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Start-up-CheckDieses Start-up will Emissionshandel so einfach machen wie Geld verwalten

Der freiwillige Handel mit CO2-Zertifikaten ist für Unternehmen kompliziert. Die Ceezer-Gründer versuchen, Transparenz zu schaffen – und orientieren sich an den Spielregeln des Kapitalmarkts.Nell Rubröder 01.03.2024 - 16:13 Uhr
Wiederaufforstungsprojekt in Uganda: Unternehmen wollen ihre CO2-Emissionen ausgleichen – doch der Markt ist komplex und intransparent.  Foto: AP Photo/Hajarah Nalwadda

Düsseldorf. Es ist ein zum Teil umstrittenes Instrument – doch für viele Unternehmen ist der freiwillige Emissionshandel ein zentraler Hebel auf dem Weg zur Klimaneutralität. Denn mit seinem Prinzip der CO2-Entnahme (CDR) können Emissionen, die an einem Ort entstehen, durch Einsparungen an anderer Stelle ausgeglichen werden. 

Beispielsweise kann eine Firma die Emissionen ihrer Dienstwagenflotte mit den sogenannten Carbon Credits kompensieren oder rechnerisch den CO2-Fußabdruck ihrer Gebäude reduzieren. Der Verkäufer der Zertifikate finanziert mit dem Geld sein Klimaschutzprojekt – und spart damit stellvertretend Treibhausgase ein, sei es durch den Schutz von Mooren oder eine verbesserte Abfallentsorgung. Soweit die Theorie.

Denn das System ist kompliziert – es funktioniert nach völlig anderen Regeln als der regulierte EU-Emissionshandel (EU ETS), über den etwa große Industrieunternehmen die „Erlaubnis“ kaufen, eine bestimmte Menge CO2 auszustoßen. Es gibt unterschiedliche Standards, inkonsistente Daten über die Qualität der Projekte und erhebliche Preisunterschiede. Das Berliner Start-up Ceezer will hier Klarheit schaffen – und hat erst vor wenigen Wochen 10,3 Millionen Euro frisches Kapital eingesammelt.

Worum geht es?

Ceezer wurde 2021 von Magnus Drewelies, Hannes Nützmann und Carla Woydt gegründet. Sie wollen Unternehmen beim Management sogenannter negativer Emissionen unterstützen und haben dafür eine Plattform aufgebaut, auf der Carbon Credits aus über 8000 Projekten weltweit gehandelt werden können. Kunden können dort ihre Zertifikatsportfolios verwalten und überwachen.

„Wir wollen es Unternehmen ermöglichen, negative Emissionen so zu managen, wie man heute eigentlich Geld oder andere Vermögenswerte verwalten kann“, sagt Mitgründer und Firmenchef Magnus Drewelies. Das funktioniere im Prinzip wie beim Kauf einer Aktie, immer mit dem Anspruch: möglichst wenig Risiko und möglichst viel Gewinn. Nur dass der Profit hier der positive Effekt für die Umwelt ist.

Die Ceezer-Gründer (v.l.): CIO Carla Woydt, CEO Magnus Drewelies und CPO Hannes Nützmann Foto: Ceezer

Neben einem jährlichen Fixbetrag für die Nutzung der Plattform erhebt das Start-up für jeden getätigten Kauf eine Art Transaktionsgebühr. Zu den größten der bereits 50 Firmenkunden zählen der Dax-Konzern Siemens oder der Onlineshop Zooplus.

Warum ist das wichtig?

Der freiwillige Emissionshandel hat sich weltweit etabliert. Bereits 2021 erreichte der Markt einen Wert von zwei Milliarden Dollar – viermal so viel wie 2020. Laut der Unternehmensberatung Boston Consulting soll er bis 2030 ein Volumen zwischen zehn und 40 Milliarden Dollar umfassen.

Die Plattform von Ceezer soll Unternehmen in drei Bereichen helfen: Sie ermöglicht den Vergleich verschiedener Projekte, den direkten Kauf von Carbon Credits ohne Zwischenhändler und Unterstützung beim Reporting.

Ceezer will dabei nur „hochwertige CO2-Projekte“ anbieten. Menschliche und Künstliche Intelligenz sollen das garantieren. „Wir verwalten zwischen 3,5 und vier Millionen Datenpunkte über die Qualität unserer Projekte“, schätzt Drewelies. So kämen etwa 350 Datenpunkte von Projektentwicklern, Studien und Zertifizierern pro Projekt zusammen.

Gerade wegen der intransparenten Wirkung und Qualität der Kompensationsprojekte ist der freiwillige Emissionshandel in der Vergangenheit immer wieder in die Kritik geraten. Im vergangenen Jahr deckten Recherchen der „Zeit“ und der britischen Tageszeitung „The Guardian“ auf, dass der weltweit größte Zertifizierer von CO2-Zertifikaten, Verra, Waldschutzprojekte mit fragwürdigen Methoden bewertet haben soll.

Auch Ceezer bietet Projekte zum Kauf an, die auf Waldschutz basieren. Für Drewelies ist es nicht sinnvoll, ganze Projekttypen von vornherein auszuschließen. Stattdessen will das Start-up Risiken und Qualitätsunterschiede auf der Basis von Daten transparent machen und Unternehmen so ermöglichen, eine informierte Investitionsentscheidung zu treffen.

Das bedeute aber nicht, betont der Gründer, dass jedes Zertifikat über Ceezer angeboten werden könne. Wird ein Projekt von der Plattform beispielsweise als zu riskant eingestuft, kann es zwar weiterhin eingesehen, aber nicht mehr direkt gekauft werden.

Ein Restrisiko besteht laut Drewelies immer: „Jeder Käufer oder Verkäufer, der sagt, das ist das beste Projekt der Welt, lügt. Es gibt immer ein Risiko, das ist leider Teil dieses Marktes.“

Welches Potenzial bietet der Markt?

Das Marktpotenzial des freiwilligen Emissionshandels ist nach wie vor enorm. Laut einer Studie des Umweltbundesamtes stieg die Menge der verkauften und stillgelegten Zertifikate, welche nach dem Kauf nicht mehr handelbar sind, in Deutschland von 2017 bis 2020 von 22,1 Millionen auf 43,6 Millionen Tonnen CO2.

Auch in der EU setzt sich zunehmend die Erkenntnis durch, dass die CO2-Entfernung (CDR), wie sie im freiwilligen Emissionshandel praktiziert wird, ein wesentliches Element sein könnte, um die Pariser Klimaziele zu erreichen.

Unklar ist jedoch, wie CO2-Entfernung effektiv in den regulierten europäischen Kohlenstoffmarkt integriert werden kann, welche Standards gelten sollen und wie die Qualität der Projekte auf EU-Ebene sichergestellt werden kann.

Konkurrenten des Start-ups sind laut Gründer Drewelies unter anderem in der eigenen Kundengruppe zu finden, wie zum Beispiel Rohstoffhändler oder Trader. Aber auch andere Start-ups wie Carbonfuture haben sich auf den freiwilligen Emissionshandel spezialisiert. Drewelies sieht in den Freiburgern aber keine direkte Konkurrenz, es gebe sogar eine Kooperation. Gerade in der Technologiebranche könne man viel voneinander lernen, so der Gründer.

Was sagen die Investoren?

Ende Januar investieren HV Capital und die bestehenden Investoren Norrsken VC, Picus Capital und Carbon Removal Partners in einer Series-A-Finanzierungsrunde 10,3 Millionen Euro in das Start-up.

„Aus Investorenperspektive ist es nach wie vor herausfordernd, in den freiwilligen Emissionshandelsmarkt zu investieren, da er sehr intransparent ist“, sagt Manal Belaouane, Investmentmanagerin bei HV Capital.

Aus Sicht des Investors verfolgt das Start-up den richtigen Ansatz: „Wir glauben, dass der Schlüssel zum langfristigen Bestehen des Marktes – und er muss bestehen, um unsere globalen Klimaziele zu erreichen – darin liegt, die Qualität der Projekte sichtbar zu machen“, so Belaouane.

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Wie geht es weiter?

Mit dem Geld will Ceezer expandieren – und zwar in die USA. Die Amerikaner holten beim freiwilligen Emissionshandel immer mehr auf, sagt Drewelies. Das Start-up habe schon sehr früh Kunden in den Vereinigten Staaten gehabt, und es sei an der Zeit, auch vor Ort Fuß zu fassen, um diese entsprechend zu betreuen.

Darüber hinaus plant Ceezer weitere Finanzierungslösungen für Unternehmen und Entwickler, um langfristige Investitionen in Projekte zu erleichtern. Details will Drewelies noch nicht nennen, im Grundsatz gehe es aber darum, vielversprechenden Projekten frühzeitig zu Kapital zu verhelfen.

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