Zölle: Wie deutsche Start-ups vom US-Handelskonflikt profitieren
Berlin. Einige deutsche Start-ups profitieren von dem Handelsstreit mit den USA. Unternehmen wie Celonis, Prewave, Tacto und Osapiens setzen Künstliche Intelligenz (KI) ein, um Risiken durch mögliche Zölle und Gegenmaßnahmen zu bewerten und teilweise Lösungen anzubieten. In den aktuell unsicheren geopolitischen Zeiten gewinnen sie neue Kunden, die einen besseren Überblick über die eigenen Lieferketten erhalten wollen.
„Wir verzeichnen insbesondere von produzierenden Unternehmen großes Interesse und eine starke Nachfrage“, sagt Florian Schewior, der bei Celonis seit Kurzem die Geschäfte im deutschsprachigen Raum verantwortet, dem Handelsblatt. Die Software des Münchner Unternehmens ermöglicht es Kunden, finanzielle Belastungen durch mögliche Zölle zu berechnen und ihre Beschaffung entsprechend anzupassen. Zu den Kunden des international tätigen Spezialisten für Geschäftsprozessanalysen zählen Großkonzerne wie BMW, Alstom und die Deutsche Telekom.
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Auch kleinere Konkurrenten wie Prewave, Osapiens und Tacto profitieren vom gestiegenen Interesse an Informationen über Lieferketten. Seit Mitternacht gelten US-Zölle in Höhe von 25 Prozent auf alle Stahl- und Aluminiumimporte aus der EU.
Die EU hat am Mittwochmorgen Gegenmaßnahmen angekündigt: Ab dem 1. April sollen Extrazölle auf die Einfuhr amerikanischer Produkte wie Whiskey, Motorräder und Boote gelten. In einem zweiten Schritt plant die EU-Kommission, ab dem 13. April weitere Gegenzölle auf Produkte wie Geflügel und Rindfleisch sowie Industriegüter zu erheben.
Unsicherheiten sorgen für steigende Nachfrage
„Die Nachfrage nach unserer Software ist aufgrund der aktuellen Unsicherheiten in den Lieferketten gestiegen“, bestätigt Tacto-Chef Andre Petry. Potenzielle Kunden des Münchner Start-ups interessierten sich derzeit auch für KI-basierte Analysen, um Einsparmöglichkeiten im Einkauf zu identifizieren.
Die Anwendung, die sich an mittelständische Unternehmen richtet, hilft Kunden dabei, herauszufinden, welche Lieferanten und Einkaufsartikel von Zolländerungen betroffen sind. Die Software erfasst und analysiert zollrelevante Informationen wie den Warenursprung. Die Informationen ermöglichen es den Kunden, schneller zu reagieren und frühzeitig Kontakte zu neuen Lieferanten zu knüpfen.
Das Wiener Start-up Prewave bietet ähnliche Dienstleistungen an. „Unsere Kunden können analysieren, wie stark sie in bestimmten Bereichen von einzelnen Ländern abhängig sind“, erklärt Firmenmitgründer Harald Nitschinger. Es sei auch möglich zu ermitteln, ob ein Lieferant Produkte aus Mexiko bezieht und somit von den Zöllen betroffen ist, was sich möglicherweise auf die Preise auswirken könnte.
Um Kunden über mögliche Folgen einer verschärften US-Zollpolitik zu informieren, veranstaltete Prewave kürzlich ein Webinar. „Wir hatten auf einmal 500 Teilnehmer, darunter Bestandskunden, aber auch Interessenten. Das waren mehr als doppelt so viele wie sonst“, berichtet Nitschinger. Prewave plant nun, sein Angebot zu erweitern, um Interessierten künftig besser bei der Suche nach Alternativen helfen zu können. Laut dem Unternehmen sind derzeit 1,3 Millionen Zulieferer im System erfasst.
Seit dem Beginn des Ukrainekriegs und der Coronapandemie erleben die Analysetools der KI-Start-ups einen Boom. „Die aktuelle geopolitische Lage verstärkt die Notwendigkeit für Unternehmen, Risiken in ihren Lieferketten frühzeitig zu identifizieren und notwendige Maßnahmen abzuleiten“, erklärt Osapiens-Mitgründer Matthias Jungblut.
EU-Lieferkettengesetz beschert Start-ups ebenfalls neue Kunden
Das weckt das Interesse von Investoren. So erhielt die Mannheimer Firma Osapiens im vergangenen Jahr 120 Millionen Dollar von der US-Bank Goldman Sachs. Osapiens analysiert Daten aus verschiedenen Quellen, darunter Indizes, Berichte, Nachrichten, Zoll- und Handelsregister sowie interne Informationen mithilfe von KI.
Auch der dänische Frühphaseninvestor Kompas VC hat sich an dem Start-up Makersite beteiligt, das globale Lieferketten überwacht. Andreas Winter-Extra von Kompas VC sieht großes Potenzial in solchen Start-ups. Kunden wiederum sollten beachten, dass sich die meisten kleineren Anbieter im Gegensatz zu großen Konzernen wie SAP häufig nur auf einzelne Lösungen spezialisiert haben.
Neben dem Zollkonflikt spielt auch das umstrittene EU-Lieferkettengesetz für Start-ups in diesem Bereich weiterhin eine Rolle. Das Gesetz kurbelte ihre Geschäfte zuletzt deutlich an, denn es verpflichtet Unternehmen, Standards wie das Verbot von Kinderarbeit und Ausbeutung über die gesamte Lieferkette hinweg einzuhalten – auch bei ihren Lieferanten.
Start-ups wie Prewave und Tacto unterstützen die Unternehmen durch ihre KI-basierten Analysen der Lieferketten dabei, die Vorgaben einzuhalten. Nun plant die EU-Kommission, das Gesetz abzuschwächen und die Berichtspflicht zu vereinfachen. Makersite rechnet jedoch nicht damit, dass sich das negativ auf das Geschäft auswirkt. Die Berliner Firma erklärte, die jüngsten Änderungen milderten zwar einige Aspekte der EU-Verordnungen zur Lieferkette ab, doch die Auswirkungen seien nach wie vor erheblich.