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WindenergieWarum sich die Windkraftindustrie immer mehr aus Europa zurückzieht

Baut die europäische Windindustrie im bisherigen Tempo weiter, werden die Klimaziele deutlich verfehlt. Die Produktion von Windkraftanlagen verlagert sich immer mehr ins Ausland.Kathrin Witsch 24.02.2022 - 09:00 Uhr Artikel anhören

Europa muss seine Ausbaugeschwindigkeit nahezu verdoppeln, um die selbst gesteckten Ziele zu erreichen. 

Foto: dpa

Düsseldorf. Zwei Werke in Spanien, eine Fabrik in Ostdeutschland, drei Produktionen in Dänemark. Allein in den vergangenen zwölf Monaten haben die drei größten europäischen Windturbinenhersteller Vestas, Siemens Gamesa und Nordex über 1000 Mitarbeiter entlassen. Weitere könnten schon bald folgen, wenn die Gerüchte um Werksschließungen des Hamburger Nordex-Konzerns sich in den kommenden Tagen bewahrheiten sollten. Die Insolvenzen zahlreicher Zulieferer sind da noch gar nicht mit eingerechnet. 

Zu wenig Windkraftanlagen in Europa

Die europäische Windindustrie droht sich trotz milliardenschwerer Auftragsbücher aus der heimischen Wertschöpfung mehr und mehr zurückzuziehen. Die Gründe dafür liegen laut Giles Dickson, Chef des europäischen Verbandes Wind Europe, klar auf der Hand: „Um wettbewerbsfähig zu bleiben, braucht die Industrie größere Mengen. Und die brauchen wir auch für Europa.“ 

An diesem Donnerstag hat Wind Europe die neuesten Ausbauzahlen vorgestellt Das Ergebnis ist ernüchternd. Gerade mal 17 Gigawatt neuer Windenergie wurden 2021 installiert. 80 Prozent davon an Land. Um ihre Klimaziele für 2030 zu erreichen, braucht die Europäische Union allerdings mehr als doppelt so viele neue Windkraftanlagen – pro Jahr. Und vor allem auf dem Meer. 

„Der Windkraftausbau geht viel zu langsam voran. Das liegt vor allem daran, dass die Genehmigungsverfahren in allen Ländern, nicht nur in Deutschland, viel zu lange dauern“, kritisiert Dickson. 

EU-Vorgaben zur Windenergie werden nicht umgesetzt

Dabei hatte die EU mit der Erneuerbaren-Richtlinie RED II (Renewable Energy Directive) eigentlich 2018 schon klar vorgeschrieben, dass Genehmigungsverfahren für Windkraftanlagen maximal innerhalb von zwei Jahren vorliegen müssen. Die Frist zur Umsetzung ist bereits im Sommer 2021 abgelaufen. 

In der Realität sieht es in vielen Ländern anders aus. Beispiel Deutschland: Genehmigungen für einen Windpark benötigen in der Regel eher vier bis fünf Jahre. Bei der in Zukunft so wichtigen Offshore-Windkraft auf See dauert es oft sogar noch länger. 

Seit Jahren geht der Ausbau im einst größten Windenergiemarkt der Welt kaum noch voran. Zwar ist Deutschland auch heute noch eines der Länder mit den meisten Windrädern, aber was neue Installationen angeht, stehen auf dem globalen Markt jetzt China, die USA und Brasilien an der Spitze. Die europäischen Weltmarktführer Vestas, Siemens Gamesa und Nordex verlegen in der Folge immer mehr Produktionsstätten ins Ausland. 

Windindustrie produziert immer mehr im Ausland

Allein in Deutschland sind in den letzten zehn Jahren mehr als 60.000 Arbeitsplätze in der Windindustrie weggebrochen. Deutschland, einst der wichtigste Absatzmarkt für Nordex, schafft es im Jahresbericht 2020 gerade noch auf Rang sieben und liegt unter anderem hinter den USA, der Türkei, Brasilien und Argentinien. 

„Wir machen uns große Sorgen, weil immer mehr Windindustrie aus Deutschland abwandert. Aber wir werden mit dem Osterpaket von Robert Habeck auch schon viele Veränderungen auf den Weg bringen“, sagt der SPD-Abgeordnete Bengt Bergt, Mitglied im Ausschuss für Klimaschutz und Energie. Vor seinem Einzug in den Bundestag bis Ende des vergangenen Jahres war Bergt zudem stellvertretender Konzernbetriebsratsvorsitzender von Nordex. 

Windenergie: Pläne der Bundesregierung

Durch das sogenannte „Osterpaket“ des Wirtschaftsministers will die neue Bundesregierung kurzfristig mehr Flächen für Windkraft erschließen. Außerdem sollen die Abstände zu Drehfunkfeuern und Wetterradaren verkürzt werden. Allein die letzten beiden Punkte könnten ein Potenzial von bis zu neun Gigawatt Leistung heben. 

„Deutschland hat gute Fortschritte gemacht, um seine Probleme zu lösen. Und mit der neuen Bundesregierung sollte es noch besser werden, auch die Genehmigungsverfahren sollen vereinfacht werden“, erkennt auch Dickson an. Es gebe definitiv mehr politischen Willen, aber aktuell arbeiteten fast alle Windkonzerne mit Verlusten. Das müsse sich ändern.

Auch, weil Kapazitäten für Windkraft seit einigen Jahren über Ausschreibungen verteilt werden, in denen nur noch das günstigste Gebot den Zuschlag bekommt, hat sich der Preiskampf unter den Herstellern massiv verschärft. „Man sollte weniger besessen von den Preisen sein und auch an den sozialen Mehrwert einer europäischen Windindustrie denken“, sagt der Verbandschef.

Ausbautempo bei Windenergie muss steigen

Aktuell arbeiten in Europa knapp 300.000 Menschen in der Windbranche. Theoretisch könnte diese Zahl bis 2030 auf 450.000 anwachsen. Beschleunigt sich der Ausbau jedoch nicht, rechnen Experten nicht nur mit verfehlten Klimazielen, sondern auch mit dem Verlust Zehntausender Arbeitsplätze.

Auch mit Blick auf die Preisrally bei Kohle, Öl und Gas fordern Ökonomen, Experten und Politiker in diesen Tagen immer wieder den beschleunigten Ausbau der Erneuerbaren, um sich schneller aus der Abhängigkeit fossiler Energien zu befreien. Mit dem derzeitigen Ausbautempo ist dieses Ziel jedoch nicht zu erreichen. 

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Die EU gelobt Besserung. Bis zum Sommer will die Kommission Orientierungspunkte für eine Beschleunigung der Genehmigungsverfahren in den Mitgliedstaaten herausbringen. „Wir werden eine Beschleunigung schaffen“, versprach Energie-Kommissarin Kadri Simson.

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