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Dormakaba-Chef Reuter„Fünf-Jahres-Pläne wie in China haben durchaus geholfen“

Der frühere Kuka-Chef spricht darüber, wie Deutschland aus der ökonomischen Krise kommen kann, wie er mit den neuen Zöllen der USA umgehen will und warum er am chinesischen Markt festhält.Peter Brors 18.02.2025 - 17:08 Uhr Artikel anhören
Till Reuter: Während seiner Amtszeit als Kuka-Chef wurde der Roboterbauer nach China verkauft. Foto: Dormakaba

München. Vor etwa einem Jahr hat Till Reuter den Vorstandsvorsitz des Schweizer Milliardenkonzerns Dormakaba übernommen. Dort soll er nun wiederholen, was ihm einst beim deutschen Roboterbauer Kuka gelang: den Konzern neu zu positionieren und den Börsenwert zu erhöhen. Kuka wurde schließlich – nicht unumstritten – für mehr als vier Milliarden Euro an den chinesischen Midea-Konzern verkauft.

So kennt Reuter die global wichtigen Wirtschaftsräume allesamt gut und warnt vor zu viel Regulierung, langen Zulassungsverfahren und hohen Standortkosten in Europa. Die Energiepreise müssten runter, und die Bürokratie müsse eingedämmt und das Innovationsklima stärker gefördert werden.

Lesen Sie hier das komplette Interview mit Till Reuter:

Herr Reuter, Sie haben vor Jahren den Roboterbauer Kuka nach China verkauft und führen nun einen international agierenden Milliardenkonzern mit Sitz in Zürich. Wie verfolgen Sie mit Ihrer globalen Expertise die Diskussionen über einen Niedergang der deutschen Wirtschaft?

Mit Besorgnis – denn wenn Deutschland als stärkste Volkswirtschaft Europas lahmt, verliert der gesamte Kontinent an Zugkraft. Deshalb: Die politischen Rahmenbedingungen müssen besser, vor allem wieder verlässlicher werden. Die Energiekosten müssen runter, die Bürokratie gehört eingedämmt, und das Innovationsklima muss gefördert werden. Alles keine Zauberei, aber was vor allem fehlt, ist der Wille zur konsequenten Umsetzung.

Wie würden Sie die Innovationskraft fördern?
Ich komme gerade aus meiner Vorlesung an der TU München für Unternehmensführung. Und die Studierenden mussten mir ein Konzept vorstellen, wie sich ein Geschäftsmodell basierend auf Robotik und Digitalisierung skalieren lässt. Meine Erkenntnis: Wir haben hervorragende Hochschulen, und wir haben erstklassig ausgebildete junge Leute, die auch den Willen und die Fähigkeit mitbringen, Innovationen anzugehen und zu treiben.

Die Zulassungszeiten für neue Medikamente sind in den USA nicht halb so lang wie bei uns in Deutschland und Europa.

Aber?
Viele junge Gründer machen die ersten Schritte in Deutschland, erhalten auch das nötige Risikokapital für die Startphase. Doch in dem Moment, wo es dann darum geht, eine gewisse Größe mit ihren Produkten oder Dienstleistungen zu erreichen, da gibt es andere Regionen, die es den Gründern mit schlankeren Regulierungsvorschriften wesentlich einfacher machen. Und deshalb wandern spätestens dann viele in die USA oder nach Asien ab.

Woran denken Sie dabei konkret?
Etwa an alle Innovationen aus dem Bereich autonomes Fahren: Glauben Sie ernsthaft, dass deutsche Gründer auf diesem Zukunftsfeld hier angesichts der ungezählten Vorschriften mit Blick auf die Straßenverkehrsordnung, die ethischen Fragestellungen und entsprechend ewig dauernden Genehmigungsverfahren eine echte Chance hätten?

Haben Sie noch ein Beispiel?
Nehmen wir das Beispiel Pharma: Die Zulassungszeiten für neue Medikamente sind in den USA nicht halb so lang wie bei uns in Deutschland und Europa. Und dann ist da natürlich auch die völlig überregulierte Bauwirtschaft, unser Haupttätigkeitsbereich mit Dormakaba als innovativem Schließtechnikanbieter.

Worauf zielen Sie ab? Die Mietendeckeldiskussion?
Dass die aus sozialer Sicht gut gemeinten Mietendeckel eher dazu führen, dass Investoren statt mehr eher weniger bauen – übrigens auch was die Sozialwohnungen angeht –, dürfte inzwischen eigentlich jeder verstanden haben.

Vita Till Reuter
Der Betriebswirtschaftler und Jurist Till Reuter arbeitete von 1999 bis 2008 als Investmentbanker unter anderem für Morgan Stanley, die Deutsche Bank und Lehman Brothers. Aus dem Aufsichtsrat heraus übernahm er 2009 zunächst kommissarisch als CEO die Führung des Roboterbauers Kuka. Er fand Gefallen am operativen Geschäft und machte aus dem Sanierungsfall einen Automatisierungsspezialisten. Unter seiner Führung wurde Kuka dann 2016 an den chinesischen Midea-Konzern verkauft, was viel Kritik auslöste. Zwei Jahre später musste er gehen, zwischenzeitlich war er unter anderem Aufsichtsratsvorsitzender bei der Molkerei Theo Müller. Seit 2024 ist er Vorstandschef von Dormakaba.
Dormakaba zählt mit einem Umsatz von umgerechnet rund drei Milliarden Euro und mehr als 15.000 Mitarbeitern zu den drei weltweit führenden Unternehmen für Zugangs- und Sicherheitslösungen. Hervorgegangen ist die Gruppe vor zehn Jahren aus der Fusion des deutschen Familienunternehmens Dorma mit dem Schweizer Kaba-Konzern. Dormakaba ist an der Schweizer Börse notiert, die Alteigentümerfamilien der beiden Vorgängerunternehmen halten etwa 28 Prozent der Aktien.

Was noch?
Ich denke auch an die vielen Vorschriften, wie zu planen ist, wie zu dämmen ist, wie überhaupt zu bauen ist. Es gibt inzwischen so viele tolle Innovationen für modulares Bauen, die zu höherer Geschwindigkeit und niedrigeren Kosten führen. Aber das politische Klima ist darauf überhaupt nicht ausgerichtet und schadet damit am Ende sogar den eigenen sozialen Wunschvorstellungen.

Deutschland ist für Sie als Anbieter von Sicherheitsschließtechnik mit 320 Millionen Euro Umsatz nach den USA gleichwohl der zweitwichtigste Markt. Wie kalkulieren Sie im laufenden Jahr?
Wir gehen nicht davon aus, dass sich in Deutschland das Bauvolumen trotz aller Beteuerungen der Politik erhöht. Entsprechend rechnen wir bundesweit auch nur mit einem moderaten Wachstum von etwa fünf Prozent. Wachsen müssen und werden wir woanders.

Dormakaba-Zentrale: Der Schweizer Konzern orientiert sich zunehmend an den Märkten Chinas und der USA, Deutschland wird eine Wachstumsschwäche attestiert. Foto: Dormakaba

Wo denn?
Die USA und auch China sind, was die konjunkturellen Aussichten angeht, deutlich spannender, insbesondere mit Blick auf unsere jüngsten Innovationen wie etwa eine neue automatisierte Personenkontrolle für Flughäfen, die die Dauer beim Security-Check deutlich reduziert. Oder auch unsere neue Technik namens „MotionIQ“ für automatische Schiebetüren.

Was ist dabei neu?
Die errechnet mithilfe von intelligenten Algorithmen die optimale Spanne, in der eine derartige Tür geöffnet sein muss, ehe sie sich wieder schließt. Das hilft sehr beim Energiesparen durch das Vermeiden von unnötigem Wärmeverlust und trägt so auch zum Klimaschutz bei.

Sie sprechen die USA an, Ihren mit 750 Millionen Euro Umsatz wichtigsten Markt. Gerade vergeht kaum ein Tag, an dem der neue US-Präsident nicht mit Zöllen in die Marktmechanismen eingreift. Wie gehen Sie damit um?
Mit breitestmöglicher Diversifikation, was bedeutet: Unsere jeweiligen Landesgesellschaften sind sehr eigenständig und bearbeiten fast ausschließlich jeweils die lokalen Märkte. Damit reduzieren wir die Folgen von Unwägbarkeiten auf einzelne Teile im Konzern.

Aber funktioniert das wirklich? Wenn wir richtig recherchiert haben, dann planen Sie gerade nicht nur, mehrere Hundert Arbeitsplätze aus der Schweiz, Deutschland und anderen europäischen Ländern nach Bulgarien zu verlagern. Sie wollen auch verstärkt die USA aus Mexiko beliefern. In Kanada haben Sie ebenfalls eine Produktion. Vor allem diesen beiden Ländern hat Donald Trump mit Zöllen gedroht. Müssen Sie nicht umdenken?
Das ist in der Tat eine herausfordernde Situation, die sie nahezu unentwegt beobachten und analysieren müssen. Noch ist nicht klar, wie genau die neuen Zölle aussehen werden, etwa auf welche Teilprodukte sie Anwendung finden. Aber ja, politische Verlässlichkeit sieht anders aus. Da sind wir wieder bei den Rahmenbedingungen. Fünf-Jahres-Pläne mit wichtigen ökonomischen Eckdaten, die in China üblich sind, wurden im Westen oft stark kritisiert. Manchem Unternehmer haben sie aber durchaus geholfen.

Robotik gilt inzwischen als Schlüsseltechnologie und China wieder als politischer Systemfeind und damit als ein strategischer Wettbewerber.

Wie blicken Sie überhaupt inzwischen auf China? Sie haben 2016 den Robotikanbieter Kuka an den chinesischen Midea-Konzern verkauft – und dafür viel Kritik einstecken müssen.
Damals, und ich spreche rückblickend wahrscheinlich vom Höhepunkt der Globalisierung, wollte in Deutschland niemand Kuka kaufen. Die Eigentümer, unter anderem Voith und die Loh-Gruppe, sahen stattdessen eine gute Gelegenheit: Sie wollten durch einen Verkauf in einem Geschäftsfeld Kasse machen, das für beide nicht zentral war. Andere potenzielle deutsche Käufer, darunter auch größere Konzerne, winkten alle ab mit der Begründung, der Markt für die Kuka-Produkte sei nicht groß genug.

Und heute...?
...sind viele schlauer: Robotik gilt inzwischen als Schlüsseltechnologie und China wieder als politischer Systemfeind und damit als ein strategischer Wettbewerber, was in dieser Ausprägung ebenfalls damals so nicht absehbar war.

Mit Dormakaba sind Sie indes weiter an vier Standorten in China vertreten. Was versprechen Sie sich von dem Markt? Haben Sie keine Sorge vor dem Abfluss von Know-how?
Erstens kenne ich aus meiner zweijährigen Tätigkeit im Midea-Vorstand Land und Leute ganz gut. Zweitens ist der Markt für Schließtechnik dort noch im Aufbau begriffen. Die chinesische Mittelschicht beginnt gerade erst damit, in Wohneigentum zu investieren. Und solange das so ist, ist es unproblematisch, mit chinesischen Partnern den Markt zu erschließen. Wir liefern die Technik und der heimische Partner die Zugänge.

Diese Überlegungen hatte lange auch die deutsche Autoindustrie.
Genau, und irgendwann ist dann der Zeitpunkt gekommen, wo Sie prüfen müssen, ob man als Mittelständler langfristig den Markt weiterbearbeiten kann oder kapitalseitige Beteiligungen zulassen muss, um eine führende Rolle auf dem chinesischen Markt entweder zu halten oder zu erreichen.

Das bedeutet dann aber möglicherweise, dass hochinnovative Unternehmen wie etwa Kuka für Europa und Deutschland verloren gehen könnten…
Das muss nicht so sein. Wenn wir in Europa unseren technologischen Vorsprung halten, braucht uns diese Entwicklung nicht zu schrecken. Hier bleibt das Zitat des ehemaligen Bundespräsidenten Horst Köhler zutreffend: Wir können um so viel teurer sein, wie wir besser sind.

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Herr Reuter, vielen Dank für das Interview.

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