Genossenschaft: Hier mach ich mit, hier kauf ich ein
Köln. Am Montagabend nach der Bundestagswahl wollen Miri, Johannes, Mareijke und die anderen über eine ganz andere Frage abstimmen: Soll ihr Supermarkt an Karsamstag öffnen? Schon über die Karnevalstage machen sie zu – das hier ist immer noch Köln –, aber was ist mit dem Samstag vor Ostern? Erst mal Schweigen in der Videokonferenz.
Dann schlägt Mareijke eine Umfrage im nächsten Newsletter vor. Miri sagt, sie könnten doch nicht alle Nase lang den Laden schließen. Martin stimmt ihr zu. „Kann uns noch mal jemand sagen, wann Ostern ist?“, fragt Miri. Kurzerhand erstellt Johannes eine digitale Abstimmung. Acht Teilnehmer sind dafür, an Ostersamstag zu öffnen, vier enthalten sich. Die Sache ist beschlossen.
Der Supermarkt Köllektiv liegt in der Kölner Südstadt, dort, wo die Stadt noch ein bisschen alternativer ist. Ein Supermarkt wie Rewe oder Aldi aber ist er nicht. Größe und Sortiment erinnern eher an einen Bioladen, es gibt nicht einmal Einkaufswagen. Im Kühlschrank liegen zwei Sorten vegane Butter, diverse Tofuprodukte, aber kein Gramm Fleisch.
Und noch etwas ist anders: Wer hier einkauft, dem gehört der Laden auch ein kleines bisschen, mindestens zwei Anteile von je 50 Euro. Köllektiv ist ein genossenschaftlicher Mitmachsupermarkt, einer der ersten in Deutschland, Eröffnung war im Oktober 2024.
Anders wirtschaften, nennt Köllektiv-Sprecherin Elisa Flasche das, was sie hier machen. Andere Produkte, anders arbeiten. Alles ist bio, dazu möglichst regional, saisonal und fair. Weil sich solche Waren aber viele nicht leisten können, bringen die Köllektivisten, wie sie sich nennen, ihre Arbeitskraft ein. Drei Stunden im Monat helfen sie hier mit ohne Bezahlung, außerdem beschäftigt die Genossenschaft drei Minijobber, die den Überblick behalten sollen.
Weil das Personalkosten spart, bieten sie die Produkte zum Selbstkostenpreis an, Einkaufspreis plus 30 Prozent. So seien die Waren im Schnitt 15 bis 20 Prozent günstiger als im Biosupermarkt, sagt Flasche.
Doch viele wollen nicht bloß günstiger Biolebensmittel einkaufen, sondern sich auch in den Supermarkt einmischen. Dafür gibt es diverse AGs, was in diesem Fall nicht für Aktiengesellschaft, sondern für Arbeitsgruppe steht. Diese Arbeitsgruppen beschäftigen sich mit Marketing, IT, Sortiment. Bevor ein Produkt im Regal landet, wird es geprüft. Bio allein reicht nicht.
Elisa Flasche denkt noch immer mit Schrecken daran zurück, als sie mexikanische Biokartoffeln im Supermarkt sah und sich fragte: Muss das sein? Deshalb wird es im Köllektiv auch im Januar niemals Blaubeeren aus Guatemala geben, auch auf Tomaten muss man hier im Winter verzichten. Über die Avocado wurde heiß debattiert wegen des hohen Wasserverbrauchs, bis ein Kompromiss gefunden war. Sie kommen nun aus Spanien, nicht aus Peru.
Veto nur mit Gegenvorschlag
Einmal im Jahr ist Generalvollversammlung der Genossenschaft, um die großen Themen zu besprechen. Für alles andere treffen sich die, die Zeit haben, jeden zweiten Montagabend im Onlineplenum. Dann sprechen sie nicht nur über die Öffnungszeiten, sondern suchen auch jemanden, der Kontakt zu einem Kölner Kino hat, in dem sie einen kritischen Dokumentarfilm über Erntehelfer in Europa zeigen können.
Wer überhaupt nicht mit einem Vorschlag einverstanden ist, darf sein Veto einlegen, muss aber einen Gegenvorschlag machen. Es gibt eine Tagesordnung. Die Abende sollen nicht ausufern. Auch wenn das Plenum am Montag nach der Wahl bereits nach einer Stunde vorbei ist, merkt man: Die Mitglieder wollen auch Teil eines größeren Ganzen sein, das sich für eine gute Sache einsetzt. Etwas bewirken, statt sich ohnmächtig zu fühlen. „Gemeinschaftlich anders einkaufen“, lautet der Slogan.
Dabei wäre das Projekt beinahe gescheitert, noch bevor der Supermarkt zum ersten Mal seine Türen öffnete. 2020 fanden sich die ersten Interessierten zusammen. Eine Kölnerin hatte eine Doku über den bekanntesten aller Mitmachsupermärkte gesehen, Park Slope Food Coop in Brooklyn, New York, gegründet 1973.
Die Frau dachte sich, so etwas müsse doch auch in Köln möglich sein. So erzählt es jedenfalls Elisa Flasche, die Frau selbst möchte nicht öffentlich in Erscheinung treten. Sie suchte dann also Mitstreiter. So ging es los. 2022 entschieden sie sich für die Genossenschaft als Organisationsform, „das Sinnbild der demokratischen Entscheidung“, sagt Flasche. Jeder hat nur eine Stimme, egal, wie viele Anteile er besitzt.
Ahnung vom Lebensmittelhandel hatte keiner, aber die zwei größten Herausforderungen waren andere: genug Geld einzusammeln und eine geeignete Immobilie zu finden.
Der Supermarkt stand auf der Kippe
Die Suche nach einem Ladenlokal ist in Köln sowieso nicht ohne, aber das Problem war ein spezielles: Die Räume brauchten eine Nutzungsgenehmigung für den Betrieb eines Lebensmittelladens. Wer die erst noch beantragen müsse, warte schon mal neun bis zwölf Monate bis zur Erteilung durch die Stadtverwaltung, sagt Flasche.
So lange vor der Eröffnung wollten die Köllektivisten die Immobilie nicht mieten. Nicht nur einmal hätte es geeignete Räume gegeben, aber es fehlte die Genehmigung. In dieser Zeit schwand bei vielen die Motivation, schließlich machten das alle in ihrer Freizeit. Der Supermarkt stand auf der Kippe. Doch dann stießen sie auf diesen Unverpackt-Laden in der Südstadt, die Betreiberin wollte aufhören. Die Nutzungsgenehmigung lag vor.
Auch bei der Finanzierung wurde es kurz eng. Die Genossenschaftsanteile allein reichten nicht, 80.000 Euro waren fest als Kredit eingeplant. Doch die GLS-Bank, so sagt Flasche, verlangte, dass die Vorstandsmitglieder persönlich bürgen. Das wollte ihnen niemand zumuten. Deshalb sprangen einige Genossenschaftsmitglieder mit Krediten ein.
Konkurrenz gibt es nicht
Geholfen hat ihnen in dieser Zeit auch der Austausch mit anderen Mitmachsupermärkten in Deutschland. Man hilft sich, statt miteinander zu konkurrieren. Im Juli 2021 eröffnete der Foodhub in München, wenige Wochen später der Supercoop in Berlin. Der Laden in München trägt sich bereits. 2024 lag der Umsatz bei 2,34 Millionen Euro, sagt Mitgründerin Kristin Mansmann. 2400 Mitglieder hat die Genossenschaft. „Schafft klare Entscheidungsstrukturen und entscheidet nicht alles gemeinsam“, rät sie. Der Supercoop in Berlin hat mehr als 1800 Mitglieder und macht laut einer Sprecherin noch Verluste. Was auch mit den gestiegenen Preisen für Energie und Miete zu tun habe.
Die Kölner hatten bis Ende 2024 mit 450 Mitgliedern kalkuliert, doch auch jetzt liegen sie erst bei 425. „Wir hätten uns mehr erhofft“, sagt Elisa Flasche. Mehr Mitglieder bedeutet mehr Menschen, die einkaufen. Mehr Mitglieder bedeutet längere Öffnungszeiten, weil mehr Personal zur Verfügung steht.
Auch mit dem Umsatz liegen sie deshalb hinter den Erwartungen zurück, sagt Vorstandsmitglied Johannes Wessiepe, der für die Buchhaltung verantwortlich ist. Das habe aber auch damit zu tun, erklärt er, dass sie das Sortiment nicht so schnell haben erweitern können wie geplant.
Noch mangelt es an Kühlmöglichkeiten, und im Winter ist die Auswahl an regionalem Gemüse eher gering. Sie liegen bei 1200 Artikeln. Für ein Vollsortiment müssten es mehr als 2000 sein. „Ich habe die Zahlen im Blick, aber Sorgen mache ich mir nicht“, sagt Wessiepe. Ende 2026 könnten sie erstmals kostendeckend arbeiten, schätzt er. Sollte die Genossenschaft irgendwann Gewinne machen, werden die nicht an die Mitglieder ausgeschüttet, sondern investiert.
Die Mitgliederwerbung hätten sie etwas schleifen lassen, gibt Elisa Flasche zu. Eine Erklärung für sie: In diesen politisch bewegten Zeiten waren die Köllektivisten, tendenziell grüne Bubble, auch mit anderen Dingen beschäftigt.
Neue Genossenschaftler suchen sie zum Beispiel bei regelmäßigen Infoabenden im Laden. So wie an einem Dienstagabend im Februar, draußen ist es kalt und dunkel. Auf einem Tisch liegen Wahlwerbung für die Grünen und Sticker gegen Rassismus und Björn Höcke, außerdem ein Stapel Aufkleber mit dem Satz „Solange Kakaobohnen auf Bäumen wachsen, sind Dominosteine für mich Obst“. Daneben sind an ein Gitter die Namensschilder der Mitarbeitenden geklemmt, immer nur der Vorname. Manchmal kommen zu diesen Infoabenden zehn Menschen, manchmal reichen die Stühle gerade so aus, heute aber betreten nur zwei Interessierte nach Ladenschluss das Geschäft: ein älterer Mann in roten Turnschuhen und eine ältere Frau aus der Eifel, die sich ein Halstuch als Stirnband umgebunden hat.
Noch bevor es losgeht, erwähnt Caro, eine der beiden Vortragenden, dass jemand eine Kiste Topinambur vorbeigebracht habe, ein Wurzelgemüse. Könne man gern kostenlos mitnehmen. Die Frau aus der Eifel winkt ab. Sie hat mal wochenlang nur Topinambur gegessen, jetzt ist erst mal genug. Sie empfiehlt, wer es zum ersten Mal esse, solle sich besser für den nächsten Morgen nichts vornehmen.
Im Vortrag geht es darum, Motor des Wandels zu sein, um 360-Grad-Bewusstsein und „not for profit“. Nach 40 Minuten ist der Abend vorbei. Der Frau ist der Weg aus der Eifel gerade ein bisschen zu weit, um sich regelmäßig im Köllektiv zu engagieren. Der Mann immerhin überlegt, einen Monat auf Probe Mitglied zu werden. Und könnte dann bald stolzer Supermarktbesitzer werden.