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Fleischbranche Wursthersteller rebellieren gegen drohendes Verbot von Leiharbeit

Wurstmacher bangen um ihr Geschäft, wenn sie etwa zur Grillsaison keine Leiharbeiter mehr einsetzen dürfen. Sie fordern Ausnahmen im geplanten Gesetz.
18.09.2020 - 15:11 Uhr 2 Kommentare
Zur Grillsaison haben die deutschen Wursthersteller bisher ihr Personal mit Leiharbeitern aufgestockt. Quelle: dpa
Bratwürste

Zur Grillsaison haben die deutschen Wursthersteller bisher ihr Personal mit Leiharbeitern aufgestockt.

(Foto: dpa)

Düsseldorf Deutschland ist das Land der Wurstesser. Knapp 30 Kilo verspeist jeder Bürger im Schnitt im Jahr. Rund 1500 verschiedene Wurstsorten gibt es hierzulande mit zum Teil langer Tradition. Die Thüringer Rostbratwurst etwa wurde 1404 erstmals urkundlich erwähnt. Die Branche mit ihrer Vielfalt sei nun in Gefahr, fürchten die deutschen Wurstwarenhersteller.

Grund ist das verschärfte Gesetz zur Arbeitsschutzkontrolle, das Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) auf den Weg gebracht hat. Nach gehäuften Corona-Infektionen in Schlachtbetrieben waren die zum Teil prekären Arbeitsbedingungen in der Fleischbranche und die Unterbringung ausländischer Werkverträgler erneut in den Fokus gerückt. Heil will in der Branche „aufräumen“.

Ein Unternehmer der Fleischindustrie soll künftig nur noch mit eigenen Mitarbeitern schlachten und Fleisch zerlegen und verarbeiten dürfen. Ab Januar soll die Beschäftigung von Werkverträglern untersagt sein, ab April auch die Arbeitnehmerüberlassung. Das Fleischerhandwerk bis 49 Mitarbeiter ist explizit davon ausgeschlossen, Wursthersteller jedoch nicht.

Mit den Arbeitsbedingungen in den großen Schlachtbetrieben sei die Herstellung von Fleischwaren überhaupt nicht zu vergleichen, meint Sarah Dhem, Präsidentin Bundesverband der deutschen Fleischwarenindustrie (BVDF). Ihr Verband vertritt 120 meist inhabergeführte Betriebe, die 68.000 Stellen schaffen. Die Wurstmacher fühlen sich mit den Skandalschlachtern zu Unrecht in einen Topf geworfen.

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    „Das Gesetz trifft uns mit voller Härte“, sagt Dhem, die selbst im Münsterland das Unternehmen Schulte Wurstwaren führt. Es gefährde Arbeitsplätze bei meist familiengeführten Mittelständlern – gerade in strukturschwachen ländlichen Gebieten. „Unsinn soll zum Gesetz werden, wir Wurstmacher finden in der Politik kein Gehör.“

    Die Wurstmacher fühlen sich diskriminiert, nur weil sie Fleisch verarbeiten. „Käse kann auch in Zukunft von einem Leiharbeiter oder Werkvertragsmitarbeiter aufgeschnitten werden. Wurst nicht“, ärgert sich Dhem. Zudem sieht sie die Flexibilität in der Produktion bedroht. Für Auftragsspitzen etwa in der Grillsaison oder zu Weihnachten seien die Betriebe zeitweise auf zusätzliches Personal angewiesen – sei es auch nur beim Verpacken.

    Fleischwarenhersteller Ekkehard Heilemann etwa macht bis zu 30 Prozent seines Umsatzes mit Saisonware wie Thüringer Rostbratwurst oder Aktionsware für Discounter. Seine drei Betriebe, unter anderem Müllers Hausmacher Wurst und Keunecke Feinkost, sind stark von Leiharbeitern abhängig. „Wenn Aldi einen halbe Million Dosen Hirsch- und Wildgulasch bestellt, brauchen wir kurzfristig mehr Personal. Sonst gehen die Aufträge an die Großen der Branche oder ins benachbarte Ausland“, fürchtet Heilemann. In Polen oder in den Niederlanden sei Leiharbeit in der Fleischbranche eben nicht verboten, betont Dhem.

    Wursthersteller in der Sandwichposition

    Wurstproduzent Stockmeyer beschäftigt rund 1000 Arbeitskräfte, darunter 285 Mitarbeiter von externen Dienstleistern fürs Verpacken und 30 Leiharbeiter in der Produktion. „Flexibilität ist für uns überlebenswichtig, denn unser Sortiment ist sehr volatil“, so Geschäftsführer Karl Horst Gehlen. „Wenn wir nicht pünktlich liefern können, müssen wir empfindliche Strafe zahlen.“ Für ihn verstößt das geplante Gesetz gegen die Dienstleistungsfreiheit in der EU.

    Tobias Metten, Wurstunternehmer in vierter Generation aus dem Sauerland, beschäftigt 350 eigene Mitarbeiter. Hinzu kommt noch ein Fünftel an Leiharbeitern und Werkverträglern. „Bei uns gibt es keine Ausbeutung“, betont er. Ohne Flexibilität beim Personal zu Weihnachten oder Karneval könne er nicht genügend Bockwurst produzieren. „Wir liefern zum Großteil Frischware, die lässt sich nicht vorproduzieren.“

    Schon heute seien die Margen in der Branche sehr niedrig, gibt Gehlen zu bedenken. Denn das Wurstgeschäft ist hart umkämpft. Ein Drittel des Marktes beliefert der Lebensmittelhandel mit eigenen Wurstwerken. Für den Rest des Marktes stehen rund 150 Hersteller. „Diese meist familiengeführten Unternehmen befinden sich in einer Sandwichposition“, erklärt Branchenexperte Klaus-Martin Fischer von der Beratung Ebner Stolz. „Auf der einen Seite eine Handvoll mächtiger Schlachtkonzerne, auf der anderen Seite vier große Handelsketten, die den Markt bestimmen und die Preise diktieren.“

    „Die deutsche Branche hat Überkapazitäten und ist zersplittert“, konstatiert der Experte. Er warnte schon vor Corona vor rapide zunehmenden Pleiten. Schon seit einigen Jahren fressen die Großen in der Branche die Kleinen.

    Die Nummer eins Zur Mühlen hat schwächelnde Konkurrenten wie Nölke und Lutz geschluckt. Zur Mühlen gehört zur Tönnies-Gruppe. Der Corona-Massenausbruch bei Deutschlands größtem Schlachter hat die verschärften Maßnahmen für der Branche angestoßen.

    „Wir haben nichts gegen Wurst und Fleisch“, betonte die stellvertretende Vorsitzende der SPD-Fraktion im Bundestag, Katja Mast, am Freitag. „Wir wollen ein Geschäftsmodell beenden, das es viel zu lange in Teilen der deutschen Fleischindustrie gab.“ Wer bislang alles richtig gemacht habe, habe auch nach dem Gesetz nichts zu befürchten.

    Mehr: Was die Fleischbranche vom Verbot von Werkverträgen hält

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    Mehr zu: Fleischbranche - Wursthersteller rebellieren gegen drohendes Verbot von Leiharbeit
    2 Kommentare zu "Fleischbranche: Wursthersteller rebellieren gegen drohendes Verbot von Leiharbeit"

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    • Es gibt nichts zu sagen gegen Leiharbeit um Spitzenbelastungen und Saisonarbeit auszugleichen. Nur, sie darf nicht billiger, sondern muss teurer für den Unternehmer sein als die festangestellte Kraft. So ist gewährleistet, dass der Unternehmer schon aus Eigeninteresse nur dann Leiharbeiter einsetzt wenn es nicht anders geht. Zudem müssen die Leiharbeiter für gleiche Arbeit gleichen Lohn bekommen damit es in der Belegschaft und den Betriebsräten keine innere Spaltung gibt. Die Marge der Leiharbeitsfirma ist dann durch den höheren Preis der Leiharbeit finanziert. Alles andere ist purer und billiger Lobbyismus, dem nachzugeben nicht passieren darf.

    • Das übliche Verfahren beim Lobbying - jedem seine Extrawurst!

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