie eines in Australien (3,5 Millionen Tonnen) und eines in Texas (drei Millionen Tonnen) sind größer als das Vorhaben der Deutschen in Kasachstan.
Svevind aus Dresden gilt als erfahren in der Umsetzung von Großprojekten: Im Norden Schwedens haben die Sachsen Windkraftanlagen mit bisher 1,7 Gigawatt realisiert, die nun auf 3,4 GW ausgebaut und so zu einem der weltgrößten Windparks werden sollen.
Erstpublikation: 27.10.2022, 11:45 Uhr.