Edwin und Philipp Kohl: Fließender Rollentausch
Das Verhältnis ist vertrauter geworden.
Foto: Sven Paustian für HandelsblattMerzig. Daran muss sich Edwin Kohl noch gewöhnen: Einfach dasitzen und zuhören, anstatt selbst den Ton angeben. Dass nicht er von der Zukunft spricht, von seinen vielen Ideen und Visionen fürs Unternehmen – sondern sein Sohn. Edwin Kohl hat aus einem Ein-Mann-Betrieb in der saarländischen Provinz einen Pharmakonzern mit rund 800 Mitarbeitern und einem Umsatz von 700 Millionen Euro gemacht.
Doch nun ergreift Philipp Kohl das Wort. Seit fast drei Jahren arbeitet der Wirtschaftswissenschaftler jetzt schon für die Kohl Medical AG, zu der Deutschlands größter Arzneimittelimporteur Kohlpharma gehört, aber auch die Apothekenkooperation Avie. „Unser Geschäft ist kompliziert, man braucht viel Erfahrung, muss den gesamten Markt kennen, um der Verantwortung für das Unternehmen und seine Mitarbeiter gerecht zu werden“, sagt der 29-Jährige. „Ich werde mir deshalb die Zeit für eine vernünftige Einarbeitung nehmen.“
Es ist das erste Mal, dass der Junior sich öffentlich äußert. Bislang war er schlicht der Nachkomme eines reichen Mannes, der nach dem Studium an der Privatuni Witten/Herdecke gemächlich ins Familienunternehmen eingestiegen ist. Doch vor gut einem Jahr regelte Vater Edwin, der mit seinem Unternehmen in Merzig über Jahrzehnte ein Vermögen verdient hat, recht überraschend die Nachfolge.
Auch aus steuerlichen Gründen, wie er stets betont, überschrieb er zu gleichen Teilen seinen Söhnen Philipp und Nikolaus den Großteil der Firma. Zuvor schon kaufte er seiner geschiedenen Frau das fünfprozentige Aktienpaket ab, das er ihr in den 1990er-Jahren vermacht hatte. Wer von den beiden später mal den Chefposten übernimmt, bekommt die entscheidende Aktie mehr, sagt der Senior. Und da Nikolaus Kohl, Jahrgang 1983, als Start-up-Unternehmer in Berlin lebt, ist es Philipp, auf dem die Hoffnungen der Zukunft ruhen.
Der Zukunft wohlgemerkt. Denn Edwin Kohl denkt gar nicht an Ruhestand, auch nicht mit seinen 67 Jahren. „Ich möchte meine Gesellschafterstruktur zukunftssicher halten“, sagt er über den eingeleiteten Generationswechsel. Langfristig, sagt Philipp – und betont dabei vor allem den ersten Teil des Wortes – könnte er sich auch die Nachfolge des Vaters als Geschäftsführer vorstellen.
Gerade ist es noch schwer vorstellbar, dass Edwin Kohl sein Lebenswerk einmal komplett in andere Hände gibt – auch wenn es die seines Sohnes sind. Denn mit der Firma hat er sich selbst verwirklicht. Der „Selfmade-Mann“, wie er gerne genannt wird, gehört zu den reichsten Familienunternehmern der Republik. Er, der Metzgerssohn, hat es geschafft, mit einer genialen Idee zum Millionär zu werden.
1979 begann er damit, Medizinprodukte aus den USA zu importieren, kurz danach konzentrierte er sich bereits auf den Re- und Parallelimport von Arzneimitteln aus anderen EU-Ländern. Das ist vom Gesetzgeber erwünscht, um die Arzneimittelversorgung in Deutschland wirtschaftlicher zu machen. Wie groß die Einsparungen tatsächlich sind, darüber streiten die Verbände seit Jahren. Doch Kohl, der bereits viele politische Wechsel erlebt hat, lässt sich nicht beirren. Ja, er habe in der Vergangenheit durchaus Rückschläge einstecken müssen, auch Niederlagen erlitten. Doch das gehöre dazu, kein Grund zu jammern.
Seine erste Geschäftsidee ist bis heute die erfolgreichste geblieben. Vieles hat nicht das gehalten, was es versprochen hat. Vor ein paar Jahren beispielsweise verkaufte der Pharmaunternehmer seine Anteile an der Elektroauto-Firma Mia Electric. Die Zahl der verkauften Wagen war weit hinter den Erwartungen zurückgeblieben. Auch die Firma Timber Towers, die Windkraftmasten aus Holz baut, konnte sich bislang nicht durchsetzen. Es sind gute, grüne Ideen und Visionen, die Kohl hat – die aber nicht den Massenmarkt erreichten.
Es ist der Arzneimittelimport, der in den Köpfen der Menschen hängen geblieben ist: „Edwin Kohl ist ein außerordentlich erfolgreicher Unternehmer und ein Feingeist“, sagt beispielsweise Ulrich Dietz, Gründer und Vorstandschef des IT-Dienstleisters GFT über Kohl. Die beiden kennen sich seit vielen Jahren. „Ich schätze insbesondere seinen Weitblick und Mut an ihm.“
Unter strenger Beobachtung
Doch auch der Junior hat mittlerweile etwas zu sagen. Während Philipp Kohl von seinen Erfahrungen im Vertrieb erzählt, von der Reputation, die die Firma des Vaters besitzt, von den Mitarbeitern, die ihn akzeptieren, von ersten unangenehmen Entscheidungen, die er mitgetragen hat – hört ihm der Senior genau zu, nickt zustimmend, ab und an mustert er ihn. Der Sohn übernimmt Verantwortung – aber unter stetiger Beobachtung.
Stolz sei er auf Philipp, sagt Edwin Kohl. Er gibt zu, dass das Verhältnis der beiden vertrauter geworden sei, seitdem sie miteinander arbeiten. Aber es ist ihm auch anzusehen, dass er sich noch daran gewöhnen muss, nicht immer automatisch im Mittelpunkt zu stehen. Vertauschte Rollen.
Es ist auch das Geschäft mit Avie, das es Philipp Kohl angetan hat. Die Apothekenkooperation – ein Franchise-Konzept – zählt derzeit 215 Mitglieder bundesweit, doch es sollen noch mehr werden. Kohl will mit dem Unternehmen „deutlich in die Akquise gehen“. Erst im Sommer 2016 musste der Geschäftsführer gehen, weil es mit ihm nicht so gelaufen sei, wie man sich das gewünscht hat, sagt Philipp Kohl. Er will nicht weniger als die „Apotheke der Zukunft“ etablieren. Ein großes Ziel.
Der Junior verschafft sich Gehör, mischt sich ein. Vorsichtig, fast schüchtern, immer wissend, dass sein Vater noch die Entscheidungen trifft. „Philipp ist ein fleißiger, ruhiger Mann, der das Geschäft schon als Kind kennen lernte“, sagt Brun-Hagen Hennerkes. Der Vorstandsvorsitzende der Stiftung Familienunternehmen hat die Entwicklung beider Söhne von „Ed Kohl“, wie er den Senior nennt, verfolgt. Und hält beide für qualifiziert genug, um dem großen Vater zu folgen. Hennerkes ist seit Jahren stellvertretender Aufsichtsratschef bei Kohlpharma, Edwin Kohl gehört dem Kuratorium der Stiftung an. „Edwin ist ein Unternehmer, der ein unglaubliches Gespür für die Politik hat. Und den engen Draht pflegt.“
Edwin Kohl ist ein Netzwerker, ein „bunter Hund“. Ihm gehört ein Gestüt, er sammelt Kunst, Antiquitäten, Wein, wohnt in einem umgebauten Palais aus dem 18. Jahrhundert. Und macht aus seinem Reichtum keinen Hehl.
Philipp Kohl dagegen liebt es, in der Natur zu sein. Seit er ins Saarland zurückgekehrt ist, geht er regelmäßig mit seiner Freundin auf die Jagd. Mehr brauche er eigentlich nicht, sagt er. Vater und Sohn – verschiedener könnten sie wohl nicht sein. Vielleicht ist aber genau das das Erfolgsgeheimnis ihres Miteinanders.