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Air Defender 2023Wie wirkt sich die Nato-Übung auf Flugverkehr aus?

An diesem Montag ist die bislang größte Militärübung in Deutschland seit Jahrzehnten gestartet. Bis zu 800 Flüge täglich müssen umgeleitet werden. Wichtige Fragen und Antworten.Jens Koenen 15.06.2023 - 14:10 Uhr Artikel anhören

Mit dem seit Langem größten Manöver auf deutschem Boden soll die Verlegung von Luftstreitkräften geübt werden.

Foto: IMAGO/localpic

Frankfurt. Dröhnende Kampfjets sind am deutschen Himmel eher selten zu sehen. Seit diesem Montag ist das anders. Mit „Air Defender“ ist das größte Manöver seit der Gründung der Nato gestartet. Seit Monaten läuft die Planung, die Logistik ist aufwendig. Die Federführung liegt bei der Luftwaffe und der US Air Force.

Nicht nur der Fluglärm dürfte in weiten Teilen Deutschlands erheblich zunehmen. „Air Defender“ wird auch Einschränkungen in der zivilen Luftfahrt mit sich bringen. Auf was sich Reisende in den kommenden zwei Wochen einstellen müssen – die Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Was ist die Militärübung Air Defender 23?

10.000 Soldatinnen und Soldaten aus 25 Staaten üben vom 12. bis zum 23. Juni die Verlegung von Luftstreitkräften. 250 Flugzeuge – Transporter wie Kampfjets – werden abheben und landen. Alleine die USA verlegen über 100 Flugzeuge an deutsche Flughäfen.

Basis-Flughäfen für die Übung sind Jagel/Hohn in Schleswig-Holstein, Wunstorf in Niedersachsen, Lechfeld in Bayern, Spangdahlem in Rheinland-Pfalz, Volkel in den Niederlanden und Caslav in Tschechien.

Das Interesse der Staaten an der Übung ist groß, der Überfall Russlands auf die Ukraine hat viele in der Politik wachgerüttelt. Ziel sei zu zeigen, dass das Bündnisgebiet „reaktionsschnell und schlagkräftig verteidigt werden könne“, begründete Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius das Groß-Manöver wiederholt.

Eine gute Nachricht für die Bürgerinnen und Bürger gibt es: Nachts und am Wochenende soll nicht geübt werden.

Warum ist der zivile Luftverkehr durch die Nato-Übung betroffen?

Für das Manöver sind drei große Bereiche über Deutschland wochentags für mehrere Stunden ausschließlich militärischen Flugzeugen vorbehalten. Der Raum Süd erstreckt sich grob über Bayern und Baden-Württemberg bis nach Rheinland-Pfalz. Er wird zwischen 13 und 17 Uhr gesperrt.

Im Norden zieht sich der Korridor von Niedersachsen und Schleswig-Holstein bis über die Nordsee. Hier wollen die Militärs zwischen 16 und 20 Uhr üben. Der dritte Luftraum liegt im Osten der Republik über Mecklenburg-Vorpommern und der Ostsee. Er ist zwischen 10 und 14 Uhr für Verkehrsflugzeuge gesperrt.

Weite Teile des deutschen Luftraums sind damit von Air Defender betroffen. Während der Sperrzeiten sind Fluggesellschaften dazu angehalten, die betreffenden Bereiche zu umfliegen. Denn aus Sicherheitsgründen sollen sich Verkehrsflugzeuge und Militärjets nicht zu nahekommen. Die Soldatinnen und Soldaten fliegen zum Teil auf Sicht.

Das Problem: Der Luftraum über Deutschland ist auch ohne Militärübungen schon eng. Vor allem im sogenannten oberen Luftraum ab einer Höhe von 7,5 Kilometern gibt es Engpässe. In dieser Höhe finden vor allem Überflüge statt. Die haben sich wegen der Sperrung des ukrainischen Luftraums seit Anfang 2022 in Richtung Deutschland verlagert. Der zweite Effekt des Ukrainekriegs: Schon ohne Air Defender hat der militärische Luftverkehr über Deutschland zugenommen, zeitweise um bis zu 60 Prozent. Das verschärft den Engpass. Nun kommt Air Defender noch hinzu.

Was bedeutet Air Defender für meinen Flug?

Seitdem sämtliche Pandemie-Auflagen gefallen sind, wächst der Luftverkehr wieder deutlich. Zwar wird in Europa noch weniger geflogen als vor der Krise. Es gibt zu wenig neue Flugzeuge, die Hersteller können nicht rechtzeitig liefern, weil Teile und Motoren fehlen. Gleichwohl ist es am Himmel schon wieder recht voll. Alles, was die normalen Abläufe stört, hat sofort signifikante Folgen.

Zwar hat Verteidigungsminister Pistorius versprochen, die Auswirkungen des Manövers auf die zivile Luftfahrt so gering wie möglich zu halten. Doch dass es Auswirkungen geben wird, haben Pistorius und Bundesverkehrsminister Volker Wissing in einem gemeinsamen Schreiben eingeräumt.

Die europäische Flugsicherungsbehörde Eurocontrol geht davon aus, dass täglich bis zu 800 Flüge umgeleitet werden müssen. In mehreren Szenarien hat Eurocontrol die Folgen durchgerechnet. Im schlimmsten aller Fälle könnte die addierte Verspätung an einem Tag bis zu 50.000 Minuten betragen. Andere Szenarien sehen weniger heftige Einschränkungen.

Die zivile Luftfahrt hofft, dass nicht zu viele Flüge wegen der Militärübung abgesagt werden müssen. Doch ganz ohne Folgen wird das Manöver für die Passagiere nicht bleiben.

Foto: imago images/Ralph Peters

Was die Abschätzung möglicher Folgen so schwer macht: In der Luftfahrt ist alles eng getaktet. Stehen Flugzeuge nicht dort, wo sie am nächsten Tag wieder starten sollen, oder fehlen Crews vor Ort, weil sie anderswo gestrandet sind, gerät der Flugplan sehr schnell komplett durcheinander. Solche Dominoeffekte können vorab durch eine entsprechende Planung kaum abgefedert werden.

Reisende müssen sich ab Montag auf Störungen einstellen. Besonders könnte das Urlauber in Nordrhein-Westfalen treffen. Denn dort beginnen am 22. Juni die Sommerferien – Air Defender endet erst einen Tag später.

Wie wollen Luftfahrt und Politik gegensteuern?

Auch wenn sich Politik und Luftfahrtbranche in den vergangenen Wochen regelmäßig über das Großmanöver ausgetauscht haben, herrscht bei Fluggesellschaften und Flughäfen eine gewisse Unsicherheit darüber, wie sie mit der Situation umgehen sollen. Immer noch wird an Flugplänen gebastelt. Die Branche erwartet aber, dass sich nach den ersten Manövertagen und Erfahrungen noch vieles ändern kann.

Deutschland ist der Gastgeber für die militärische Großübung und wird dabei von der US-Luftwaffe unterstützt.

Foto: IMAGO/localpic

Gleichzeitig wird versucht, den Spielraum für Starts und Landungen zu vergrößern. So soll das an vielen deutschen Flughäfen strenge Nachtflugverbot gelockert werden. In Stuttgart ist noch Luftverkehr bis 02.00 Uhr zugelassen. In Frankfurt wurde die Betriebszeit bis 24 Uhr verlängert – allerdings nur für Flüge, die sich wegen des Manövers verspäten. Auch in Hamburg und Düsseldorf werden die Behörden wohl großzügiger sein.

Was kann ich tun, wenn es Probleme mit meinem Flug gibt?

Auch für Flugausfälle wegen des Militärmanövers gilt: Die Passagiere haben Anspruch auf eine Ersatzbeförderung oder eine Erstattung der Ticketkosten. Darauf weist das Fluggastrechte-Portal Flightright hin. In der Regel sollte die Airline eine alternative Verbindung anbieten.

Geschieht das nicht, kann der Fluggast selbst eine suchen und die Kosten dafür von der Fluggesellschaft zurückfordern. Das gilt auch, wenn ersatzweise der Zug gewählt wird. Gibt es eine Alternative erst am folgenden Tag, muss die Airline zudem für eine Übernachtung sorgen.

Auf die in vielen anderen Fällen übliche Entschädigung nach EU-Recht müssen die Kundinnen und Kunden dagegen wohl verzichten. Die Übung sei als ein außergewöhnlicher Umstand einzustufen, erklärt Claudia Brosche von Flightright: „Daher bestehen geringe Aussichten auf eine Entschädigungszahlung.“

Flughäfen melden bisher geringe Auswirkungen durch Nato-Übung "Air Defender 23"

Die Luftwaffenübung hat bisher nur wenige Folgen für die Passagiere an den Flughäfen Frankfurt und Berlin-Brandenburg. Der Flugbetrieb an Deutschlands größtem Flughafen in Frankfurt am Main laufe am Dienstag bisher „insgesamt stabil“, sagte eine Sprecherin der Betreibergesellschaft Fraport. Von rund 1280 geplanten Flugbewegungen sei am Dienstag eine zweistellige Zahl von Flügen von Verspätungen oder Annullierungen betroffen.

Der Luftverkehrsverband BDL verwies indes auf den „vergleichsweise geringen militärischen Flugbetrieb“ zu Beginn der Luftwaffenübung. „Wir gehen davon aus, dass an den folgenden Tagen die Beeinträchtigungen des zivilen Luftverkehrs aber zunehmen werden, insbesondere mit Verspätungen in den Abendstunden“, hatte Hauptgeschäftsführer Matthias von Randow erklärt.

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Erstpublikation: 09.06.2023, 12:07 Uhr (zuletzt aktualisiert: 12.06.2023, 11:11 Uhr).

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